Der Bischof schloß die Augen.
»Und in dem Hoflager der Regentin die edle, holde Jungfrau Heilfriede! Wie oft hat sie nach erfochtenem Sieg Euch den Helm mit Eichenlaub gekränzt! Euch oder Graf Gerwalt.«
»Was hast du von des Grafen Gerwalt Eheweib zu schwätzen?« – Recht unwillig war das gefragt. – »Und wozu riefst du mich an?«
»Zu nichts Bösem wahrlich! Ich wollt' Euch bitten, den Lautertrunk vom vorvorigen Herbst zu kosten: ich sag' Euch – der ist fein geraten!« – »Ist mir nicht danach zu Mut. – Mich rufen Pflichten.« Und er wollte sich zur Thüre wenden, aber der Kellerer hielt ihn am langen porphyrroten Bischofsgewande fest.
»Auch das ist Pflicht, zu erproben, wie herrlich der milde Himmelsherr Eurer müheschweren, klugen, ja weisen Arbeit gelohnt hat. Viele Jahre sind's nun, seit Ihr, – kaum waret Ihr hier eingesetzet – befohlen habt, auch die unwirtlichen Hügelhalden im Norden der Stadt dem Weinbau zu gewinnen. Eitel Geröll und Gestein bis dahin! Den ›Stein‹ schalten die unzufriedenen Bauern den ganzen unnützen Berg, auf dem nur ein paar Ziegen kletterten. Aber die liebe Mittagssonne liegt darauf so lang und so heiß sie irgend kann! Die Blust der Trauben verweht dort nie ein rauher Wind: – des Berges hoher und breiter Rücken schließt ihn aus. Schwer Geld hat's Euch gekostet, die edelsten Rebschößlinge tief aus Welschland zu beziehen: – den ersten habt Ihr mit eigener Hand gepflanzt und gesegnet, und unverdrossen habt Ihr all die Jahre lang bei dem müheharten Winzerwerk selbst mitgearbeitet in Sommerbrand und in Herbstnebel. Zum erstenmal nun kelterten wir vor zwei Jahren dies welsche Gewächs auf ostfränkischem Boden – treu und liebevoll, wie eines Liebchens, pflegte ich des Fasses! – und nun kommt in den Keller und schmeckt, genießt, was Ihr da Köstliches geschafft. Es rollt wie flüssig Feuer durch die Adern. Noch späte Enkel werden Euch drum danken.« – »Ich hab' gelernt, der Menschen Dank entsagen. Ich gehe, um …« – »Nein, Herr, bitte, bleibt nur noch ein weniges. Ich … ich habe Euch im Keller etwas mitteilen wollen: – es wäre gerade der rechte Ort dafür gewesen: auf einem Fäßlein sitzend und von Weinduft umweht – so muß man das lesen und anhören. Denn es ist …« er lachte herzlich. – »Nun was ist's?« – »Ein Brieflein von Arn!« – »Wie? Von Arn? Aus Welschland? Wohl gar aus Rom? Was? An dich schreibt er und mich, der ich so schmerzlich auf Nachricht, auf Entscheidung warte, mich läßt er ohne Kunde? Das ist ja …« – »Nein, nein, Herr Graf, es ist kein Unrecht wider Euch: – Ihr werdet's gleich selbst einsehen: aber, bitte, laßt Euch einen Augenblick nieder – dort auf der Hallenbank.« – »Ich nicht! Aber du! Dein Fuß! Verzeih mir, Freund, daß ich dich so lange stehen ließ.« Und fürsorglich geleitete er den Humpelnden an die Bank und ließ ihn auf dieselbe niedergleiten.
II.
»Wie gut er ist!« flüsterte der Runde. »Und immer so allein! So trübselig! Unter den verwünschten heiligen Pergamenten. Gott verzeih mir's: ich wollte sie wären lauter Fässer voll Stein und Leisten!« – »Nun also! Was schreibt mein träger Bote?« – »Vor allem, er ist noch nicht in Rom. Der Brief ist geschrieben in einem Dörflein hinter Florentia und erst vor einer halben Stunde brachte ihn ein Laienbruder aus dem Sankt Gundberts Kloster zu Onoldesbach (dem mußt' ich doch den Willkommbecher vom Fasse füllen!) dort, bei den guten Mönchen, liegt Arns Reitknecht wund: er stürzte mit dem Gaul schon auf dem Brennerberg und schleppte sich seither all den weiten Weg durch Bayerland und Schwabenland bis in unser liebes Franken. Darum währte das so lang. Nun hört, was der wilde Bayer schreibt: mir ist, ich seh' ihn vor mir und hör' ihn! Die armen Welschen, die ihn angehen wollen! Der Riese steckt zwei von ihnen, wie etwa Euer zwiebelgelber Berengar ist, unter jeden Arm und trägt sie ins Wasser wie junge Katzen.
›Unsern huldvollen Gruß und geistlichen Segen zuvor …‹« »Der Unverschämte!« lachte der Bischof. – »Unserem lieben und getreuen, aber durstigen Supfo. ›Meinem gnädigen Herren, dem Bischof, hast du sofort zu melden, daß nichts Entscheidendes zu melden ist.‹« – »Noch immer nicht! Ja freilich, wenn er erst bei Florenz ist!« – »Verzeiht, Herr Hezilo, der Brief ist ja viele Wochen alt: – wegen des Boten, der lange Zeit schon zu Wilten am Fuße des Brennerberges liegen bleiben mußte: – einstweilen muß der Bayer längst am Tiberstrom angelangt, ja er kann schon bald wieder zurück sein! – ›Dem hochehrwürdigen Herrn Bischof – oder wie ich lieber sage – denn so durft' ich sagen in den schönsten Jahren meines Lebens! – dem tapfern Herrn Grafen also Gott zum Gruß voraus. Aber dann gleich Weidmannsheil und Weinfreude vollauf!