Aus solchen Gesichtspunkten heraus erschien die Darstellung des jüdischen Einschlags an dem Ruhmesblatt der Fliegerwaffe berechtigt. Erinnerungen an das Wirken von Juden bei anderen Waffengattungen sollen folgen. Auf allen Kriegsplätzen sind Judengräber geschaufelt. Tausende und Abertausende haben für Deutschland geblutet und selbst dort, wo man von Juden keine Ausstrahlungen ihres Mutes erwarten konnte, stoßen wir auf wundersame Beispiele. Wer hätte an ihre Mitwirkung an den Taten der Flotte gedacht? Aus dem Material ihres Wirkens auf U-Booten und der Hochseeflotte darf vielleicht ein Dokument Zeugnis ablegen. Es ist dies der Brief des Prinzen von Hohenzollern (datiert: Malta, den 1. März 1915) an die Angehörigen des Matrosen Levi (zitiert nach dem Hamburger »Israelitischen Familienblatt«).
Der Brief lautet:
»In dem Gefecht bei der Kokosinsel, wo die Tätigkeit der »Emden« ihr Ende fand, starb auch den Heldentod fürs Vaterland der Matrose Levi. Ich bin vom Kommandanten des Schiffes, Herrn Fregattenkapitän von Müller beauftragt, Ihnen zu dem schweren Verlust, sein herzlichstes und wärmstes Beileid auszusprechen. Auch im Namen der übrigen Offiziere, Deckoffiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der »Emden« und ebenfalls für mich persönlich versichere ich Sie unserer aufrichtigsten Teilnahme. Wir alle bedauern mit Ihnen den so frühzeitigen Tod des tapferen Heimgegangenen, dessen junges Leben zu den schönsten Hoffnungen berechtigte und der durch seinen großen Diensteifer und sein kameradschaftliches Wesen bei Vorgesetzten und Kameraden gleich beliebt war. Im Endgefecht der »Emden« hat er auf seiner Gefechtsstation als Geschützmatrose sein Bestes getan und tapfer ausgehalten bis ihm eine englische Granate einen kurzen und schmerzlosen Tod bereitete. Im Herzen der Ueberlebenden von Sr. Majestät Schiff »Emden« wird das Andenken an den tapferen und beliebten Kameraden alle Zeit unvergessen bleiben.«
Ein Antisemit hat bekanntlich im Reichstage sich einen Zwischenruf gestattet, der wohl nur eine rhetorische Frage darstellte: »Zeigen Sie mir doch einmal einen jüdischen Flieger!« Ich weiß nicht, ob er eine Antwort darauf bekam. Tatsache ist, daß viele Leute glauben, es gäbe keine jüdischen Flieger, weil ....
Selbst die Juden wissen nichts von den jüdischen Fliegern und ahnen nicht deren Bedeutung. Täglich lesen wir irgendwo von tapfren Bayern, oder sogar von den tapfren Bayern — als ob jeder Bayer ein zweiter Schmied von Kochel wäre — von dem erprobten schlesischen Landsturm, dem zähen Märker, den braven Ostpreußen. Und wenn ich jetzt in der Zeit des Burgfriedens, noch mitten im Krieg, wo eigentlich jeder sich von den Tatsachen überzeugen könnte, etwas von den Juden in der allgemeinen Presse lese, dann steht es in der verbreiteten »Täglichen Rundschau« oder in der »Deutschen Tageszeitung« und liest sich wahrlich nicht zu unseren Gunsten. Jede Stadt, jede Volksschicht, ja selbst kaufmännisch-technische Unternehmungen, Straßenbahnen oder Kabelwerke, Handlungsgehilfenvereine und Studentenkorporationen feiern ihre Toten und weisen — obgleich es niemand je anzweifeln würde — auf ihre schweren Opfer und ihre vielen im Felde stehenden Anhänger, Mitglieder und Freunde hin.
Von den mutigen Juden scheint kein Wort, kein Lied jetzt und später zu klingen. Der jüdische Dichter Lissauer hat dazu keine Zeit, er muß die Wiederkehr von Luthers Geburtstag besingen. Und wo wir anläßlich der famosen Judenzählung auf Fürsprache stießen, da fanden wir Redensarten, allgemeine Phrasen, appellierend an unser Recht oder allgemeine Hinweise auf schwere Opfer, die der Gutgläubige akzeptierte und der Altdeutsche skeptisch bezweifelte.
Und doch könnten wir reichhaltiges Material bieten, das den Opfermut unserer jüdischen Soldaten scharf umreißt, Beispiele davon geben, daß auch wir Männer sind, die in nichts denen anderer Stämme Deutschlands nachstehen. Wenn wir das Verdienst der jungen Juden an die Oeffentlichkeit bringen, dann folgen wir nur dem Beispiel der allgemeinen Presse, dem System der Heldentafeln, wir mehren zwar unseren eigenen Ruhm, kommen aber nur der historischen Gerechtigkeit nach, indem wir der Helden gedenken, die ihr junges Leben freudig für uns alle dahingegeben haben. Ob ihr Name fortleben darf und das Gedächtnis ihrer Taten aufgezeichnet werden soll, darüber eine Debatte zu eröffnen, erscheint mir mehr als überflüssig. Neben deren Größe verliert die Anschuldigung an Boden, als ob die jüdische Jugend sich nur aus »Muß«-, »Auch«- oder gar »Nicht«-Soldaten zusammensetze.
Einen guten Ausschnitt liefert der Beitrag »jüdische Flieger«. Im Felde ist es schwer, sich als Privatmann einen guten Ueberblick über die ruhmvolle Beteiligung der Juden an dieser Waffe zu verschaffen. Meine Sammlung ist deshalb nur ein Torso, der aber doch schon eine gewisse Orientierung gestattet und vor allem die Erinnerung an einige Juden festhält, deren Namen nicht klanglos zu ersterben brauchen.
Im Gewühl des Weltenbrandes ist die Erfüllung dieser Aufgabe nicht ganz einfach, um so mehr, als die Abfassung dieses Buches in die Kämpfe der Frühjahrsoffensive des Jahres 1918 fiel, in eine Zeit, in der ein Truppenarzt eines Regiments unter Tausend Widrigkeiten nur in Eile das Material, das sonst zerflatterte, zu Papier bringen konnte. Der Leser wird daher den Mängeln der Arbeit nachsichtig sein!