Also schon im Jahre 1895 genügte die Fruchtbarkeitsziffer der Berliner Juden dem Adäquatwert nicht, im Jahre 1905 war sie um 20 % zu gering und 1910 hatte sie wahrscheinlich sich auf 30% verringert. Wir stehen also vor der Tatsache, daß schon heute die jüdische Bevölkerung Berlins nur so viele Kinder in die Welt setzt, um zwei Drittel der bestehenden Familien zu ersetzen; der andere Teil fällt schon nach einer Generation aus.
Es fragt sich nun, ob wir auf Grund des Studiums der heutigen Verhältnisse die Fruchtbarkeit der nächsten Jahre voraussagen können, ob die Fruchtbarkeit in den Jahren 1913, 1914, 1915 sinken wird und muß.
Eine Berechnung, die noch anderweitig, soviel wir wissen, auch nicht geübt wurde, aber auf die wir nicht das Anrecht der Autorschaft erheben wollen, falls dieselbe doch schon irgendwo angewandt wurde, ist folgende:
Wir haben die gebärfähigen Frauen als diejenigen bezeichnet, die 15–50 Jahre alt sind, und dementsprechend möchten wir das zeugungsfähige Alter der Männer für statistische Zwecke auf 20–55 Jahre festsetzen. (Einige Ausnahmen, die sowohl Geburten von Mädchen unter 15 Jahren oder Frauen über 50 Jahre und die Männer über 55 betreffen, glauben wir ruhig vernachlässigen zu können). Während nun bei den alten Juden die Unverheirateten in dem zeugungs- bzw. gebärfähigen Alter auf Grund hundertfältiger Überlieferung eine Seltenheit darstellen, und während auch noch bei der allgemeinen Bevölkerung in der früheren Zeit der Ledige zur Minderheit gehörte, haben sich bei den Berliner Juden folgende Verhältnisse herausgebildet: Es waren von den Männern (20–55 Jahre alt) 1895 verheiratet 48,4 %, bei den Frauen 48,8 %. Fünf Jahre später war der Prozentsatz schon wesentlich gesunken, er betrug 47,4 bzw. 47,8 %. Also nicht einmal die Hälfte der geschlechtsreifen Juden ist verheiratet. Da wir wissen, daß die außereheliche Fortpflanzung bei den Juden keine nennenswerte Rolle spielt, so können wir schon daraus schließen, daß die volle Zeugungsfähigkeit nicht ausgeübt werden kann. (Bei der allgemeinen Bevölkerung liegen die Verhältnisse noch wesentlich besser, wie unsere Berechnungen zeigen, siehe [Tabelle VII].)
Was wissen wir nun von der Fortpflanzung der verheirateten Juden? Betrachten wir einmal zuerst die Eheschließungen. Eine persönlich vorgenommene Auszählung der eheschließenden Juden Berlins ergab folgende Verhältnisse: Wir treffen unter den Heiratenden (1909) 64 Akademiker, etwa 200 selbständige Kaufleute und ebensoviele bei ihnen Angestellte, 33 Handwerker und 57 Arbeiter (bei den rein jüdischen Ehen). Bei den Mischehen 24 Akademiker, 56 selbstständige und 116 angestellte Kaufleute, 10 Handwerker, 80 Arbeiter. Wir ersehen daraus, daß die Arbeiter bei den rein jüdischen Ehen ebensoviele wie die Akademiker waren, beide je 10 %, das überwiegende Kontingent stellten die Kaufleute. In den rein jüdischen Ehen haben die Akademiker fast nur berufslose Frauen erwählt, die Kaufleute meist; bei den Angestellten waren berufslose und berufstätige Jüdinnen in fast gleicher Zahl vertreten, bei den Arbeitern überwog die vorher berufstätige Frau.
Tabelle XIa. Berufsstellung der heiratenden Juden.
1. In jüdischen Ehen (1910)
| Männer | Frauen | ||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Selbst. Berufe, Geschäftsinhaberinnen und Besitzerinnen | Lehrerinnen | Direktricen | Kontoristinnen | Näherinnen, Schneiderinn. | Verkäuferinnen | Wirtschafter. Dienstmdch. | Arbeiterinnen | Insgesamt mit Beruf | Ohne Beruf | Zusammen | |
| zusammen | 20 | 11 | 10 | 45 | 51 | 47 | 10 | 10 | 204 | 359 | 563 |
| Akademiker | — | 3 | — | — | — | — | — | 1[20] | 4 | 60 | 64 |
| Selbst. Kaufleute | 10 | 4 | 4 | 13 | 12 | 13 | 2 | 1 | 59 | 153 | 212 |
| Angest. Kaufleute | 10 | 2 | 6 | 27 | 16 | 27 | — | 1 | 89 | 108 | 197 |
| Handwerker | — | — | — | 3 | 5 | 2 | — | 2 | 12 | 21 | 33 |
| Arbeiter | — | 2[19] | — | 2 | 18 | 5 | 8 | 5 | 40 | 17 | 57 |
Tabelle XI.b. Berufsstellung der heiratenden Juden.
2. In Mischehen (Berlin 1910).
| Männer | Frauen | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Geschäftsinhaberinnen | Lehrerinnen, Schauspieler. | Buchhalterinnen | Verkäuferinnen | Schneiderinnen | Wirtschafterinnen | Arbeiterinnen | Insgesamt mit Beruf | Ohne Beruf[21] | Zusammen | |
| zusammen | 8 | 7 | 34 | 40 | 70 | 19 | 24 | 194 | 92 | |
| Akademiker | — | 2 | 2 | 1 | 2 | — | — | 7 | 17 | 34 |
| Kaufleute | 3 | 1 | 2 | 8 | 14 | 5 | 1 | 34 | 22 | 56 |
| Angest. Kaufleute | 3 | 6[22] | 22 | 13 | 22 | 4 | 3 | 73 | 43 | 116 |
| Handwerker | — | — | — | 1 | 6 | 1 | 1 | 9 | 1 | 10 |
| Arbeiter | 1 | 1[23] | 8 | 17 | 26 | 9 | 19 | 71 | 6 | 80 |