Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand, selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemächern sich zu erkundigen, beschwor sie die staunende Aspa, um keinen Preis den König vor ihr Antlitz treten zu lassen: obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und häufig arme Leute aus der Stadt empfangen hatte, ja die Darbenden auffordern ließ, sich bei ihr zu melden. Sie pflegte dann eigenhändig die für sie und ihren Hof bestimmten Speisen und mit maßloser [pg 364]Freigebigkeit Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu verteilen.
Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein Mann in braunem Mantel und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade gebeten hatte, sie möchte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes die Gunst einer Unterredung ohne Zeugen gewähren.
Es gelte des Königs Heil: es gelte zu warnen vor thätigem, überführbarem Verrat, der seine Krone, vielleicht sein Leben, bedrohe. Mataswintha gewährte eifrig die Bitte. –
Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte nicht mehr abweisen, was auch nur mit dem Verwand seiner Rettung an sie trat. Auf Sonnenuntergang bestellte sie das Weib. –
Die Sonne war gesunken. Der Süden kennt fast keine Dämmerung. Es war finster beinahe, als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine Sklavin winkte. Die Königin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur achten Stunde Schlummer gefunden. Eben erst erwacht sei sie sehr schwach. Gleichwohl solle die Bittende vorgelassen werden, da es dem König gelte.
»Ist das aber auch gewiß wahr?« forschte die Sklavin. »Nicht unnütz möcht’ ich meine Herrin mühen:« – es war Aspa – »wenn ihr nur Gold damit erlisten wolltet, sagt es mir frei. Ihr sollt mehr haben als ihr begehrt: – nur schont meine Herrin. Gilt es dem König wirklich?«
»Es gilt dem König!« Seufzend führte Aspa die Frau in das Gemach Mataswinthens.
Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden, ganz in leichtes, weißes Krankengewand gekleidet, im Hintergrund des großen Gemaches von dem Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die [pg 365]goldene Ampel, die über demselben in die Wand eingelassen war, brannte bereits mit mattem Licht. Sie blieb auf dem Rand des Lagers müde sitzen. »Tritt näher,« sprach sie. »Es gilt dem König? warum zögerst du? Rede.«
Das Weib deutete auf Aspa. »Sie ist verschwiegen und treu.« – »Sie ist ein Weib.« Auf einen Wink Mataswinthens entfernte sich ungern das Mädchen.
»Amalungentochter – ich weiß: nur des Reiches Not, nicht Liebe, hat dich zu ihm geführt. – (Wie wunderschön sie ist, obzwar todesblaß!) Doch, Gotenkönigin bist du: seine Königin – ob du ihn auch nicht liebst: – sein Reich, sein Sieg muß dir das Höchste sein.«