Schon einige Male hab' ich ihm durch Boten Nachricht gesandt, wie es mir ergangen auf meiner frommen Fahrt, zu der er mich unfrommen Jägersmann auserkoren hat. Wundert mich nur, daß er mir nicht Rado, den Heiden, mitgegeben hat als Begleiter. (Grüße mir den Alten und er soll mir noch ein paar Stück Wild übriglassen im Grafenwald!) Hat meine Aussendung Herrn Heinrich der heilige Geist eingegeben, so war der gerade in sehr guter Laune. Denn mir geht's soweit ganz gut. Lieber zwar ritt ich mit Junker Hellmuth auf die Wolfsjagd oder säße mit dir, Freund Kugilo, in dem geheimen Kellerverschlag, wo du Schlauer die Griechenweine birgst, und mit dem lustigen Junker Fulko: – grüß' ihn schön, und sag' ihm, ich habe zwischen Main und Arno keine zweite Minnegard gesehen, ja keine, die würdig wäre, jener ersten den Strumpf über den feinen Knöchel zu streifen.‹« »Ich werd' ihm!« unterbrach heftig der Bischof. »Du unterfängst dich nicht, dem kecken Provençalen …! So weit ist das schon? Nun, warte Jungfräulein! Das führt dich noch rascher ins Kloster.« Supfo wollte etwas einwenden, aber dies zornige Antlitz vertrug jetzt kein Widerwort; so fuhr er fort: »›Als daß ich hier im heißen Welschland erkunden soll, – höchst überflüssigerweise! – ob nicht demnächst die Welt untergehen wird. Es fällt ihr gar nicht ein. Sie schaut gar nicht danach aus! Zwar wahr ist: je weiter man gen Mittag reitet, desto häufiger findet man diesen dummen Wahn in den Köpfen der Leute und desto verbissener und versessener sind sie darauf. Aber das macht nicht die größere Weisheit, sondern die größere Hitze, bei der ja die klügsten Rüden, die oft viel gescheiter sind als die Menschen, toll werden. In Augsburg glaubte noch kein Mensch daran: – nur ein paar Nonnen! – in Bozen schon viel mehr Leute, auch Weltliche: in Mailand ist noch kaum ein Vernünftiger – ausgenommen Herrn Heinrichs Bruder, der Herr Erzbischof Kanzler Heribert: – der sagte mir: er glaube es erst, wenn's der Herr Papst befehle …‹« Der Bischof nickte: »So schrieb mir Heribert, und also halt' ich's auch.« Der Runde legte das Pergamentblatt nieder auf seine Kniee und sah ihn an – mit einem vielsagenden Lächeln. »So – –?« fragte er gedehnt. »So? – Ich … ich halt' es anders.« – Rasch, wie um einer Frage zuvorzukommen, las er weiter. »›Vollends aber in dieser sonst gar lieblichen Stadt Florentia! – ich kenne sie gut von früher! – jedoch davon alsbald. Es ist mir also immer gut gegangen, Freund Supfissimo, wie man dich hier zu Lande nennen würde, abgesehen von der landesgebräuchlichen grausamen Hitze: die verträgt mein zottiger Kopf und mein vollblütiger Leib gar schlecht. Denn siehst du: die unsinnige Hitze macht unsinnigen Durst, der unsinnige Durst macht ein Trinken, das auch nicht alle Tage sinnig bleibt und dann macht das starke Trinken wieder noch stärkere Hitze und so geht es in der Runde fort wie beim Rosenkranzbeten.
Zumal ich doch die edle Gottesgabe, die hier wächst – fast schwarzrot ist der starkduftende Feuerwein! – wahrlich nicht wie diese erbärmlichen Welschen mit sündhaftem Wasser verschänden werde. Nun, und im Rausch giebt's dann manchmal einen gelinden Raufhandel. Denn mich macht der Rausch nicht weinerlich, sondern minnegehrend wider die Weiblein und kampfgehrend gegen die Mannsleut' –‹ Ich muß schon sagen,« unterbrach sich der Dicke hier, »einen gar frommen Boten habt Ihr an den heiligen Vater geschickt. Der wird eine Freude haben an Arn aus Bayerland! – ›Trittst du aus den kühlen, kellergleichen Weingewölben auf den glutheißen, in grellstem Sonnenbrand bratenden Marktplatz so einer welschen Stadt, dann glaubst du ohnehin, du stehst mitten in einer sausenden Windmühle: so geschwind drehen sich Säulen und Kirchen und Bettelbuben und Heiligenbilder und Cypressen und Marktweiber um deinen armen Schädel. – Nun, und da bin ich auch schon manchmal einem schwarzlockigen, glutäugigen Mägdlein oder auch einer Ehefrau – man kann's doch nicht immer gleich erraten, zumal sie hier ihre Ringhand mit Handschützen zudecken! – nachgestolpert … –‹«
Hier sah sich zur Abwechselung der Bischof zu einer Unterbrechung veranlaßt: »Nun warte, Bayer! Geht die Welt nicht unter, sollst du mir fasten und dursten, daß dir die Üppigkeit vergeht.« »Hilft nicht. Kommt nicht wieder!« meinte Supfo trocken und las weiter. »›Schon in Verona, in Mailand hab' ich daher leider manchen Degenstoß auffangen und zurückgeben müssen, wenn mir so ein neugieriger Vater, Bruder oder wenig duldsamer Ehemann dabei in den Weg lief. Aber in dieser schönen Stadt Florentia: – das gab einen Spaß ohnegleichen! Schon lange erzürnte mich, daß, je tiefer ich in das schöne Land hineinreite, desto mehr die Hitze zu- und der Verstand abnimmt, so daß sie mir achselzuckend ›barbarische Wildheit‹ an den Kopf werfen, weil ich an jenes Gewäsch vom Weltende nicht glaube.
Hatt' ich mich da in meiner Herberge den ganzen Abend herumgestritten mit zwei edlen Florentinern und zwei Mönchen von Cluny – die nicht zu trinken, sondern zu bekehren in die Weinherbergen gingen, tranken zwar doch bei der Bekehrung, aber ich mehr als alle vier! – und als der eine Pfaff boshaft wurde und von ›dummen Deutschen‹ und ›groben Bayern‹ sprach, erklärte ich, ihn hinausthun zu müssen: – und zwar, weil's näher sei, zum Fenster: – es war nämlich im Erdgeschoß und nicht gar zu hoch – und da ich es ihm einmal versprochen, ließ ich ihn auch nicht lange warten. Sein Genosse entwich kreischend durch die Thüre. Aber da die beiden florentinischen Valvassori dem andern helfen wollten, hatte ich sie diesem vorausschicken müssen. Nun, so was bringt das Blut in leise Wallung. Und wie ich nun den Schlaf suchen will auf meinem elenden Lager – ungleich weniger Strohhalme denn Flöhe barg der Sack, der also richtiger ein Floh- denn ein Strohsack würde geheißen haben, von anderem Getier, nicht so groß wie Skorpione, aber viel häufiger, zu schweigen! – da ertoset ein unglaublich Heulen und Winseln auf dem weiten Platz vor meinem Fenster, als ob tausend Teufel tausend alte Weiber zwackten. Ich springe mit einem Salzachfluch ans Fenster und seh' im Mondschein und im Licht von düster rotflammenden Pechfackeln einen langen, langmächtigen Zug von Pfaffen und Laien und Männern und Weibern und Kindern und gewaffneten Valvassoren und schön geputzten Edelfrauen und zerlumpten Bettlern, alles einträchtiglich nebeneinander, und all das wälzt sich, betend und singend, gegen die alte Basilika mir gegenüber. Und trugen eine Menge Wachskerzen und Fackeln und Kreuze und Bandièren und Heiligenbilder: und heulten aus eitel Furcht vor dem nahenden Tod und Teufel und Weltgericht, daß es die Steine erbarmte; oder doch die Hunde von Florenz, denn die heulten mit gottsjämmerlich. Und scholl's da durcheinander auf Latein und auf Welsch und sangen: ›Wehe! Reue! Buße! Besserung! Glaube! Der Diabolus droht. Das Weltgericht! Und vorher geht umher der Antichrist.‹
Gute Nacht, Schlaf! sagte ich. Flöh' im Stroh, vor dem Fenster Weiber, Hunde, Pfaffen heulend um die Wette – mir ward's zuviel. Gut' Nacht, Florentia, denk' ich. In hellem Zorn lauf' ich hinunter in den Stall – ziehe meinen Hengst heraus – den Reitknecht hatte ich schon vorausgeschickt nach Germinianum: denn der hatte – er ist aus Passau und ein wenig grob! – mit dem Wirte einen unerheblichen Raufhandel gehabt: – drei Zähne, aber nur florentinische! – Und will auf und davonreiten noch in der Nacht. Suche aber den Wirt, weil ich die Zeche immer zahle, wie hoch sie sei. Alles leer! Wirt und Wirtin und Kammermagd und Stallknecht: – alle halfen wohl da draußen das Ende der Welt herbeiheulen. Und wie ich durch all die kleinen engen Kammern laufe – (in wahren Mauslöchern hausen sie, diese Welschen! Warum? Liegen immer auf der Straße) … Jetzt weiß ich aber nicht mehr, wie ich den langen Satz angefangen habe, denn auch hier in Germinianum ist der Wein ziemlich stark: ich mußte ihn sogar auch in die Tinte träufen (atramento sagen sie hier), und ist immer im Eintrocknen, wegen Hitze der Natur und Seltenheit des Schreibens … also hier geht es mit den Worten nicht ganz zusammen, wohl weil die Tinte – nicht ich! – des Weines allzuviel getrunken, aber du wirst es schon verstehen – also daher finde ich keine Seele. Aber in einer Gewandkammer, in die der Mond voll hineinscheint, wär' ich schier erschrocken. Denn da hing einer. An einem Thürhaken. Sah aus wie der leibhaftige Teufel, etwa wie ihn die Buben bei uns am Ostersonntag auf der Bleichwiese vor der Stadt verbrennen im Osterfeuer. Schwarze Tarnkappe mit zwei Gemshörnern, schwarze Kapuze, glühendrote Augen, rote Zunge, lang heraushängend aus bleckenden weißen Beißzähnen – Fledermausflügel an den Schultern – langer schwarzer Mantel, der die ganze Gestalt verhüllt – eine zweizinkige Feuergabel lehnte daneben. Die Welschen haben solche Mummerei im Hornung. Ein lustiger Gesell hatte wohl für manchen vertrunkenen Krug Chlavintowein den kostbaren Seidenmantel als Pfand zurückgelassen. Die Verlarvung sehen und laut aufschreien vor Spaß war eins bei mir! Flugs stak ich drin: vom Hirn bis zum Knöchel der Teufel. Flugs auch saß ich auf meinem schwarzen Gaul und, die Zackengabel schwingend, jage ich, was das Roß nur laufen kann, schreiend, wie auf einer Salzburger Hochzeit, plötzlich in den heulenden Zug. Von der Seite her kam ich: ganz ungesehen, bis ich mitten drin war unter den heulenden und zähneklappernden Weibern und Pfaffen. Da schrie ich in meinem besten Florentinisch: ›Ja! Ja! Der Teufel! Der Teufel! Ihr habt ihn gerufen. Jetzt kommt er, euch holen!‹ O Supfo mein! Hättest du das mitangesehen! Du hättest dir das Bäuchlein gehalten vor Lachen! Hättest du den Schrecken gesehen, den ich, der Eine Mann, der verachtete Barbar aus Deutschland, all diesen überklugen, feingeistigen Welschen einjagte. Auseinander stoben sie wie ein Flug Sperlinge, darein der Habicht stößt.
Männer wie Weiber, Ritter wie Pfaffen, die Kerzen, die Fackeln, die Kreuze, die Fahnen warfen sie weg, über den Haufen rannten sie sich, alles drängte, die Kirche, den rettenden Altar mit seinen Heiligenknochen zu gewinnen. ›Der Teufel! Der Diabolo! Der Antichrist! Der Dämon!‹ schrieen sie durcheinander. ›Gleich greift er mich. Er hat mich schon.‹
So sprengte ich zwei-, dreimal von links nach rechts und von rechts nach links quer durch den langen Zug, der in seinen Windungen sich mehrfach über den weiten Marktplatz hin dehnte. Und nicht einer hatte den Mut zu stehen, meinem Gaul in den Zügel zu fallen. Nachdem ich, der Eine Salzburger, etwa zweitausend Florentiner in die Flucht der Todesangst gejagt, sprengte ich davon, und riß mir, als ich an das römische Thor gelangt war, die Teufelslarve ab. Hier ward ich eine kleine Weile aufgehalten. Der Thorwart hatte meine Entmummung gesehen und leider kannte mich der Mann von meiner letzten Fahrt durch Florenz: und nicht gerade von meiner tugendlichsten Seite: denn er hatte damals eine Nichte gehabt, eine dralle Dirne von üppigem Wuchs und Wesen. Der unchristlich lang nachtragende Oheim stürzt also, sobald er mich erkennt, auf den Platz vor dem Thore mit gefälltem Speere: ›Halt,‹ schreit er, ›ruchloser Arn, du trägst mit Recht des Teufels Gewand.‹ Und wirklich mußte ich ihm erst den Speer aus der Hand und die Sturmhaube vom Kopfe schlagen, bevor ich an ihm vorbei ins Freie jagen konnte. Die Zeche blieb – zu meinem großen Kummer! – unbezahlt: ein halbes Brot, ein Käse und siebzehn Krüge Wein. Der Teufel, für den sie mich genommen, mag sie zahlen, kommt er einmal wirklich nach Florenz.
Nun Gott befohlen, Supfo. Trinke den Griechenwein nicht allen allein aus, bevor ich wieder zurück bin. Ich komme durstiger aus diesem Lande der Heiligen heim als ich hineingeritten. Noch heute geht's nach Rom weiter. Ich freue mich auf den heiligen Vater. Aber noch viel mehr auf die unheiligen Römerinnen, die stolzbusigen, wie man sie nennt, und auf den Wein der Campagnatrauben. Das soll der feurigste sein. Gegeben in einer Taverna zu Germinianum, wo es auch wieder Flöhe hat. Aber es sind doch andere. Es grüßt dich Arn von der Salzach, Jägermeister zu Würzburg und Teufel zu Florenz.‹«