»Es ist so kurz erst,« begann die Braune aufs neue, »daß wir alle vier zusammengetroffen sind in dem freundlichen Städtlein am gelben Main. Wir wissen noch gar zu wenig voneinander. Wie wär' es, wenn wir hier einander erzählten, was uns hergeführt und wie wir früher gelebt? Eine Waldbeichte! Die Tauben da oben – hörst du ihr zärtlich Gurren, Edel? – singen die Waldmesse dazu.« »Ja, beichten wir!« fiel Fulko bei. »Aber Ihr, schön Minnegard, macht den Anfang. Ihr habt gewiß von uns vieren das meiste Unheil in der Welt angerichtet. Uns anderen wird's dann leichter.« »Mein junges Leben,« lachte sie, die weißen Zähnlein zeigend, »ist gar bald auserzählt. Geboren bin ich fern im schönen Hochgebirg des Bayerlandes, wo, an den Schroffen des Wettersteins, die Partnach schäumend durch die Felsen bricht, die Kanker murmelnd durch die Büsche zieht, die Alpenrose bis herab zum Thalgrund blüht: dort ragt ein altes Schloß seit grauer Zeit: – des Werto Fels: das ist mein Heimatthal, auf jener Burg stand meine Wiege. Früh starb die gute Mutter, bald folgte ihr der Vater, Herr Werinher von Rothenburg, des Königs Graf im Sundergau. Da ward mein Muntwalt sein Bruder, der Herr Erzbischof Heribert von Köln; der ließ mich zu sich bringen an den Rhein. Als ich den achtzehnten Winter vollendet hatte, teilte er mir mit, der letzte Wunsch meiner Mutter habe mich dem Kloster bestimmt: dieser Wunsch solle mir heilig sein. Ich erschrak! Thränen brachen mir aus den Augen. Das Kloster, das mich aufnehmen soll, darf ich mir wählen.«
»Gut, sagt mir's vorher. Ich steck's in Brand,« grollte Fulko leise.
»Ich erbat vor allem Aufschub. Und da der Oheim als Reichskanzler den Herrn Kaiser auf unabsehbar lange Zeit nach Welschland über die Berge zu begleiten hatte, gab er für immerdar die Vormundschaft über mich ab an seinen jüngeren Bruder, den Herrn Bischof Heinrich, und sandte mich hierher. Diesen Oheim lob ich mir! Ist's ein Mann!«
»Ein Held ohnegleichen!« rief der wortkarge Hellmuth begeistert und seine traurigen Augen blitzten dabei auf. »Eine Faust von Erz!« »Und ein Herz von Gold!« ergänzte der Sänger, den Becher frisch füllend und hebend. »Ich trinke auf sein Heil!« »Wir thun Bescheid,« fielen die andern ein und selbst Edels strenge Züge wurden freundlich: sie stieß mit dem frohen Paare an; Hellmuth machte gar nicht den Versuch, seinen Pokal ihrer Trinkschale zu nähern. »Allein auch er,« seufzte Minnegard, »hält es für Pflicht, dem letzten Wunsch der Mutter nachzuleben.« »Wäre nur Frau Heilfriede nicht so fern,« meinte Edel, mitleidig auf die Freundin blickend, »die vieledle Gräfin, die hilfreiche, die ratkluge. Sie fände wohl Rat auch für deine Not!« – »Ja, die vielgütige Frau. Wie hat sie mir in Köln die Mutter ersetzt, solange ihr Gatte, Graf Gerwalt, des Deutzgau's waltete.« – »Hat sie doch sogar mich, die Fremde, wie eine Tochter gehalten und gepflegt, als ich erkrankte, während mich Herr Heinrich dorthin gesandt hatte, dich zu besuchen.« – »Und in hohem Ansehen stand sie bei dem Herrn Kanzler.« – »Dagegen hier sah ich sie noch nie im Bischofshof.« – »Sie weilt ja nun schon geraume Zeit mit ihrem Gemahl in Welschland.« »Und noch nicht gar lange ist's her,« ergänzte Hellmuth, »daß Graf Gerwalt diesen, den Waldsassengau, erhielt.« »Die heilige Gräfin, wie wir sie alle nannten,« fuhr Minnegard fort, »sah wohl mein Widerstreben; ich glaube, sie hat auch einmal bei Herrn Heribert für mich gesprochen Aber ohne Erfolg! So werde ich denn –« und hier spielte schon wieder ein schelmisch Lächeln um ihre Mundwinkel – »in irgend einem weltvergessenen Klösterlein dereinst als ›heilige Äbtissin‹ für euch drei sündhafte Weltkinder beten. Vielleicht, Edel, läßt du dich dort vor meinem Altare trauen.«
»Ich werde mich nie vermählen,« sprach diese gepreßt und sah scharf in die Ferne. Gespannt folgten Hellmuths Augen diesem Blicke. »Oho!« lachte der Ritter von Yvonne und warf den krausgelockten Kopf in den Nacken. »So hat schon manch Jungfräulein gesprochen, das als Urgroßmutter starb. Die eine soll nicht heiraten, die andere will nicht! Ja, soll die Welt aussterben? Zwingen muß man euch zu eurem Glück, vielholde Thörinnen!« – »Welcher Mann zwingt mich?« Scharf, wie drohend flog die Frage aus Edels stolzen Lippen und ein blitzender Zornesblick aus den hellgrauen Augen schoß auf Fulko. »Nicht ein Mann, aber eine Frau, strenge Edel von Edelhag,« erwiderte der rasch: »Frau Minne! Die ist doch noch mächtiger denn Euer Herzenstrotz.« »Und,« forschte sie bitter, »giebt es wirklich kein anderes Glück als Liebe und Ehe?« – »Für das Weib – nein!
Wenig weise wähn' ich das Weib,
Welches weigert der Liebe den Leib
Und süßem Sehnen die Seele:
Freudlos verblüht sie, darbend verdorrt sie,
Keinem zur Wonne, sich selber zum Weh!«
»Ich fand noch keinen,« sprach Edel laut und fest, »der meiner Liebe wert.« Dabei wandte sie das stolze schöne Haupt und sah mit zürnenden Augen Hellmuth voll in das Antlitz; es war der erste Blick, der ihm heute ward. Der senkte demütig den Kopf: »Ihr werdet nie einen finden,« sprach er leise, nickend. »Doch, doch!« rief der Junker von Yvonne. »Herr Hellmuth vom hohen Horst, trauter Genoß, – das war – mit Urlaub der herben Jungfrau dort sei es gesagt! – das war herzlich thöricht geredet. Verdienen zwar kann der Mensch die Liebe überhaupt nicht:
Lenz, Leben, Liebe, Sonnenschein
Kannst nicht als Recht verlangen:
Drum mußt du fein bescheiden sein
Und sie geschenkt empfangen.«
»Das ist hübsch,« rief Minnegard. »Ist gewiß provençalisch Gewächs?«