»Bruder! Bruder! was thust du an mir! welche Schmach!« rief Arahad. »Ich rechn’ es mir zur Ehre!« [pg 173]sprach Guntharis ruhig. »Und zum Zeichen, daß mein König nicht Feigheit sieht, sondern eine Edelthat in der Huldigung, erbitt’ ich mir eine Gunst. Amaler und Balthen haben unser Geschlecht zurückgedrängt von dem Platz, der ihm gebührt im Volke der Goten.« »In dieser Stunde,« sprach Witichis, »kaufst du ihn zurück: die Goten sollen nie vergessen, daß Wölsungen-Edelsinn ihnen einen Bruderkampf erspart hat.« – »Und des zum Zeichen sollst du uns das Recht verleihen, daß die Wölsungen der Goten Sturmfahne dem Heer vorauftragen in jeder Schlacht.« »So sei’s,« sagte der König, ihm die Rechte reichend, »und keine Hand wird sie mir würdiger führen.« »Wohlan, jetzt auf zu Mataswintha,« sprach Guntharis.

»Mataswintha!« rief Arahad, der bisher wie betäubt der Versöhnung zugesehen, die alle seine Hoffnungen begrub. »Mataswintha!« wiederholte er. »Ha, zur rechten Zeit gemahnt ihr mich. Ihr könnt mir die Krone nehmen: – sie fahre hin, – nicht meine Liebe und nicht die Pflicht, die Geliebte zu beschützen. Sie hat mich verschmäht: ich aber liebe sie bis zum Tode. Ich habe sie vor meinem Bruder beschirmt, der sie zwingen wollte, mein zu werden. Nicht minder wahrlich will ich sie beschützen, wollt ihr sie nun beide zwingen, des verhaßten Feindes zu werden. Frei soll sie bleiben, diese Hand, die kostbarer als alle Kronen der Erde.« Und rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhängtem Zügel seinem Lager zu.

Witichis sah ihm besorgt nach. »Laß ihn,« sprach Herzog Guntharis, »wir beide, einig, haben nichts zu fürchten. Gehen wir die Heere zu versöhnen, wie die Führer.«

Während Guntharis zuerst den König durch seine Reihen führte und diese aufforderte, gleich ihm zu huldigen, was sie mit Freuden thaten, und darauf Witichis den [pg 174]Wölsungen und seine Anführer mit in sein Lager nahm, wo die Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte als ein Wunderwerk des Königs angesehen wurde, sammelte Arahad aus den Reitern im Vordertreffen eine kleine Schar von etwa hundert ihm treu ergebenen Gefolgen und sprengte mit ihnen nach seinem Lager zurück.

Bald stand er im Zelt vor Mataswinthen, die sich bei seinem Eintreten unwillig erhob. »Zürne nicht, schilt nicht, Fürstin! diesmal hast du kein Recht dazu. Arahad kommt, die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfüllen. Flieh, du mußt mir folgen.« Und im Ungestüm seiner Aufregung griff er nach der weißen, schmalen Hand.

Mataswintha trat einen Schritt zurück und legte die Rechte an den breiten Goldgürtel, der ihr weißes Untergewand umschloß: »fliehen?« sagte sie, »wohin fliehen?«

»Übers Meer! Über die Alpen! gleichviel: in die Freiheit. Denn deiner Freiheit droht höchste Gefahr.«

»Von euch allein droht sie.« – »Nicht mehr von mir! Und ich kann dich nicht mehr beschirmen. Solang du mein werden solltest, konnte ich es, konnte grausam sein gegen mich selbst, deinen Willen zu ehren. Aber nun –«

»Aber nun?« sprach Mataswintha erbleichend.

»Sie haben dich einem andern bestimmt. Mein Bruder, mein Heer und meine Feinde im Königslager und in Ravenna, alle sind darin einig. – Bald werden sie dich tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen. Ich kann’s nicht denken! Diese Seele, diese Schönheit entweiht als Opfer in ungeliebtem Ehebund.«