Kommt aber den Juden vom neuen Dreibund keine Hilfe, dann wandern sie bestimmt nach Amerika aus und gehen für die deutsche Sache verloren. Mit ihnen aber ein großes Nationalvermögen, — auch deshalb, weil ja jeder Emigrant etwas Geld bei sich haben muß, was bei einer solchen Völkerwanderung allein schon Millionenwerte ausmacht.
Die Zukunft von Deutschlands kolonisatorischer Tätigkeit liegt im Orient, in der Türkei. Wie kaum je wieder bietet sich eine Gelegenheit, die Kolonisation zu fördern. [pg 54] Kenner des Orients, wie Rohrbach, Auhagen, Paquet[25] u. a., sind gerade in letzter Zeit für diese Orientierung der deutschen [pg 55] Politik eingetreten. Schon früher plante übrigens der verstorbene Großherzog von Baden, das Interesse der Mächte für eine organisierte Kolonisation Palästinas durch die Juden wachzurufen.
Statt dessen hat man den franzosenfreundlichen Jesuiten, die neben zahlreichen Schulen eine Universität in Beirut gründeten, den russischen und griechischen Missionen Raum gegeben und hat die englischen Machinationen unter den Arabern geduldet.
Die neu-deutsche Judenpolitik darf des weiteren nicht in den Fehler verfallen, das jüdische Element im Osten den Polen auszuliefern. In ganz Galizien hat man die Juden dem Terrorismus der Polen überantwortet. Man denke sich, daß dort ca. 900000 Menschen ein deutsches Idiom sprechen, eine Sprache, die der deutschen nähersteht als die flämische Mundart. Gleichwohl konnte man in Österreich nicht erreichen, daß das „Jiddisch“, wie es genannt wird, die Rechte einer Sprache bekam. Obwohl es eine Unzahl von Zeitungen gibt, die täglich in diesem Dialekt geschrieben werden, und deren Blätter u. a. in Lemberg, Lodz, Krakau etc. erscheinen (Warschauer und New Yorker Blätter in Jiddisch haben Auflagen von über 100000 Exemplaren), war diese Sprache „von Rechts wegen“ verpönt! Der Kaufmann sollte seine Rechnungsbücher damit nicht führen dürfen, Eingaben an die Regierung waren unstatthaft, während unterdessen die jiddische schöne Literatur in alle Sprachen übersetzt wurde, und Theaterstücke, ins Hochdeutsche übersetzt, Sensation in Berlin hervorriefen!
Auch heute hat die deutsche Regierung die Bedeutung dieses Jargons noch nicht erfaßt. Eine Volksschicht, die in polnischen Gebieten lebt, greift aber, wenn sie ihre Muttersprache lassen muß, nicht zu dem dieser nahverwandten Deutschen, sondern zum Polnischen. Es liegt kein Grund vor, die Polen künstlich zu stärken und ein [pg 56] Volkstum, das sich sprachlich ans Deutsche anlehnt, seiner Nationalität zugunsten der polnischen gewaltsam zu entkleiden.
Sollten größere polnische Bezirke Deutschland und Österreich angegliedert werden, so muß das Recht der Minorität geschützt werden. Das moderne Polentum hat sich noch nicht als maßvoller und zuverlässiger Charakter erwiesen. Wo sie es nur konnten, haben die Polen die Juden bedrückt und ausgenutzt. Die galizischen Wahlen waren wahre Schlachttage der Schlachta. In vielen Orten floß jüdisches Blut, weil die Juden keine Polen wählen wollten. Noch schlimmer erging es den Juden in Russisch-Polen, wo sie den Polen und Russen gänzlich ausgeliefert waren.
Wenn die Franzosen und Italiener von „unerlösten Völkern“ sprechen, dann haben sie kaum der armen Juden gedacht, und sicherlich nie eine Hand gerührt, um deren Los zu erleichtern.[26] Und sie hätten es doch so bequem. Sie brauchten bloß ihren Bundesgenossen „darauf aufmerksam zu machen“. — — —
Die Lage des jüdischen Volkes in Galizien ist eine viel bessere als jenseits der Grenze im Reiche des Friedenszaren. [pg 57] Aber was ihnen noch an nationaler und politischer Freiheit fehlt, wollen wir ruhig und offen darlegen. Umsomehr, als jede Einverleibung neue Hunderttausende uns zuführen müßte, die sich nicht wieder Zurücksetzungen und Schikanen ausgesetzt wissen wollen.
Die Bedrückung an Ort und Stelle zwingt sonst zu einer ungeheuren Auswanderung, die auch in Deutschland zu merken sein dürfte. Dagegen gibt es nur ein Allheilmittel: Lokale Rechte und Hilfe; ferner Ableitung der überschüssigen Kräfte in den Orient durch starkes Entgegenkommen der verbündeten Regierungen. Das heutige System entwurzelt nur die Elemente, die einigermaßen fest an der Scholle, an der Heimat hängen, und jagt sie ins Ungewisse.
Wenn die deutsche Regierung den östlichen Juden nicht entgegenkommen kann, wird auch die dadurch sicherlich eintretende Entvölkerung die wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder bedeutend verzögern.