Aus Frankfurt a. M. stammen: Leutnant d. R. Fritz Haas und die Brüder Adolf und Otto Neumann. Dieser Fall, daß Brüder bei der Flugzeugwaffe dienen, ist keine Ausnahme. Aus Hannover kommen die Brüder Block. Hans Block, Leutn. d. Res. (Alter Herr des K. C.), wohnte vor dem Krieg in Köln, sein Bruder ist der Unteroffizier und Flugzeugführer Fritz Block; aus Freiburg die Gebrüder Rosin. Von Fliegern, die es als Juden zum Offizier brachten, seien ferner erwähnt: Leutnant d. R. Leopold und Leutnant d. R. Alfred Kann, Rechtsanwalt in Zempelburg, früher beim 34. Inf.-Regiment.

Der nichtjüdische Reserveoffizier, der vor dem Kriege das Offizierspatent erhielt, hat sich diese Beförderung durch seine anscheinende Eignung als tapferer Soldat erwirkt. Der Jude, der im Frieden bei keiner preußischen Formation in das Offizierkorps aufsteigen konnte, hat sich sein Avancement infolgedessen durchweg als Soldat vor dem Feinde erkämpft. Darin liegt ein offenkundiger Beweis seines Mutes, wie seiner übrigen Fähigkeit. Statistiken ergeben bis zum Frühjahr 1918 etwa 2000 jüdische Offiziers-Beförderungen, während naturgemäß mindestens ebensoviel von jüdischen Einjährigen vorher gefallen oder so schwer verwundet wurden, daß sie ausschieden. Außerdem waren noch Tausende durch widrige Umstände, Krankheiten, Versetzungen usw., an der Beförderung behindert, Hunderte litten unter dem schwer überwindbaren Vorurteil, das Jahrzehnte hindurch als feststehendes Dogma von allen preußischen Offizierkorps restlos gepflegt und gehegt, nicht urplötzlich aus den Vorstellungen und Erinnerungen der Vorgesetzten schwinden konnte. Dazu kam, daß die Identifizierung der Juden als einheitliche Masse, der notorische Minderwert einzelner — den wir übrigens in allen Volksschichten treffen — die Leistungen und Fähigkeiten der geeigneten Juden ungünstig beeinflußte. Einer Gemeinschaft, die ihr Leben vorweg in den Büros der Großstädte zubrachte, die körperlich von zu Hause wenig entwickelt, in ihren Berufen wenig mit schwerer physischer Arbeit zu tun hatte, mußte es schwer fallen, die Arbeiten, welche der Schützengrabenkrieg erforderte, zu lösen, der einfache Soldat war hier nicht vor allem im offenen Kampfe mit dem Feind, wo er seinen Mut zeigen konnte, sondern er hatte zu graben und zu schaufeln, Lasten und schwere Tornister zu tragen, Hunger und Kälte auszuhalten. Jeder einfache Bauarbeiter beschämte den Bankprokuristen täglich und stündlich. Daß energielose, schwächliche jüdische Kaufleute um so stärker aus dem Rahmen fielen, ist kein Wunder. Wenn der jüdische Soldat trotzdem vielen als wenig vorbildlich erscheint, so stammt das Urteil daher, daß ein krummer jüdischer Soldat mehr schlecht macht als ein Dutzend vorzüglicher gut machen können. Ein unfähiger nichtjüdischer Soldat fällt nicht auf. Wenn aber Cohn oder Levi schlapp ist, heißt es im Urteil der Vorgesetzten und Kameraden: »Der Jude ist schlapp«, seine Unfähigkeit schädigt sozusagen den Ruf des jüdischen Soldaten im allgemeinen.

Beispiele für die Wahrheit dieser Dinge gibt es genügend. Für die Beurteilung des jüdischen Soldaten wirkt ferner ungünstig, daß bei vielen prächtigen jüdischen Erscheinungen die Umwelt oft nicht weiß, daß sie Juden sind, oder sie eo ipso als Ausnahmen betrachtet, während der Unglückswurm H. oder Y. als Muster erkannt und deklariert wird. So erlebte ich selbst, daß von dem ersten Träger des Eisernen Kreuzes 1. Klasse unter den Mannschaften meines Regiments des Vizef. Gotthold Sender bei seiner Offizierswahl die Mehrzahl der Offiziere annahmen, daß Sender Nichtjude sei und daß bis zu seinem Tode wenige Kameraden über seine Zugehörigkeit zum Judentum unterrichtet waren.

Die Juden betragen knapp ein Prozent der Bevölkerung und sind somit nur in ein bis zwei Exemplaren in den Kompagnien anzutreffen. Ist der Jude, der oft im Frieden als untauglich nach Hause geschickt wurde, kein besonders günstiger Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft, dann verstärkt er bei 100 bis 200 Leuten das mißfällige Urteil über die Juden. Im anderen Falle wird über seine jüdische Abstammung stillschweigend hinweggesehen, der weiße Rabe gibt keine Veranlassung das verallgemeinernde Urteil zu ratifizieren. Schopenhauer sagt einmal in seinen »Aphorismen zur Lebensweisheit«: »Die menschliche Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit erscheint in jedem Lande in einer anderen Form und diese nennt man den Nationalcharakter. Jede Natur spottet über die andere und alle haben Recht«. Die Bemerkung hat einen richtigen Kern. Der konservative Offizier entrüstet sich leicht über den sozialistischen Städter und neigt dazu, ihnen weniger Vaterlandsliebe zuzutrauen. Der evangelische Orthodoxe traut dem orthodoxen Zentrumsmann nicht allzusehr. Von der Ueberhebung der Franzosen, Engländer, Italiener, der vielen anderen Völker gegenüber dem Deutschen können wir das eine ersehen, wie leicht es ist, ein Volk als minderwertig hinzustellen, wie rasch unwahre Auswürfe über eine Masse, die nicht sofort die Macht hat, sich derlei Lügen zu verbitten, nachwirken. Die Verleumdungen der Antisemiten haben daher, wiewohl der größte Teil sich nachträglich als haltlos erwies, doch nach dem bekannten Satz Erfolg: »Verleumde fest drauf los, ein Manko bleibt immer an dem Verleumdeten hängen«, gewirkt. Noch immer bringt man dem Juden Mißtrauen entgegen. Viele jüdische Soldaten haben dagegen gekämpft und haben trotz mannigfacher Beweise ihrer soldatischen Fähigkeiten das Vorurteil nicht überwinden können. Einzelne ließen sich, wie wir sehen werden sogar taufen, um diesem Vorurteil zu entgehen!

Protektion, Zufall oder Friedenstüchtigkeit, waren also keine Faktoren, die der Beförderung jüdischer Offiziere zu Hilfe kamen. Restlos war es ihre Bewährung im Felde und vor dem Feinde. Die ganze jüdische Bevölkerung Deutschlands beträgt 500 000 Seelen (die Ausländer abgerechnet). Ein Teil davon ist naturgemäß nur die männliche Bevölkerung im militärpflichtigen Alter und hiervon ein Bruchteil wiederum hat die Einjährigen-Berechtigung. Darnach ist die Zahl der jüdischen Offiziere (ohne die Sanitätsoffiziere) wohl entsprechend. Das ist ein Beitrag für ihre Bewährung, ein anderer, daß wie das »Hamburger Israelitische Familienblatt« in den 4 Jahren aufzeichnen konnte, hunderte Eiserne Kreuze I. Klasse an schlichte jüdische Soldaten verliehen wurden. Otto Flake spielt in seinem Logbuche über mißliebige Deutsche im Ausland: »Es ist nutzlos über diese Art Landsleute hinwegzusehen; sie ist darum doch noch immer in der Welt.« Ueber die wenig erfreulichen Exemplare der Judenheit haben die Reden im Reichstag, im Herrenhaus und in den Zeitungen genug gestanden. Diese Exemplare lassen sich nicht wegexemplizieren. Aber die Tausende, die auf den weiten Fronten ein frühes Grab gefunden oder zu Krüppeln geschossen wurden, die Zehntausende, die begeistert als Kriegsfreiwillige sich gestellt haben, die nicht unbeträchtliche Zahl der Offiziere und die Träger der Eisernen Kreuze erster und zweiter Klasse auch nicht. Sie müssen jeden Vorstoß gegen die Anteilnahme der Juden im Kriege, die verallgemeinernd absprechend ist, zugleich als eine Gefahr empfinden, die ihr Verdienst herabsetzt. In einer Zeit, wo allerlei zweifelhafte Elemente ihrem Ich auf Kosten der Nebenmenschen rücksichtslos huldigen, wo der Eigennutz einzelner in allen Bevölkerungsschichten kraß zutage tritt, wirkt jede judengegnerische Behauptung direkt lächerlich und selbst überhebend. Denn die Tatsache, daß altgediente Berufssoldaten sich zu Hause oder in der Etappe herumzudrücken verstanden, darf ebensowenig auf alle ausgedehnt werden wie die, daß Juden, die bisher nicht gedient hatten, die im Heere in den langen Friedensjahren einer starken Zurücksetzung begegneten, eine starke Zuneigung zu Schreiberposten faßten. Es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre, wenn auf einmal die deutschen Juden nur Helden aufzuweisen hätten. Wer aber die großen Verdienste und die starke Anteilnahme der jüdischen Jungens an dem Kriege bestreitet, der betreibt eine Verleumdungspolitik, über die wir angesichts der Tatsachen zur Tagesordnung übergehen können ....

So sind unter den Fliegern nicht nur die geistigen Juden aus den berühmten guten Häusern, die zur modernen Waffe streben, sondern ganz einfache schlichte Jungens, aus dem breiten Volke, denen wir im Fliegerdienst begegnen. Es handelt sich also nicht um wenige Ausnahmefälle, daß Juden zur Fliegerei übergingen.

Die israelitische Erziehungsanstalt Dahlem, welche ihre Zöglinge vor allem der Bodenkultur und dem Handwerk zuführt, kann allein auf zwei Flieger hinweisen. Der eine ist ein Flieger Paul Goldmann. Der zweite, Edgar Hirsch, im Frieden Elektro-Monteur in Walsrode i. d. Heide, trat gleich bei der Fliegerwaffe ein. Er erhielt am 28. August 1915 bei Arras einen Schuß, der ihn zum Niedergehen zwang, wobei er sich ernstlich verletzte. Hirsch hatte infolge nebeligen Wetters tief herabgehen müssen, um seinen Auftrag durchzuführen. Hirsch ist ein Beispiel dafür, daß wir schlichte Jungens haben, die technisch und physisch ihren Platz ausfüllen.

Eine glückliche Synthese dieser Art verkörpert der Flugobermaat Rund aus Gleiwitz. Bei Ausbruch des Krieges in Amerika lebend, weiß sich Rund auf kühne Weise als »Amerikaner« nach Deutschland durchzuschlagen und tritt dann als Marineflieger bei der Wasserflugstation in Seebrügge ein. Ueber seine Fahrt brachte die deutsche Presse (»Hamburger Fremdenblatt« u. a.) ein längeres Feuilleton. In Seebrügge tat er zwei Jahre seinen Dienst, wurde Inhaber des Fliegerabzeichens u. a. Auszeichnungen. In einem Korpstagesbefehl I a, Nr. 31 von 1916, heißt es:

Anerkennung!

... ebenso zolle ich meinen Dank und hohes Lob dem Leutnant zur See B., den Flugmeistern K. und J. und dem Flugobermaaten Rund für den kühnen Angriffsflug am 23. Januar 1916 auf die Luftschiffhallen in Hongham.