Bei den Mischehen waren die Gattinnen 116 Jüdinnen, davon 37 berufslos,
120 Christinnen, davon 31 berufslos.
Ein anderes Bild zeigt die Eheschließung in Mischehen. Während die Bräute in den jüdischen Ehen fast ⅔ der Fälle berufslos waren, hatten sie in den Mischehen viermal so häufig vorher einen Beruf ausüben müssen. Da aber erfahrungsgemäß (nach Statistiken Dr. Segalls u. a.) die Mehrzahl der Jüdinnen Berlins im heiratsfähigen Alter erwerbstätig ist, so mag der Schluß auch aus der Statistik zu ziehen sein, daß der Jude die berufslose Frau wählt, d. h. diejenige, die wohlhabend ist und ihn materiell unterstützen kann, vorzieht. Für ein gut Teil der jüdischen Mädchen, die nicht auf derartige wirtschaftliche Vorteile rechnen können, eröffnen sich unangenehme Perspektiven.[24]
Wo Ehen nach dem Gesichtspunkte des wirtschaftlichen Vorteiles geschlossen werden, wird es nicht ausbleiben, daß der Kindersegen unter demselben Gesichtswinkel betrachtet wird. Und ebenso wie eine mittellose Frau eine starke Belastung des Budgets (und keine Verbesserung der materiellen Leistungsfähigkeit) bedingt, so wirkt ein numerisch starker Nachwuchs in derselben Linie. Wo ein starker sozialer Auftrieb besteht, kommt die Frühehe und die Liebesheirat zu kurz. Diese Erscheinungen korrespondieren gewissermaßen mit der Geburtenbeschränkung.
Das Alter der jüdischen Eheschließenden im Jahre 1909 ist auf der [Tabelle IX] wiedergegeben, diese Tabelle ist so übersichtlich, daß wohl kaum ein ausführlicher Kommentar dazu gehört. Beachtenswert ist nicht allein das späte Alter der heiratenden Akademiker und Kaufleute, vielmehr noch das höhere Brautalter der Jüdinnen, die Handwerker und Arbeiter heiraten. Entsprechend dem späten Alter der Heiratenden stellt sich auch die erste Geburt bei ihnen spät ein, und es ist doch ganz klar, daß eine Bevölkerung, die mit durchschnittlich 30 Jahren heiratet, eine viel geringere Fruchtbarkeit haben muß als eine andere, die früher zur Ehe schreitet; denn wenn wir z. B. das Durchschnittsalter der jüdischen Ehen, bei denen 8 und 9 Kinder vorkamen, betrachten, so war dasselbe 40 bis 42 Jahre. Daß natürlich Ehen, die mit 30 Jahren geschlossen werden, in 10 Jahren kaum 8–9 Kinder bekommen, ist fast selbstverständlich, aber es bedarf überhaupt nicht langer Erklärungen für die Tatsache, daß eine Großstadtbevölkerung, bei der die Männer durchschnittlich über 30 Jahre alt sind, wenn sie heiraten, eine geringe Kinderzahl besitzen wird, und es ist ganz selbstverständlich, daß bei dem großstädtischen Milieu das späte Alter der Eheschließenden doppelt ins Gewicht fällt. Nun bezeugen die Ehen, in denen im Jahre 1910 noch mehr als sechs Kinder vorkamen, nicht die heutigen Verhältnisse, sie sind, soweit sie nicht Ausländer betreffen, durchschnittlich vor 20 Jahren geschlossen worden und der damaligen Sitte entsprechend noch früher denn jetzt. Wir gehen wohl nicht zu weit, wenn wir behaupten, daß von den heute geschlossenen Ehen eine geringere Fruchtbarkeit ausgehen wird, als wir sie bei den Ehen konstatieren konnten, die vor 20 Jahren geschlossen wurden. Es wurde schon betont, daß das Durchschnittsalter der Eheschließenden heute ein viel späteres ist, und ein Blick auf unsere Tabellen zeigt die enorme Verschiebung. 1873 waren bis zum 30. Lebensjahr 55 % aller Heiratenden schon in die Ehe getreten, bei den Frauen gab es 10 %, die schon bis zum 20. Lebensjahr dem Manne folgten, während es heute knapp 2 % sind. Und wenn wir auf 1871 zurückgehen, so waren es 60 % männliche Juden, die bis zum 30. Jahre heirateten, und 20 % weibliche, die vor dem 20. Lebensjahr Gattinnen wurden. Leider besitzen wir keine Statistik, wieviel Prozent der Juden vom 20.–40. Lebensjahre aus Berlin stammen. Wir gehen wohl kaum zu weit, wenn wir behaupten, daß die in Berlin geborenen Juden nur zum geringen Teil auswandern. Wenn wir dagegen die Ziffer der Eheleute, die aus Berlin stammen, ansehen, so müssen wir wohl sie als zu gering bezeichnen. So fanden wir 1910 nur 382 geborene Berliner, die eine Ehe schlossen.[25] Die Betrachtung der Totenscheine, wonach gerade ein hoher Prozentsatz der ledigen Juden in höherem Alter aus Berlin stammte, bestätigt die Behauptung, daß die eingesessene Berliner jüdische Bevölkerung die geringste Tendenz zur Heirat und Fortpflanzung besitzt. Von den kinderreichen Familien, die ich anläßlich einer neuen Geburt im Jahre 1910 auszählte, waren nur 6 % der Väter aus Berlin.
Das Alter der jüdischen Eheschließenden.
[Tabelle IX.]
Alter der heiratenden Juden in Berlin (1910).
| Akadem. | Kaufleute | Angest. Kaufleute | Selbst. Handw. | Arbeiter | Im Durchschnitt | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Männer | 32,3 | 31,8 | 29,7 | 31,1 | 26,6 | 30,4 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Frauen | 22,0 | 23,8 | 25,7 | 26,0 | 26,3 | 24,3 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Alter der Eltern bei jüdischen Geburten | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| bei der ersten Geburt | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Männer | 33,3 | 33,1 | 31,2 | 32,5 | 27,7 | 32,05 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Frauen | 25,4 | 26,8 | 25,8 | 24,3 | 25,3 | 26,25 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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[91]Tabelle X.
Alter der unehelichen Mütter (Jüdinnen 1910)
| Jahre | 17/19 | 20/22 | 23/25 | 26/28 | 29/31 | 33/35 | 36/38 | 39/41 | 42 usw. | ||||||||||||||||||||||||
| 14 | 28 | 21 | 14 | 12 | 6 | 1 | 4 | 1 | |||||||||||||||||||||||||
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