»Du hast nicht unterschrieben, Herr,« mahnte Bessas.

»So gieb,« und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners. »Die Urkunde ist sehr lang,« sagte er hineinblickend und hob an zu lesen. »Eile, König,« mahnte Johannes.

»Zum Lesen ist nicht mehr Zeit,« sagte Cethegus gleichgültig, und reichte ihm die Schilffeder von dem Tisch. »Dann auch nicht mehr zum Schreiben,« antwortete der König. »Du weißt: ich war ein König nach Bauernart, wie die Leute sagten. Bauern unterschreiben keine Zeile, ehe sie genau gelesen: gehen wir.« Und lächelnd gab er die Urkunde an den Präfekten und schritt hinaus. Die Byzantiner und alle Anwesenden folgten.

Cethegus drückte das Pergament zusammen: »Warte nur,« flüsterte er grimmig, »du sollst doch noch unterschreiben.« Langsam folgte er den andern.

Die Halle vor dem Gemach des Königs war bereits leer.

Der Präfekt schritt hinaus auf den gewölbten Bogengang, der im Viereck den ersten Stock des Palastes umgab und dessen byzantinisch-romanische Rundbogen den freien Blick in den weiten Hofraum gewährten. Derselbe war von Bewaffneten dicht gefüllt. An allen vier Thoren standen die Lanzenträger Belisars. Cethegus lehnte hinter [pg 375]einem Bogenpfeiler und sprach, dem Gang der Ereignisse folgend, mit sich selbst: »Nun, Byzantiner genug, um ein kleines Heer gefangen zu nehmen! Freund Prokop ist vorsichtig – Da! – Witichis erscheint im Portal – Seine Goten sind noch weit hinter ihm auf der Treppe. Des Königs Pferd wird vorgeführt. – Bessas hält dem König den Bügel. – Witichis tritt heran, er hebt den Fuß. – Jetzt ein Trompetenstoß. – Die Treppenthüre des Palastes fällt zu und schließt die Goten in den Treppenbau. Auf dem Dache reißt Prokop das Gotenbanner nieder. – Johannes faßt seinen rechten Arm, brav Johannes. – Der König ruft: »Verrat, Verrat!« Er wehrt sich mächtig. – Aber der lange Mantel hemmt ihn. – Da, da, er strauchelt. – Er stürzt zu Boden. – Da liegt das Reich der Goten.« – – –


»Da liegt das Reich der Goten!« Mit diesen Worten begann auch Prokop die Sätze, die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug: »Ein wichtig Stück Weltgeschichte hab’ ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun nachts hier ein.

Als ich heute das römische Heer seinen Einzug halten sah in die Thore und Königsburg von Ravenna, kam mir abermals der Gedanke: nicht Tugend oder Zahl oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte.

Es giebt eine höhere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit.