Das war zu viel.
Namenlos elend beschloß ich, dieser Mutter zu entrinnen, der ich zur Strafe leben sollte, und davonzugehen, wo mich niemand kennte: ich wußte nicht wohin: am liebsten in das Grab zu meinem Vater.
Als es Abend geworden, stahl ich mich aus dem Palast, ich eilte nochmals an das geliebte Grab zu langem thränenreichem Abschied. Schon gingen die Sterne auf: da huschte ich aus dem Garten, aus dem Palast und eilte durch die dunkeln Straßen der Stadt an das faventinische Thor. Glücklich schlüpfte ich an der Wache vorbei ins Freie und lief nun eine Strecke auf der Straße fort, gradaus in die Nacht, ins Elend.
Aber auf der Straße kam mir entgegen ein Mann im Kriegsgewand. Als ich an ihm vorüber wollte, schritt er plötzlich heran, sah mir ins Antlitz und legte die Hand leicht auf meine Schulter: »Wohin, Jungfrau Mataswintha, allein, in so später Nacht?«
Ich erbebte unter seiner Hand, Thränen brachen aus [pg 80]meinen Augen und schluchzend rief ich: »In die Verzweiflung!«
Da faßte der Mann meine beiden Hände und sah mich an, so freundlich, so mild, so besorgt. Dann trocknete er meine Thränen mit seinem Mantel und sprach in weichem Ton der tiefsten Güte: »Und warum? Was quält dich so?«
Mir ward so weh und wohl ums Herz beim Klange dieser Stimme. Und wie ich in sein mildes Auge sah, war ich meiner selbst nicht mehr mächtig. »Weil mich die eigne Mutter haßt, weil’s keine Liebe für mich giebt auf Erden.« – »Kind! Kind! Du bist krank,« sagte er, »und redest irr. Komm, komm mit mir zurück! Du? warte nur! du wirst noch eine Königin der Liebe werden.«
Ich verstand ihn nicht. Aber ich liebte ihn unendlich für diese Worte, diese Milde. Fragend, staunend, hilflos sah ich ihm ins Auge. Ich bebte und zitterte. Es mußte ihn rühren; oder er dachte, es sei die Kälte.
Er nahm seinen warmen Mantel ab, schlug ihn um meine Schultern und führte mich langsam zurück durchs Thor, auf unbelebten Straßen, durch die Stadt nach dem Palast.
Willenlos, hilflos, wankend wie ein krankes Kind folgte ich ihm, das Haupt, das er mir sorglich verhüllte, an seine Brust gelehnt. Er schwieg und trocknete mir nur manchmal die Augen. Unbemerkt, wie ich glaubte, gelangten wir an die Thüre der Palasttreppe: er öffnete sie, schob mich sanft hinein: dann drückte er mir die Hand. »Gut sein,« sagte er, »und ruhig. Dein Glück wird dir schon kommen. Und Liebe genug.« Und er legte leise die Hand auf mein Haupt, schloß die Thüre hinter mir und stieg die Treppe hinab.