»Ich soll meinen Mann verlassen? Niemals.« – »Hat er nicht dich verlassen? Ihm ist Hof und Königsdienst mehr als Weib und Kind. So laß ihm seinen Willen.«
»Vater,« sprach jetzt Rauthgundis, seine Hand heftig fassend, »kein Wort mehr! Hast du denn meine Mutter nicht geliebt, daß du so reden kannst von Ehegatten? Mein Witichis ist mir alles, Luft und Licht des Lebens. Und er liebt mich mit seiner ganzen treuen Seele. Und wir sind eins.
Und wenn er für recht hält, fern von mir zu schaffen – zu wirken, so ist es recht. Er führt seines Volkes Sache. Und zwischen mich und ihn soll kein Wort, kein Hauch, kein Schatte treten. Und auch ein Vater nicht.«
Der Alte schwieg. Aber sein Mißtrauen schwieg nicht. »Warum,« hob er nach einer Pause wieder an, »wenn er am Hof so wichtige Geschäfte hat, warum nimmt er dich nicht mit? Schämt er sich der Bauerntochter?« und zornig stieß er seinen Stock auf die Erde.
»Der Zorn verwirrt dich! Du grollst, daß er mich vom Berg ins Thal der Welschen geführt – und grollst ebenso, weil er mich nicht nach Rom mitten unter sie führt!«
»Du sollst’s auch nicht thun! Aber er soll’s wollen. Er soll dich nicht entbehren können. Aber des Königs Feldherr wird sich des Bauernkindes schämen.«
Da, ehe Rauthgundis antworten konnte, sprengte ein Reiter an das jetzt verschlossene Hofthor, vor dem sie eben standen. »Auf, aufgemacht!« rief er, mit der Streitaxt an die Pfosten schlagend. – »Wer ist da draußen?« fragte der Alte vorsichtig. – »Aufgemacht! solang läßt man einen Königsboten nicht warten!«
»Es ist Wachis,« sprach Rauthgundis, den schweren Riegelbalken im Ring zurückschiebend, »was bringt dich so plötzlich zurück?«
»Du bist es selbst, die mir öffnet!« rief der treue Mann, »o Gruß und Heil, Frau Königin der Goten! Der Herr ist zum König des Volks gewählt. Diese meine Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben: er läßt dich grüßen: und entbietet dich und Athalwin nach Rom. In zehn Tagen sollst du aufbrechen.«
In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen allen Fragen durch konnte sich Rauthgundis nicht enthalten eines freudig stolzen Blicks auf ihren Vater: dann warf sie sich an seine Brust und weinte. »Nun,« fragte sie endlich sich losmachend, »Vater, was sagst du nun?«