Es ist doch wohl nicht zu leugnen, daß der Schluß logisch ist, dort, wo es immer mehr Ehen gibt, müßten wir auch mehr Kinder finden; bei den Juden aber finden wir das Faktum, daß die Kinderzahl absolut etwas abgenommen hat, trotzdem sich die Ehen vervielfältigten. Ja sogar die unehelichen jüdischen Geburten treten quantitativ etwas stärker in den Vordergrund. Daraus kann man wohl schon jetzt den Schluß ziehen, daß die jüdische Bevölkerung sicherlich ein größeres Kontingent von Menschen in der Fruchtbarkeitsperiode in unserer Zeit aufzuweisen hat als in früheren Jahrzehnten, was auch die Auszählung der Jüdinnen im gebärfähigen Alter ergibt. In der [Tabelle V] ist nun ein Überblick gegeben, wie sich die drei Rubriken vermehrten. Die jüdische Bevölkerung Berlins hat sich in den letzten 35 Jahren um 102 % gesteigert, die der eheschließenden um 100 % und die der Geborenen um minus 11,1 % verändert. In der Gegenüberstellung dieser drei Werte tritt die Tendenz der Entwicklung so klar zutage, daß es nur die Tatsachen abschwächen hieße, wenn wir auf die Ungeheuerlichkeit der Ziffern eingehen wollten.
[Tabelle V.]Bevölkerungsentwicklung in Berlin.[10]
| Die jüd. Bevölkerung nahm zu in % | Die jüdischen Eheschließenden in % | Die Geburten der Juden in % | |||
|---|---|---|---|---|---|
| 1880 | gegen | 1875 | +15,7 | +9,1 | +1,5 |
| 1885 | " | 1880 | +19,3 | +13,5 | +3,0 |
| 1890 | " | 1885 | +23,2 | +27,5 | +11,0 |
| 1895 | " | 1890 | +8,7 | +2,0 | -2,0 |
| 1900 | " | 1895 | +7,0 | +10,2 | -2,2 |
| 1905 | " | 1900 | +7,2 | +8,8 | -1,5 |
| 1910 | " | 1905 | -7,5 | -6,8 | -2,0 |
| 1910 | gegen | 1875 | +102,4 | +100,7 | -11,1 |
Eine andere Beleuchtung der Frage ergibt auch die Eruierung der unfruchtbaren Ehen, sowie der Zahl der Menschen, die im zeugungsfähigen Alter keine Ehe schließen. Unfruchtbar waren mehr wie 25 % der Ehen, (wenn ich die geschlossenen Ehen des Jahres 1909 mit den Erstgeburten des Jahres 1910 zusammenbrachte, so fand ich, daß nicht dieselbe Anzahl Erstgeburten, die bei einer Fruchtbarkeit aller Ehen anzunehmen war, sich vorfand, sondern daß nur auf je 100 Eheschließende 70 % Kinder kamen. Bei der allgemeinen Bevölkerung gab es 30 % sterile Ehen, bei den Mischehen sogar 39 %).[11]
Schon in den siebziger Jahren zeigte es sich, daß die Juden nicht nur viel später, sondern auch seltener heirateten, und jetzt (1905) liegen die Verhältnisse so, daß die Juden in der Zeit, wo sie die Höhe ihrer Eheschließungsziffer erreichen, noch über ein Viertel ihrer Bevölkerung Unverheiratete besitzen.
[75]Tabelle VIIa.
| Es waren verheiratet in Berlin von je 100 | |||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| männl. Juden [1895] | weibl. Juden [1895] | männl. Juden [1900] | weibl. Juden [1900] | ||||
| bis | 20 | Jahre | alt | 0,05 | 0,9 | — | 0,9 |
| " | 25 | " | " | 2,0 | 21,4 | 3,3 | 21,5 |
| " | 30 | " | " | 20,6 | 52,9 | 19,0 | 52,7 |
| " | 35 | " | " | 47,0 | 65,5 | 43,7 | 66,0 |
| " | 40 | " | " | 70,0 | 71,3 | 57,4 | 69,8 |
| " | 45 | " | " | 78,0 | 73,0 | 78,3 | 68,1 |
| " | 50 | " | " | 82,6 | 68,3 | 82,0 | 67,1 |
| " | 55 | " | " | 83,7 | 62,7 | 68,6 | 54,6 |
| " | 66 | " | " | 81,2 | 50,6 | 66,9 | 52,7 |
Setzen wir das Mosaik zusammen! Dann bleibt unter hundert Juden ein Viertel ehelos und ein weiteres Viertel kinderlos. Von der knappen Hälfte der Bevölkerung, die sich vermehrt, haben fast zwei Drittel nur ein und zwei Kinder, und nur ein Drittel mehr als diese; d. h. die Hälfte der ganzen jüdischen Bevölkerung kommt zeitlebens für die Vermehrung überhaupt nicht in Frage, sie ist total unfruchtbar; mehr als ein Viertel liefert einen viel zu geringen Zuwachs und nur ein Viertel liefert die Kinderzahl, die einer gesunden Bevölkerungsvermehrung entspricht.
Aber die Berliner Juden würden ein noch viel traurigeres Bild ihres Zuwachses aufzeigen, wenn sie nicht die ausländische Zuwanderung besäßen. Es ist behauptet worden (Segall im »Deutschen Reich«), daß die osteuropäischen Juden für die Erhaltung des deutschen Judentums nicht in Frage kämen, da es sich meist um alte Leute handelte, die vor den Pogromen geflohen seien. Das entspricht nicht den Tatsachen; sowohl die Erhebungen über die Münchner Juden, die Standesämter wie die allgemeine Empirie bezeugen es uns, daß diese Einwanderung sich von anderen nicht unterscheidet. Wie überall wandern vornehmlich die jugendlichen Elemente aus, und so treffen wir gerade in Berlin tausende östlicher Juden, die sich hier eine Existenz zu gründen suchen. Sie sind stark vertreten als Händler, weniger als Hausierer, ferner als Handwerker, in der Zigarettenindustrie, Eierbranche usw. Unter ihnen sind relativ viele Arbeiter oder wenigstens proletarische Elemente, und sowohl dieser Umstand, als auch die religiösen Anschauungen, die sie in der Heimat vor sich gesehen haben, beeinflussen ihre Fruchtbarkeit. Sie bilden schon 17 % der eheschließenden Berliner Juden. Dank dem freundlichen Entgegenkommen der Berliner Polizeidirektion wurden von ihr die Geburtsorte der jüdischen Väter der Mehrgeborenen untersucht, und da ergab sich das Faktum, daß 48 % der mehrgeborenen (über fünftgeborenen) Kinder von ausländischen Juden abstammten. Also, ohne die ausländischen Juden wäre der Zuwachs an jüdischen Kindern noch geringer. Diese Konstatierung läßt sich wohl kaum widerlegen.