Er stieß den halbgeschlossenen Laden auf und blickte über die Stadt hin gegen den Main.
»Die Sonne geht zu Gold. Bald sinkt sie hinter die Buchenwipfel des Königswaldes. – Aber noch ist's Zeit genug, Gutes zu wirken, bevor der Tag verronnen ist. Es kommt die Nacht, da niemand mehr wirken mag. Die Nacht! Am Ende gar – für diese Welt – bald die ewige Nacht.«
Er schritt aus dem Büchersaal in das Vorgemach, dann auf den breiten Gang, in welchen die Holztreppe mündete, stieg diese herab und wollte sich der Hauptthüre zuwenden, die aus dem Bischofshause ins Freie – in der Richtung nach Westen, gegen die Brücke hin, – führte.
Allein in der Mitte der Vorhalle ward er angerufen von einer Stimme, die aus der Unterwelt emporzudringen schien. »Hezilo! Herr Graf! – Hochwürdiger Herr Bischof, wollt' ich sagen.« – »Du, Supfo? Was soll's? Was willst du?«
Und er wandte sich zur Rechten, wo einige Stufen in die Keller des Hauses hinunterführten. Auf der obersten derselben tauchte jetzt dort eine behäbige drollige Gestalt auf, die aus lauter aufeinandergesetzten Kugeln aufgebaut schien.
Kugelform hatte das grüne Mützlein aus steifem Wolltuch, das, vorn höher als hinten, etwas schief auf dem rundgeschorenen Grauhaar des runden Kopfes saß. Aus dem ganz glattgeschorenen Gesicht traten die stark geröteten Wangen halbkugelig hervor unter den runden vergnügten Äugelein, die frisch und hell in die Welt schauten; unter dem hellbraunen Schurzfell erhob sich ein Bäuchlein, das sich der Kugelgestalt nach Kräften zu nähern trachtete und auch die roten Wadenstrümpfe zwischen Knie und Knöchel hatten Mühe, ihren geschwellten Inhalt zu bergen. Fröhlich, treuherzig und dabei recht gescheit, ja schelmisch-witzig war der Ausdruck der angenehmen Züge: auch Herrn Heinrich schien der Anblick zu vergnügen: heiter ward seine bewölkte Stirne, während er auf die Antwort des dicken Männleins wartete. Diese kam etwas langsam, denn der Rundliche hinkte ein wenig beim Ersteigen der Stufen und schnaufte ganz gewaltig. »Uf! Heiß ist's im lieben Würzburg im Brachmond sogar im kühlen Keller.« »Ja freilich,« drohte der Bischof lächelnd, »wird dem Kellermeister warm, wenn er so fleißig seines Amtes waltet – im Vorkosten! Aber was willst du?« – »Was ich will? O Hezilo, lieber Herr, – das krieg' ich doch nie wieder.« – »Was ist's?« – »Meinen Hezilo von ehemals möcht' ich wieder haben! Den aus der guten Rothenburger Zeit. Hei wie wir jagten mit dem alten Rado in dem waldgrünen Taubergrund! Den Grafen Heinrich möcht' ich wieder haben, den jagdfrohen, waffenfrohen, weinfrohen, frauenfrohen …« Hier furchte der Bischof die hohe Stirn. »Den weltfrohen Liebling von Jung und Alt, von Mann und Weib!« »Ja, Vielgetreuer,« seufzte Herr Heinrich, »der ist gestorben und begraben! Lange schon!« – »Ich weiß! Ich weiß! Weiß auch den Todestag, die Todesstunde – zu Pfingsten war's. – – Hätt's nie von ihr geglaubt! Der arme Herr!« brummte er unhörbar. »Schad' um Euch, Graf Hezilo! Was war's für eine Freude, mit Euch leben im Frieden, und im Krieg erst recht! Wißt Ihr noch den schlimmen Julitag von Squillace? Wetter und Strahl, dort in Kalabrien war's doch noch heißer als hier am Main! Da Ihr – Ihr allein den Herrn Kaiser Ott den Jüngeren – noch seh ich ihn vor mir in seinem jugendlichen welligen roten Bart! – vor der Gefangennehmung gerettet habt? Sie glauben falsch, diese Saracenen, aber dreinschlagen thun sie ganz richtig. Auf einmal waren sie da, wie vom Himmel heruntergeflogen, unzählbar viele! Nichts sah man mehr – vorn, hinten und links – als ihre weißen Flattermäntel fliegen! Es war wie ein unabsehbar Schneegestöber.«
»Ja,« fiel Herr Heinrich eifrig ein. »Und welch' ein furchtbar Kampfesfeld für uns! Ich hatte treu davor gewarnt, von der breiten alten Straße oben auf den Berghöhen herabzuziehen auf den Schmalpfad unten an der See. Nun hatten wir's! Vorn und hinten die Araber zu Roß: auf den Felsen aber zur Linken – wie steil stiegen sie empor! – die arabischen Pfeilschützen zu Fuß, unsichtbar, unerreichbar: und hart zur Rechten – das brausende Meer, gierig, jeden Ausgleitenden zu verschlingen.« »Wie viele starben damals,« fuhr Supfo fort, »des Herrn Kaisers Entkommen zu decken! – Wißt Ihr noch, wie er zuletzt – auf geliehenem Roß! – in das Meer hineinsprang und schwimmend ein Schifflein erreichte?« – »Da fielen alle um ihn her, Herr Richari, sein Lanzenträger, und die Markgrafen Berchtold und Günther, die Grafen Udo, mein Vetter, Gebhard, Ezelin.« – »Landulf von Capua und Atenulf, die edeln Langobarden.« »Und sogar der alte ehrwürdige Herr Bischof Heinrich von Augsburg kämpfte dort und starb für seinen Kaiser. Beneidenswerter Tod für einen Bischof!« seufzte Herr Heinrich. – »Da lag sie hingestreckt, seine ganze Stechschar. Nur Einer daraus stand noch aufrecht, seine Flucht zu decken. Aber zu Fuß, denn das eigne Pferd hatte er dem Kaiser aufgedrängt, da dessen Rotroß, von Pfeilen gespickt, unter ihm zusammengebrochen war. Und dieser, stets der vorderste am Feind, im Weichen der letzte, der hieß – Heinrich von Rothenburg.« – »Nein! der vorletzte hieß so. Denn der letzte, der den Schild über mich hielt, der hieß Supfo, der von der Taubermühle. So oft ich dich den linken Fuß ein wenig nachschleppen sehe, denk' ich des Schwerthiebes, den du damals für mich aufgefangen.« »Bah,« lachte Supfo, »der Heide, der den Hieb schlug, ist doch schlimmer daran. Zwar schleppt er den Fuß nicht nach, aber auch den Kopf nicht mehr mit! – Ja, das waren noch Zeiten! Achtzehn Jahre sind's nun bald! – Aber auch noch nach des Herrn Kaisers frühem Tode erging's uns gar gut. Wir sonnten uns unter der warmen, – recht warmen! – Gnade der schönen Kaiserwitwe. Weiß Sankt Kilian, Ihr und ich, wir beide regierten damals die Frau Regentin samt dem heiligen römischen Reich!«
Herr Heinrich mußte lachen.
»Als der falsche Vetter von Bayerland sie verriet, ihren Knaben stahl, das Reich an sich riß, viele, viele geistliche und weltliche Fürsten abfielen von der vereinsamten Witwe und ihrem guten Recht, da habt Ihr bei der vielschönen Griechin nahezu allein ausgeharrt, – wie einst bei ihrem Gatten in der Schlacht – ein Turm in ringsher brandender Flut, und habt endlich ihre Sache zum Siege durchgekämpft. Das war lustig. Fast jede Woche ein Gefecht! Und jed' Gefecht ein Sieg. Und die Sieger immer Ihr und Graf Gerwalt.«