»Geht,« sagte sie, »laßt mich allein mit meinem Glück.« Die Sklavinnen gehorchten. Mataswintha eilte ans Fenster, das sie rasch öffnete, wie um ihren Gedanken zu entfliehen. Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der unten vom Schein der Hängelampen im Garten voll beleuchtet war.

»Er! Wieder er. – Wohin entflieh ich vor ihm, dem süßen Tod?«

Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem Fenster gegenüber, glänzte im Ampellicht eine weiße Marmorbüste. Sie kannte sie wohl: Aspa hatte den Areskopf nicht vergessen, den treuen Begleiter lang harrender Sehnsucht. Heute aber schlang sich ein Kranz von weißen und roten Rosen um sein Haar. »Und wieder du!« flüsterte die Braut, süß erschrocken und legte die weiße Hand vor die Augen. »Und schließ ich die Augen und wend’ ich sie nach innen, so seh ich wieder sein Bild, sein Bild allein im tiefsten Herzen. Ich werde noch untergehn in diesem Bilde! Ach, und ich will’s!« rief sie die Hand fallen lassend und dicht vor die Büste tretend: »ich will’s! Wie oft, mein Ares, wann der Abend kam, hab’ ich zu dir aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe aus deinen klaren, großen Zügen drang in die schwanke Seele. Wie wunderbar hat dieses Ahnen, dieses Sehnen, dieses Hoffen sich erfüllt! Wie er einst dem weinenden Kinde die Thränen getrocknet und die Ratlose nach Hause [pg 184]geführt, so wird er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in seinem Herzen. Und durch all diese öden Jahre, durch all die letzten Monate voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefühl: »Es wird! Dir wird geschehen wie du glaubst! Dein Retter kommt und birgt dich sicher an der starken Brust.« Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des Himmels: – es ward. Ich bin sein! Dank, glühenden, seligen Dank, wer immer du bist, beglückende Macht, die über den Sternen die Bahn der Menschen lenkt mit weiser, mit liebender, mit wunderbar segnender Hand. O ich will’s verdienen, dieses Glück. Er soll im Himmel wandeln. Sie sagen, ich bin schön: ich weiß es, daß ich’s bin: ich weiß es ja durch ihn: – ich will’s für ihn sein. Laß mir, Himmel, diese Schöne. Sie sagen: ich habe einen mächtigen, schwungvollen Geist. O gieb ihm Flügel, Gott, daß ich seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhöhen. Aber, o Gott, laß mich auch abthun meine Fehler, den spröden, stolzen, leicht gereizten Sinn, den Trotz des zornigen Eigenwillens, den unbändigen Drang nach Freiheit ... – O fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmütiger Geist: ihm sich zu beugen ist edelster Ruhm. Gieb dich gebunden, Herz, und verloren auf ewig an ihn, deinen starken und herrlichen Herrn. O Witichis,« rief sie und sank fortgerissen vom Gefühl halb aufs Knie, sich an das Lager lehnend und zu der Büste aufblickend mit schwimmenden Augen – »ich bin dein. Thu wie du willst mit meiner Seele! Vernichte sie! nur gesteh, daß du glücklich bist, glücklich durch mich.«

Und sie beugte das schöne Haupt vor, nach den gefaltenen Händen.

Doch plötzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht floß ins Gemach. An der offenen Thüre stand der König: [pg 185]draußen auf dem Gang zeigten sich zahlreiche Goten und Ravennaten mit hellen Fackeln.

»Dank, meine Freunde,« sprach der König mit ernster Stimme. »Dank, für das Festgeleit. Geht nun und vollendet die Nacht,« und er wollte die Thüre schließen.

»Halt,« sprach Hildebrand, mit der Hand die Thüre wieder öffnend, so daß Mataswintha sichtbar ward, »hier seht ihr, alles Volk: der Mann und das Weib, die heut wir vermählt, sind glücklich geeint im Ehegemach. Ihr sehet Witichis und Mataswintha: und ihren ersten ehelichen Kuß.«

Mataswintha erbebte. Sie wankte, und schlug erglühend die Augen nieder.

Unschlüssig stand der König in der Thür. »Du kennst der Goten Brauch,« sprach Hildebrand laut, »so thu’ danach.«

Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde Linke Mataswinthens, führte sie schnell einen Schritt vorwärts und berührte mit den Lippen ihre Stirn. Mataswintha zuckte.