Trotz alledem könnte der allgemeine Überblick irgendwelche Erscheinungen nicht berücksichtigen, die die biotischen Verhältnisse in günstigerem Lichte erscheinen lassen müßten. Deshalb ist es nötig, die Geburtlichkeit nach jeder Richtung zu durchforschen, d. h. nicht nur die Geburtenzahl, sondern auch die Gebärfähigkeit bzw. die Fruchtbarkeit. Die Berechnung, wie viele Kinder in jedem Jahrzehnt auf die Ehe treffen, ist ungenügend. In der [Tabelle IV] haben wir eine derartige Berechnung angestellt und sind zu dem Resultat gekommen, daß heute das reinste Zweikindersystem bei den Juden durchgeführt ist. Besser kann der Beweis für diese These in der [Tabelle VI] geführt werden. Die Resultate der [Tabelle VI] sind unangreifbar. Hier haben wir die ehelichen Geburten, gegliedert nach der Reihenfolge; und zwar waren von je hundert die Erstgeborenen, die Zweitgeborenen, Drittgeborenen usw. ausgezählt.[12]

[Tabelle VI.] Eheliche Fruchtbarkeit in Berlin.[12]

Im JahreVon je 100 Geburten entfallen auf die[Zusammen]
[Erstgeboren.][Zweitgeboren.][Drittgeboren.][4–6-geboren.][Mehrgeboren.]
bei d. allgem. Bevölkerung
18801820183212100
18862320162714100
18962723172310100
1906332415248100
191034,426,616,017,06,0100
bei den Juden
191034,730,515,415,93,5100
bei den Mischehen
191042,327,713,015,93,0100

100 im Jahre 1909 geschlossenen Ehen entsprachen Erstgeborene bei den Juden 70 %. (565 Eheschließungen und 385 Erstgeburten.)

Die Geborenen nach der Geburtenfolge
(unter je 100 Geborenen).

Wie steht es nun mit der ehelichen Fruchtbarkeit? Nach dem Werke von Gruber und Rüdin läßt sich die eheliche Fruchtbarkeit der allgemeinen Berliner Bevölkerung gut überblicken. Es trafen auf hundert eheliche Geburten Erstgeburten im Jahre 1880 18 Kinder, 1886 23, 1896 27, 1906 33 und 1910 (eigene Auszählung) 34,4. Mehr als sechs Geborene waren in denselben Zeiträumen 12 %, dann 14, 10, 8 und 6 %, Wir sehen also, daß die Berliner Bevölkerung die Kinderzahl rationalisiert, es gibt immer weniger Ehen, in denen Mehrgeburten vorkommen, der Überblick über die [Tabelle VI] beweist dieses zur Genüge. Die Juden haben nach Auszählungen, die ich vermöge des Entgegenkommens des Berliner Statistischen Amtes (Prof. Dr. Silbergleit) vornehmen durfte, und wofür ich auch an dieser Stelle danken möchte, Erstgeborene in 34,7 %, Zweitgeborene in 30,5 %, Drittgeborene in 15 %, mehr als Sechstgeborene nur 3½ %. Die Mischehen sind, wie [dieselbe Tabelle] zeigt, noch mehr darauf zugeschnitten, Mehrgeburten zu vermeiden. Oder, wenn wir auf je 100 Erstgeburten die Mehrgeburten berechnen, hatten nur 44 Mütter Drittgeburten, ebensoviele Viert- und Sechstgeborene. Während bei der allgemeinen Bevölkerung 1880 auf je 100 Erstgeborene noch 66,7 Siebent- und Mehrgeborene trafen, kamen 1910 bei den Juden nur noch 9½ Siebent- und Mehrgeborene auf 100 Erstgeborene. Damit ist der Unterschied zwischen der schon niedrigen Fruchtbarkeit der allgemeinen Bevölkerung Berlins von 1880 und der der heutigen Juden wohl am besten charakterisiert.

Tabelle XIII. Geburtenhäufigkeit.

Auf je 100 eheliche Erstgeborene kamen 1880Auf je 100 Erstgeborene (ehel. u. unehel.) überhaupt kamen 1910
bei der Berliner allgem. Bevölkerungbei der allgem. Bevölkerungbei der jüdischen Bevölkerung
Zweitgeborene111,077,287,0
Drittgeborene100,045,044,0
Viert- bis Sechstgeborene177,755,046,0
Siebent- u. Mehrgeborene66,723,09,5

Genaue Detaillierung der Berliner Geburtlichkeit.