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Der Krieg und die Juden.

Der große Krieg hat infolge des grandiosen Kaiserwortes „Ich kenne keine Parteien mehr“ den antisemitischen Angriffen und Übergriffen vorläufig den Grund und Boden entzogen. Trotzdem will das Judenproblem keineswegs von der Bildfläche verschwinden. Im Gegenteil. Der Einmarsch der deutschen Truppen in die polnischen und russischen Gebiete hat mit einem Schlage die innerpolitische Unhaltbarkeit des Schicksals, der nahezu sieben Millionen starken jüdischen Bevölkerung Rußlands der ganzen Kulturwelt aufgetan. Man wird nicht leugnen können, daß das jüdische Problem beim Friedensschlusse sowohl von großem internationalem Belang sein wird, als auch von hervorragender Bedeutung für die deutsche Politik.

Die Stellung der deutschen Juden vor dem Krieg.

Die Judenfrage ist für Deutschland praktisch so wichtig, daß es sich gewiß verlohnt, darauf einzugehen. Prüfen wir zunächst einmal die Stellung der Juden Deutschlands und ihren Einfluß in diesem Lande.

Die Mitte des verflossenen Jahrhunderts hat nicht nur einen völligen Umsturz aller inner- und außenpolitischen Verhältnisse Deutschlands bedingt; die breiten Volksmassen erschütterte ein sozialer Umschwung. Aus einem rein agrarischen Staate wuchs in wenigen Jahrzehnten [pg 14] eine gigantische Industrie heraus, welcher bald ein weltenumspannender Handel die Wege bahnte. Die Technik feierte rascher ihre Triumphe, als die Regierungsfürsorge und die von Organisationen getragene Selbsthilfe der Interessengruppen sich auf die Neukonstellationen einstellen konnten. Dadurch gerieten die Arbeiter stellenweise in die Gefahr, materiell und physisch ausgenutzt zu werden. Auf dem Lande hatte sich einst ein ähnlicher Prozeß, wodurch sich Latifundien bildeten, im Laufe der Jahrhunderte entwickelt. Die industriellen und kommerziellen Großunternehmungen aber kamen über Nacht. Erbarmungslos rang das Großkapital den Stand der kleinen Leute nieder. Dieser ökonomische Werdegang ging nicht ohne Gewalttat, ohne Härten ab, die den Trägern den Haß des in seiner Existenz erschütterten dritten Standes eintragen mußten.

Die Sozialdemokratie als die Zusammenfassung der Proletarier ist das naturnotwendige Produkt dieser Entwicklung. Der Antisemitismus ist die Konsequenz des Prozesses insofern, als sich diese Bewegung gegen die sichtbarsten Träger, gegen die Klasse von Menschen wandte, welche am geschicktesten die Macht des Kapitals auszunutzen wußten. Die erste Partei ist ein Versuch, der Sache selbst entgegenzutreten, die letztere kämpft gegen Personen, die nebenbei in ihrer religiösen und rassigen Eigenart eine gute Zielscheibe boten.

Uns interessiert hier nicht, wie die Auswüchse des Kapitalismus oder der Kapitalismus selbst zu bekämpfen ist. Wir wollen nur der Frage nähertreten, wie der Antisemitismus des weiteren zu erklären ist, welches die Bedeutung der deutschen Judenheit gewesen ist, und ob wir anläßlich des Krieges den Juden einen mehr oder minder günstigen Einfluß auf die Wirtschaftsgestaltung Deutschlands einräumen können, um dann später auf den Einfluß der deutschen Juden und überhaupt auf den Krieg eingehen zu können. [pg 15]

Bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts strömte ein gut Teil der jüdischen Jugend Deutschlands nach den Vereinigten Staaten von Amerika, Südafrika, England, Frankreich etc. Teilweise war ihnen die volle Gewerbefreiheit (wie z. B. in Bayern bis 1864) vorenthalten gewesen. Die siebziger Jahre, die berühmten Gründerzeiten, bringen eine Hochflut von aus den Dörfern in die Städte strömenden Juden. Die jüdischen jungen Leute wandern nicht mehr in die Fremde, sondern wenden sich dem deutschen Handel, der Industrie, den akademischen Berufen, und vor allem den Großstädten zu. Das seit Jahrhunderten betätigte Wohnen in den Städten, bedingt durch Eigenart, aber auch durch das mittelalterliche Gesetz, das bis ins XIX. Jahrhundert hinein Geltung hatte, läßt sie allmählich in die größeren Städte abwandern, wo die Verdienstmöglichkeiten sich stetig vergrößern. Dazu trägt auch die antisemitische Ostmarkenpolitik bei, welche die Juden aus den Provinzen Posen, Ost- und Westpreußen vertreibt. Der Druck der Hakatisten, der wirtschaftliche und gesellschaftliche Boykott der evangelischen Deutschen den Juden im Osten gegenüber, läßt ihre Stellung zwischen Deutschtum und Polentum unhaltbar werden. Dazu kommen elementare Ausbrüche der von den Antisemiten bearbeiteten Volksschichten. Der „Ritualmord von Konitz“ ist eins dieser bezeichnenden Ereignisse. Fluchtartig verläßt der Jude diese Städte, deren Charakter durch seine Anwesenheit noch ein deutscher war, und überläßt den Platz den Polen.