»Auf! Blitzesschnell! wir müssen ihn hereinlocken!

Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und auf der Porta Capuana. Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet auf die Wälle: wer ihn warnt, mit einem Augenwinken, ist des Todes. Zieht meinen Leibwächtern gotische Waffen an. Ich selbst will dabei sein! dreihundert Mann in der Nähe des Thors. Man lasse ihn ruhig herein. Sowie er das Fallgitter hinter sich hat, läßt man’s nieder. Ich will ihn lebend fangen. Er soll nicht fehlen beim Triumphzug in Byzanz.«

»Gieb mir das Amt, mein Feldherr,« bat Johannes. »Ich schuld’ ihm noch Vergeltung für einen Kernhieb.« Und er flog zurück zur Porta Capuana, ließ die Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine Maßregeln.

Da drängte sich eine verschleierte Gestalt heran: »Um der Güte Gottes willen,« flehte eine liebliche Stimme, »ihr Männer, laßt mich heran! Ich will ja nur seine Leiche, – o gebt Acht! sein weißer Bart! o mein Vater.« Es war Miriam, die der Lärm plündernder Hunnen aus der Kirche nach Hause gescheucht hatte. Und mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere zurück und nahm das bleiche Haupt Isaks in ihre Arme.

»Weg, Mädel!« rief der nächste Krieger, ein sehr langer Bajuvare, ein Söldner von Byzanz: – Garizo hieß er. »Halt uns nicht auf! wir müssen den Weg säubern! In den Graben mit dem Juden!«

»Nein, nein!« rief Miriam und stieß den Mann zurück.

»Weib!« schrie dieser zornig und hob das Beil. –

Aber die Arme schützend über des Vaters Leiche breitend und mit leuchtenden Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen: – wie gelähmt hielt der Krieger inne: »Du hast Mut, Mädel!« sagte er, das Beil senkend. »Und schön bist du auch, wie die Waldfrau der Liusacha. Was kann ich dir Liebes thun? du bist ganz wundersam anzuschauen.« – »Wenn der Gott meiner Väter dein Herz gerührt,« bat Miriams herzgewinnende Stimme, »hilf mir die Leiche dort im Garten bergen: – das Grab hat er sich lange selbst geschaufelt, – neben Sarah, meiner Mutter, das Haupt gegen Osten.« – »Es sei!« sprach der Bajuvare und folgte ihr. Sie trug das Haupt, er faßte die Knie der Leiche: wenige Schritte führten sie in den kleinen Garten: da lag ein Stein unter Trauerweiden: der Mann wälzte ihn weg und sie senkten die Leiche hinein, das Antlitz gegen Osten. –

Ohne Worte, ohne Thränen starrte Miriam in die Grube: sie fühlte sich so arm jetzt, so allein; mitleidig, leise schob der Bajuvare die Steinplatte darüber. »Komm!« sagte er dann. – »Wohin?« fragte Miriam tonlos. – »Ja, wohin willst du?« – »Das weiß ich nicht! – Hab Dank,« sprach sie und nahm ein Amulett vom Halse und reichte es ihm: es war von Gold, eine Schaumünze vom Jordan, aus dem Tempel.

»Nein!« sagte der Mann und schüttelte das Haupt.