Die neueren Schriften über das Ostmarkenproblem geben sämtlich zu, daß die durch die staatliche und gesellschaftliche antisemitische Politik bedingte Vertreibung der Ostmarkenjuden ein bedeutsamer Mißgriff war, der sich nach drei Seiten bemerkbar machte:

1. Für die Entwicklung dieser Städte, die durch den [pg 16] Verlust von Menschen, von Kapital und von unternehmungslustigen und fähigen Elementen gehemmt wurde.

2. Für die deutsche Sache. Der Wegzug von ca. 150 bis 200000 Juden aus den bedrohten Provinzen hat die deutsche Sache um so viel Anhänger ärmer gemacht.

3. Für den Staat. Der Jude der Ostmark (wie überhaupt in ganz Deutschland) war ein zuverlässiger Staatsbürger, auf den in jeder Zeit gerechnet werden konnte.

Organisationen über Organisationen erwuchsen aus dem reichen Boden der Gebiete rechts der Elbe. Deutsche und polnische Kleinbauern-Genossen­schaften, Vereine der Gutsbesitzer und Groß-Eigentümer, die zugleich die Zucker- und Spiritusfabrikation besaßen, politische Organisationen beider Sprachengemeinschaften, alle aber mit leicht antisemitischen Tendenzen, die durch den in Berlin geborenen Antisemitismus erst voll und ganz durchtränkt werden sollten. Was dagegen der Jude an Organisation entgegenstellte, war kaum der Rede wert. Er organisierte sich nicht wirtschaftlich, sondern verzichtete darauf, sich in einen Kampf einzulassen, in dem außer Regierung und Verwaltung auch die breite Masse des Volkes gegen ihn Stellung nahm, und verschwand in die Großstadt, wo er untertauchen konnte.[1]

Dadurch ist die unnatürliche plötzliche Überschwemmung der Hauptstädte mit Juden bedingt worden. Nicht nur die Jungen und Fähigen kamen; viele, die sich nicht mehr anzupassen wußten, schwemmte die Flut herein. Ältere Menschen, die überall anstießen, weil sie in dem neuen Beruf nicht mehr von der Pike auf dienen konnten. Neben einer großen Menge von Begabten und Energischen auch „Luftmenschen“, Bassermann'sche Gestalten, labile Charaktere. Aber was das junge Blut anlangt, so kann man leicht zeigen, daß es Deutschland zum Segen gereichte. [pg 17] Deutschland ist der große, kräftige und reiche Staat in hohem Maße auch durch die Mitarbeit der Juden geworden.

Bekannt ist deren Mitwirken an der finanziellen Entwicklung. Die Finanzgrößen, die die deutsche Geldwirtschaft und die Großbanken schufen, waren zum großen Teil Juden. Das Erstarken unserer finanziellen Kraft liegt in der glücklichen Ausgestaltung unserer Finanzinstitute. Die Banken sind nach Sombart eine jüdische Erfindung. Die Barone Oppenheim sind die Gründer der ersten, der Darmstädter Bank. Neben den Rothschild's ragen als Eisenbahnkönige einige jüdische Häuser wie die in Bayern nobilitierten Eichthal und die später in Preußen geadelten Fould's, später Dr. Strousberg und der Baron Hirsch hervor. Das Bankhaus Mendelsohn hat heute noch seine nahen Beziehungen zu den maßgebenden Stellen des Reiches, und der Chef der Firma Bleichröder ist der Öffentlichkeit populär geworden, weil er Bismarck zu der hohen französischen Kriegsentschädigung von 5 Milliarden in Gold zu bewegen wußte. Auch die modernen Finanzgrößen, die Leiter unserer wichtigsten Institute, zählen Juden an erster Stelle auf. Wir erinnern an die von Cohn, von Wassermann, Fürstenberg, Speyer-Ellissen, von Schwabach, Goldberger . . .

Die Arnold, Berliner und Deutsch sind Namen, welche in der neudeutschen Wirtschaftsgeschichte einen guten Klang besitzen. Hagen-Köln (früher Levy geheißen) war wohl einer der Männer, welcher in dem Aufsichtsrat der größten deutschen Gesellschaften den mächtigsten Einfluß besessen hat.

Juden haben in Hamburg die Strumpfindustrie, in Fürth das Spiegelglas, im posenschen die Schnapsbrennerei großgemacht. Wir treffen sie auch als Großindustrielle in der Seidenfabrikation.

Neben unseren vortrefflichen Geldinstituten haben uns vor allem unsere großzügigen Wollfirmen die Kriegführung [pg 18] erleichtert. Der deutsche Woll- und Baumwollmarkt ist von Juden geschaffen und auf die Höhe gebracht worden, die er heute einnimmt, wie wohl kein Kenner der Verhältnisse bestreiten wird. Unter den vielen Tüchtigen verdienen hier die Gebrüder Simon namentliche Erwähnung.