Der Sänger neigte sich höfisch und fuhr gegen Edel gewendet fort: »Aber dieser Spruch gilt von Weib wie von Mann. Die anders dächte, der sagte ich:
Der Starke ist der Schönheit wert
Und gleich der Rose gilt das Schwert.
Und dir, du junger Aar vom hohen Horst, du Sieger in fast so viel Gefechten als du Jahre zählst: – schon nennt man dich weit über Frankenland hinaus bis zu den Wenden den Rennespeer, den Junker Siegespeer! – dir sag' ich: es lebt kein Mädchen noch so schön und noch so stolz-gemut, dessen du nicht würdig wärest!« »Eia wohl!« wollte Minnegard rufen, aber die Stimme versagte ihr: sie erschrak, so zornig klang nun Edels Frage, die sie Hellmuth zuschleuderte wie einen spitzen Speer: »Euer letzter Sieg, Herr Ritter, war der zu Worms im Lanzenstechen – nicht?« Er errötete über und über; er ließ das Haupt noch tiefer auf die Brust sinken und erwiderte, ohne sie anzublicken: »Ich habe seither keine Waffe mehr geschwungen.« »Ja, allen Heiligen sei's geklagt!« schalt Fulko laut. »Ein Kopfhänger ist er seither worden! Kein Mensch begreift, warum? Nach dem glänzendsten Siege, der seit Menschengedenken in einem Stechen gewonnen ward, so erzählte der Herr Bischof.« »Jawohl,« bestätigte Minnegard. »Auch mir rühmte der Ohm – weiß nicht, Herr von Yvonne, warum er uns beide damals zu Hause sitzen ließ! – den Sieg des ›Rennespeers‹. Du aber, Edel, – erzähle doch! – du warst ja mit dem Herrn Bischof damals zu Worms.« »Jawohl,« fiel Fulko ein. »Wart nicht Ihr es, edle Jungfrau, die damals den Siegesdank zu reichen hatte?«
Die Frage blieb ohne Antwort. Denn ungestüm sprang Hellmuth auf. »Es wird schwül im Walde!« rief er und ging mit langen Schritten auf und nieder. Und zornig, schweigend, mit zusammengedrückten Lippen sah ihm Edel nach.
X.
»Halt an, Freund!« rief Fulko. »Du darfst nicht entweichen mit deiner Lebensgeschichte. Beichte!« Hellmuth erwiderte nicht, er strich nur das schlichte, kurze, dichte Blondhaar aus den heißen Schläfen. »Jawohl,« pflichtete Minnegard bei und haschte ihn, da er wieder an ihr vorüberstürmte, am braunen, lang nachflatternden Mantel. »Steht! Und steht Rede!« »Ist bald geschehen,« erwiderte gelassen der Traurige. »Heiße, wie ihr wisset, Hellmuth …« – »Trübmuth solltest du heißen!« – »– vom hohen Horst. Fern, aus dem Lande der Ostfalen stammte der Vater. Der trat in den Dienst Sankt Burchhards zu Würzburg. Als des Bistums Dienstmann bin ich geboren und trage seit der Schwertleite des Bistums Waffen. Das ist alles.« »Nein,« rief der Ritter von Yvonne, »wie du sie trugst, – das ist die Hauptsache. Noch zählst du nicht dreißig Jahre und seit vierzehn Jahren hast du in keinem Gefechte gefehlt auf deutscher, welscher, wendischer Erde, darin Sankt Burchhards Fähnlein geflattert und jedesmal … –« »Bist du nun fertig, Lobposaune?« schalt der Sachse, kurz vor ihm Halt machend. »O nein, noch lange nicht!« lachte der Provençale. »Denn du wirst noch lange ruhmreich weiterkämpfen in Ernst und Spiel.« – »Glaubst du? In einem Spielkampfe spiel' ich nie mehr mit. Ich hab's gelobt. Nur in den nächsten Ernstkampf, der bevorsteht, – in den reit' ich noch ein.« – Und als er wieder fern von den anderen war auf seinem hastigen Gang, fügte er bei: »und nimmermehr heraus!« – »Und du, schöne Edel, vielgestrenge Vetterin, – willst du uns auch nicht mehr Worte gönnen als dieser eiserne Rennespeer?« – »Noch wenigere. Ihr wißt, ich bin von der Spindelseite eine fern versippte Niftel der Herrn von Rothenburg, aber aus Nordalbingien von der Eider stammen mir die Ahnen, von den Markgrafen von Esesfeld. Weit von hier im Nordgau lag meines Vaters Volkfried Lehen, nahe der Wendenmark. Sie brachen gar oft ein, die wilden Berunzanen. Und einmal trafen ihre weitgeschleuderten vergifteten Wurfdolche den Vater vor der Burg am Edelhag bei Wolframsdorf …«
»Ja, sind gar arg liebe Leute!« meinte Fulko, grimmig lachend.
»Sie drangen mit den Fliehenden in die Burg und verbrannten sie mit meiner armen Mutter: – Muthgard hieß sie, nach einer Ahnin – und allem, was darin lebte. Nur mich flüchtete, aus der Wiege mich reißend und aus den Flammen, ein treuer Knecht in den Taubergau zu meinen Gesippen nach Rothenburg. Dort und, seit Herr Heinrich Bischof ward, hier, haben sie mich mit milder Hand geborgen. Die Heiligen werden es den Gütigen vergelten!« – Sie schwieg eine Weile. Dann fuhr sie, weich geworden, fort, in das Ohr der Freundin flüsternd: »Du sollst ins Kloster, Liebe, und ich – will.« Minnegard erschrak. »Du wolltest – noch vor kurzem – so wenig davon hören wie ich!« – »Jetzt aber will ich! Der Herr Bischof scheint – – anderes zu wünschen. Dürft' ich mit dir tauschen! So wär' uns beiden geholfen.« »Aber wohl nicht allen,« lächelte das Kind der Alpen, mit einem heiteren Blick auf Hellmuth. Jedoch das Lächeln verflog ihr sofort, sowie sie Edels Auge, das sie suchte, feindlich den Schritten des Junkers folgen fand. Sie trachtete eifrig, das dunkle Gewölk solcher Stimmung zu verscheuchen: – lachte sie doch selbst so gern und hörte sie doch so gern andere fröhlich lachen! –
»Nun,« rief sie mit ihrer glockenhellen Stimme, »Herr Fulko von Yvonne, nun ist's an Euch. Da werden wir wohl viel mehr Worte und viel weniger Wahrheit hören. Seid Ihr doch ein Sänger: – oder wie sagt man jetzt oft? – ein Dichter!« – »Gelogen ist nicht gedichtet, schönes Fräulein. Ja, wer lügt, der ist kein Sänger. Und mein Wahlspruch lautet: Wahre Schönheit ist schöne Wahrheit.« – »Nicht ganz übel! – Nun, so sagt uns denn auch schön die Wahrheit über – Euch! Nämlich! …« – Sie schwieg beharrlich. – »Was will dies nämlich?« – »Nämlich: – – ich kam einmal in Euere Kammer! …« – »Nun?« – »Nämlich der Herr Bischof schickte mich: – denn er wußte, Ihr waret fern: – mit den Junkern Hellmuth und Blandinus saßet Ihr, wie gewöhnlich um die Mittagszeit, im schmalen Rebgarten des Hatharlin, der den besten Wein verzapfen soll, unter seinen grünen Bäumen … –« – »Weiß Dame Abonde, dort trinkt sich's gut mit fröhlichen Gesellen!« »Der Herr Bischof, der selbst noch zuweilen die Laute zupft wie in seinen Welttagen, gebot mir, Euere Citole zu holen. Oder vielleicht auch« – sie errötete – »erbot ich mich dazu an Supfos des Kellermeisters Statt. Denn längst war ich ein wenig neugierig, wie es wohl bei … Nun – ich fand Euere große, große Truhe offen.« – »Hab' leider keine Ursach', sie zu schließen!« – »Und fand – bei Eurer welschen Laute! – gar sonderbare, mannigfaltige Herrlichkeiten. – Beutestücke wohl? Siegeszeichen?« – »Was meint Ihr da?« »Ei nun, welke Blumen, darunter noch in der Welke gar schöne, mir unbekannte, wohl an Durance und Garonne aufgeblüht, ganze oder auch in der Mitte geteilte Schapel, seidene Bänder, buntfarbige Schleifen, goldene Knöpflein, Ringlein und Spangen und allerlei solch' Zeug. Wenn die erzählen könnten, – was würden wir da alles erfahren!« drohte sie mit dem Zeigefinger.