Aber was tun die Juden in den neutralen Ländern? Der einzige, der sich auf seine Herkunft und seine Gewissenspflicht besinnt, scheint Georg Brandes in Kopenhagen, wie sein Briefwechsel mit Clémenceau bewies. Andere sind auf seiten des Vierverbandes. Die rumänische Zeitung „Adeverul“ (Wahrheit), die täglich gegen die Zentralmächte, also für Rußland agitiert, war bis vor kurzem und ist wohl noch in jüdischen Händen. Die übrigen tun gar nichts, nicht einmal [pg 10] die Sozialisten unter den Neutralen. Vor kurzem meldete Reuter aus Neuyork, Samuel Gompers, der Vorsitzende der American Federation of Labour, zweifellos jüdischer Herkunft, habe auf eine Einladung zu einer Versammlung, die gegen die amerikanische Kriegsbedarfsausfuhr protestieren wollte, durchaus ablehnend geantwortet. Dunkel ist zwar die Begründung seiner Ablehnung: „es gebe schrecklichere Dinge als den Krieg, nämlich des Geburtsrechts (d. h. wohl des angeborenen Rechts), der Freiheit und der Gerechtigkeit beraubt zu sein“. Dies alles sind ja die Leiden der russischen Juden; aber Gompers lehnt ab, gegen die Unterstützung ihrer Unterdrücker zu protestieren.
Wenn nun die Juden selbst so gänzlich passiv sind, so müssen wir Nichtjuden uns regen und sie aus ihrer Resignation aufrütteln. Ich möchte nochmals betonen, daß die Verfolgungen erst anfangen. Je weiter die verbündeten Heere vorrücken, desto größer die Gefahr neuer Wutausbrüche. Und schon, wie berichtet wird, sind die Juden teilweise konzentriert in besondere Lager — sehr bequem für die Verfolger. Das Volk wird einen Sündenbock suchen, auf den es die Schuld der Niederlagen abwälze. Es wird die Regierung schuldig finden, aber es kann wieder einen Minister geben, wie denjenigen, der im Oktober 1905 — nach jüdischen Quellen — sagte: „Wir werden die Revolution im Blute der Juden ersticken.“ Es folgten darauf die furchtbaren, zehn Tage dauernden Oktobermorde. Tausend Juden wurden erschlagen, achttausend wurden zu Krüppeln. Werte im Betrage von 180 Millionen Mark wurden vernichtet, 300000 Juden flohen ins Ausland. (Vergl. „Allgemeine Zeitung des Judentums“, 1910, S. 577.)
Die deutschen Juden können, wie gesagt, unmittelbar nichts tun, aber mittelbar sehr viel. Sie können die Juden der nordamerikanischen Union aufrufen, die für russische Angelegenheiten doch sonst Interesse zeigen. Als [pg 11] der Beilisprozeß schwebte, haben diese beim russischen Gesandten in Petersburg dagegen protestiert und später dem zwar freigesprochenen, aber sehr geschädigten und gequälten Beilis eine Farm geschenkt. Jetzt steht mehr als ein Menschenleben auf dem Spiele. Was dem einen Beilis recht war, ist allen russischen Juden billig. Die amerikanischen Juden müßten laut und energisch ihre Stimme erheben für ihre niedergetretenen russischen Stammesgenossen, täglich, so oft als möglich, in den Zeitungen, in allgemeinen Versammlungen der Juden und der Christen. Wenn erst die russische Regierung weiß, daß man ihr Treiben beobachtet, wird sie doch vielleicht stutzig werden und das Schlimmste unterlassen, sie wird wenigstens nicht die Polizei zur schweigenden Duldung der Morde und der Diebstähle anhalten, sondern notgedrungen den Befehl zur Aufrechterhaltung der Ordnung geben müssen. Nordamerika ist ja der künftige Geldmarkt für Rußland, der einzige, wo es einst Anleihen machen kann. Denn alle europäischen Staaten werden nach dem Kriege selbst zu viel Schulden haben, um anderen leihen zu können. Die Juden der Union aber sind eine starke Kapitalmacht, besonders im Westen. Sie haben — nach W. Sombart — eine herrschende oder wenigstens wichtige Stellung im Getreidehandel, im Tabakhandel und im Baumwollhandel. Auf allen drei Gebieten können sie den Russen schaden. Vor allem aber können sie jede russische Anleihe erschweren, vielleicht unmöglich machen. Damit müßten sie drohen. Darauf wird selbst die zarische Regierung hören.
Und wenn die Proteste und Drohungen nichts helfen, so werden sie doch wenigstens Zeugnis ablegen, daß in der allgemeinen sittlichen Verwilderung es noch Menschen gegeben hat, die die Unmenschlichkeiten der zarischen Regierung als solche zu brandmarken gewagt haben.
Wenn aber gar nichts geschieht, dann wird ganz gewiß sich das alte Sprichwort bewähren: „Wenn die Menschen [pg 12] schweigen, so reden die Steine“, freilich in diesem Falle nur die Steine des Pogroms, die auf unschuldige, wehrlose Opfer fallen werden.“
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Wenn Barth sich auf die Einwirkung der amerikanischen Juden verläßt, so fürchte ich, gibt er uns einen Wechsel auf die Zukunft. Die amerikanischen Juden sind noch nicht genügend organisiert, z. T. auch als Vollblutyankees zu sehr auf Seiten der Entente.
Ich glaube und werde es zu beweisen versuchen, daß Deutschland allen Grund hat, jede antisemitische Regung abzustreifen, den Juden im Inland die Gerechtigkeit, die ihrer treuen Staatsbürgerschaft gebührt, widerfahren zu lassen, den Juden in eroberten Gebieten jede Autonomie zu gewähren und den Auswandernden im Orient allen Vorschub für eine großzügige Kolonisation zu leisten.
Doch damit komme ich schon zur Voraussetzung jeder Politik gegenüber den Juden: die Bewertung derselben als zuverlässige und fähige Staatsbürger gegenüber ihren Heimatsländern, und nicht zum mindesten in Deutschland!