Da erblickte sie im trüben Dämmerlicht einer Hängeampel die Freundin auf dem Betschemel knien, die schmalen, langen, weißen Hände gefaltet zu brünstigem Gebet vor einem dunkelfarbigen Kreuz; das stammte aus Jerusalem; Herr Heinrich hatte es aus Monte Casino mit heimgebracht. Rasch erhob sich nun die Beterin, strich ihr tiefblaues langfaltiges Gewand zurecht und trat in das Vorderzimmer; mit leisem Kopfschütteln empfing sie Minnegard. »Der Bischof kommt nicht,« seufzte sie. »Und also auch nicht das junge Geleit, das er manchmal mitbringt.« »Desto besser,« erwiderte Edel, die schönen dunkeln Brauen zusammenziehend. »Du denkst nur an dich,« meinte die andere und öffnete einen in der Wand angebrachten Verschlag, Schüssel und Teller daraus hervorholend. »Vergieb!« bat Edel weich. »Es war selbstisch.« Sie griff nach der Freundin Hand, sie half ihr, die Teller aufstellen. »Glaube nur, ich gönne dir von Herzen das Vergnügen, das dir der Ritter von Yvonne zu gewähren scheint. – Ich gönn' es dir, – obgleich ich es beklage.« – »Jetzt … erst setze dich, Edel! Wir wollen unser Nachtmahl nicht versäumen! Ist doch morgen ohnehin schon wieder Fasttag! Weil an diesem Tag vor vielen hundert Jahren irgendwo ein sehr heiliger Mann – wer kann sich alle merken! – geboren oder gestorben oder ›transferiert‹ worden ist. Komm! Greif zu! Der kalte Rehbraten wird dir munden, – du wirst ihm nicht anschmecken, daß der verhaßte Fulko den Bock erlegt hat. Sage nur, weshalb du wie auf – den andern – o! ich nenne ihn nicht! – auch auf den fröhlichen Singemund deinen Groll geworfen hast?« – »Ich trage dem Ritter Fulko keinen Groll.« – »Aber er mißfällt dir?« »Doch nicht! Denn bei allem Übermut ist er …« sie brach ab. – »Warum dann beklagst du, daß ich ›Vergnügen‹ – wie du das nanntest – an ihm finde?« – »Warum? – Weil ich fürchte, holde Thörin, es ist weit mehr als Vergnügen, mehr als Scherz.« »Und wenn es Ernst wäre?« erwiderte Minnegardis sehr rasch. – »O liebes Herz! Das eben fürchtete ich, – sah ich. Bedenke doch! Wie soll das enden? Du – im Kloster. Und im Herzen das Bild eines Mannes! Hast du das wohl je bedacht?« Da ward das schöne Gesicht des heiteren Mädchens plötzlich sehr ernst, – der edle Ausdruck ließ ihr doch noch viel besser denn der Mutwille! – und sie antwortete nachdrücklich: »Ja, Edel, ich hab' es bedacht. Oft, lang und tief. Sieh, dieser Gedanke ist mein Halt, er ist mein Trost, er ist mein einzig Glück. Mögen sie mir ein Geschick aufnötigen, dem ich widerstrebe mit Leib und Seele: – nur den Leib doch können sie einsperren und zwingen, die Seele nicht! Und muß ich aller andern Lebensfreuden darben, nach denen ich – ach! so lechzend heiß begehre – das Eine Glück –, es ist mir ja zu gönnen, das bloße Glück der Gedanken! – können sie mir nicht rauben: das Glück, sein liebes, schönes Bild tief in der Brust zu tragen, das Glück, ihn zu lieben und – o ich weiß es! – heiß von ihm geliebt zu sein. Und Heil mir! Er ist es so voll wert, daß ich ihn liebe!«
Da schluchzte plötzlich Edel laut auf: strömende Thränen brachen aus ihren Augen, sie schlug beide Hände vor das blasse, schmale Antlitz, bog das Haupt dicht an die Stuhllehne zurück und seufzte: »Du Beneidenswerte!«
Erschrocken sprang Minnegard auf: nie hatte sie solchen Ausbruch des Gefühls erlebt bei der so streng verhaltenen, bis zur Härte und Herbheit spröden und scheinbar so kühlen Freundin. »Edel, mein Liebling!« rief sie, kniete sich zu ihren Füßen auf das Bärenfell des Estrichs und umschlang mit beiden Armen die schmalen Hüften. »Was ist dir? O sprich! Wirf endlich dieses starre, stolze Schweigen ab! Es schmerzt ja doch dich wie – wie mich! Vertrau' dein stummes Weh meinem treuen Herzen! Sprich es aus! Es wird dir gut thun! Sieh, ich ahne ja doch so manches! Hab' ich doch wochen- und monatelang gelebt neben dir und –« »Nenn' ihn nicht!« brachte die Ringende schwer aus den halbgeschlossenen Zähnen hervor. »Hab' ich's doch mit angesehen, wie – allmählich! – sogar deines allzustolzen Herzens Eisrinde endlich schmolz. Ist auch wahrlich kein Wunder! Ist er doch …« – »Lob' ihn nicht! Es ist all' nicht wahr! –« Bitter, schmerzlich kam das heraus. »Ach was! Wohl ist's wahr! Er ist – leider Gottes: er war! – der freudigste junge Held (– in Blond! –), den man sich träumen konnte, wenn man nicht lieber von – was Braunem träumte. Wie lobte ihn der Bischof! Und auch dir gefiel sein ritterlich Wesen. Er taugte so gut zu deiner stummen, stolzen, ehernen Art. So gut zu dir – wie – – ein anderer zu meiner Weise. Und zuletzt – unnahbar wie du bist – du nahmst es an, sein edel zurückhaltend, zartes Werben!« – »Edel zurückhaltend – zartes – Werben!« Sie riß die Hände von dem Gesicht, ein funkelnder Zornblick schoß aus den grauen Augen, die Flügel der feinen Nase zuckten. »Bis auf einmal – nach jenem Stechen zu Worms! – O wie ihr daher zurückkamt! – Er vom Tage seines höchsten Ruhmes wie ein weidwund geschossener Edelhirsch. Und du – wie jene zürnende Göttin der Jagd, von der uns Fulko verdeutschte aus Meister Ovidius. Und wie hängt er noch immer an jedem Blick deines Auges, so grausam auch du mit ihm umgehst! Mich wundert, daß dich seiner nicht erbarmt. Bedenke! Wenn wirklich die nächste Sunnwend' ein Ende macht mit uns allen …!«
Da flog ein leichtes Erbeben über Edels feine Gestalt: ihre Züge wechselten den Ausdruck: an Stelle des Zornes trat ein Etwas wie Wehmut, wie Trauer: die Kluge ersah das und fuhr eifrig fort: »Wodurch immer er deinen Zorn gereizt hat, – willst du unversöhnt mit ihm hinübergehen in die Ewigkeit?«
Edel schwieg und schlug die langen Wimpern nieder.
»Willst du, Grimm und Groll im Herzen gegen ihn, der dir so ganz ergeben, vor den ewigen Richter treten, vor Christus, der seinen Mördern selbst vergeben hat? O Edel – ich überraschte dich – nicht das erste Mal! – im Gebet: wenn du denn so fromm bist: wie lehrte uns der Heiland beten? ›Gleich wie wir vergeben unsern Schuldigern.‹ Was immer du gebetet hast, – das Rechte – dies Gebet! – du hast es nicht gebetet!« – »Ich … ich betete – wie schon so oft! … für ihn!« – »Edel! – Wie gut du bist!« – »Nein, nein! Hoffart war mein Gebet: – ich sehe es jetzt ein! Ich fühlt' es bei deinen wahrhaft frommen Worten. Ich betete immer nur …« – »Nun, was?« – »Gott möge ihm seine Schuld gegen mich verzeihen.« – »Und du hast beigefügt: gleich wie ich, Edel, ihm verzeihe?« Beschämt senkte Edel das Haupt auf die wogende Brust. Minnegard hob es zärtlich und gelinde, mit dem Finger unter dem Kinn, in die Höhe.
»Du schweigst, kleiner Trotzkopf?« – »Ich … ich will nicht …, daß ihm um meinetwillen Gott zürne und ihn strafe.« – »Aber du, du zürnst und strafest fort! Geh du dem lieben Gott mit gutem Beispiel voran! Verzeihe du zuerst.« – »Ich … ich kann nicht … will nicht.« – »Weil du ihn eben nicht liebst! Du kannst wohl gar nicht lieben!« Da traf sie ein blitzender Blick aus den plötzlich voll aufgeschlagenen grauen Augen: »Glaubst du?« – »Noch einmal, Edel, bedenke: wenn nun wirklich demnächst alles aus ist? – Wenn ich dessen erst sicher bin – ganz gewiß! – dann …!« – »Nun? Was wirst du dann thun?« – »Dann …!« Minnegard sprang heftig vom Boden auf. »Ja, siehst du, ganz genau weiß ich noch nicht, was ich dann thue. Aber einmal noch im Leben, thu' ich dann, – wozu das Herz, – dies heiße Herz! – mich treibt, unbekümmert um das Geschelte der Welt: – sie hat ja dann nicht mehr viel Zeit, zu schelten.« – »Kind – du glühst! – Was wogt in dir? Was treibt dich um?« Ohne die Frage zu beantworten, fuhr Minnegard fort, heiß erregt in der engen Kemenate auf und nieder zu schreiten; sie hob die vollen Arme in die Höhe und holte tief Atem: »Mit einer Halbheit in der Seele, mit ungestilltem Sehnen, mit unbefriedigtem Begehr: – ich weiß freilich nicht, wonach! – aber nach Liebe, nach einer süßen Wonne – mit dieser schmerzenden Leere hier in der Brust – hinübergehen in das Jenseits, wo nicht geliebt wird, nicht gefreit und nicht … geküßt, also nie – in Ewigkeit nie! – erfahren, wie die Minne beglückt – das – das also wird dann mein Los? O wie traurig!« Sie blieb plötzlich hart vor Edel stehen. »Und du vollends! Du willst deinen Haß mit hinübertragen gegen den Mann, der dich so herzverzehrend liebt? Willst du dann vor den Richter treten und verlangen: bestrafe ihn!« – »Nein doch! Nein! Ich bete ja das Gegenteil!« – »Dann wird der Richter sprechen: Und du verzeihst nicht? Die ganze Welt ist vergangen, aber nicht dieses Mädchens Haß?« Die so Bedrängte erhob sich rasch vom Stuhle: »laß mich! Ich kann nicht anders! Laß mich ringen im Gebet mit meinem Stolz, mit mir selbst! Laß mich wieder beten.« – »Gut, Schwester, bete! Geh wieder hinein zu dem Kreuze des Allvergebers. Junker Hellmuth ist ein Ritter ohne Makel: er kann nicht Unvergebbares verbrochen haben. Auch ich werde beten: aber nicht, daß Gott ihm, daß er dir verzeihe deinen lang nachtragenden, deinen unversöhnlichen Groll.«
XI.
Zu der gleichen Stunde saß in dem Speisesaal in dem Erdgeschosse des Bischofshauses an dem runden Tisch mit der Ahornplatte Hellmuth in stummem Brüten vor dem unberührten Weinkrug; er hatte den linken Ellbogen auf den Tisch gelehnt und das blonde Haupt auf die Hand gestützt. Da trat Fulko ein und warf zorngemut das reiherbefiederte Barett auf die Bank. »Nichts ist's!« rief er unmutig. »Der Herr Bischof beliebt wieder einmal zu fasten, nicht zu Nacht zu speisen und gönnt uns die gleiche Frömmigkeit.« »Ist gelogen, mit Verlaub, Herr Ritter von Yvonne,« lachte Supfo, der eben eintrat und eine stattlich mit allerlei Kaltfleisch gefüllte Silberschüssel auftrug, sich neben den beiden Freunden niederließ und alsbald tapfrer als beide zusammen auf den Braten einhieb. »Fasten müßt ihr heute Abend nur in der Minne, richtiger gesagt: im hungrigen Anschauen einer allerdings fast unerlaubt schönen Jungfrau. Daß sie letzteres noch ist, Herr Ritter, ist nicht Euer Verdienst.« »Verschafft sie mir zum Eheweib und ich erhebe Euch zu meinem Kellermeister,« rief der Provençale und schenkte sich den Zinnbecher wieder voll. »Leichter Amt wär' es als hier,« erwiderte Supfo und trank ihm zu. »Warum?« – »Nun: immer leerer Keller, weil immer durst'ger Herr. – Übrigens, wo steckt Junker Blandinus? Der pflegt doch sonst häufig euer Abendgast zu sein! Wo läuft er noch so spät herum?« – »Jedenfalls hinter einem Weiberrock! Schad' um ihn.« – »Er ist nicht übel.« – »Nicht dumm und nicht feige.« – »Beides nicht!« – »Aber die verfluchte Eitelkeit!« – »Und die Verliebtheit! Nach allen Seiten hin!« – »Es ist ihm eigentlich gar nicht drum. Er meint nur, als Venetianer, als Dogensohn und schmucker Bursch – denn er ist wirklich hübsch! – müsse er überall um Minne werben. Wenn ich ihn nur einmal gehörig zum Fechten und Schlagen bringe! Dann kann noch ein Mann aus ihm werden.« – »Bis dahin – in ein, zwei Jahren – ist auch die schlimme Runel kein Kind mehr; und wer weiß, ob der Schwarzlockige dann nicht doch den graulockigen Schnufilo verdrängt in ihrem trutzigen Herzlein.« – »Bah, was schwatzen wir da von ein, zwei Jahren – und sind nur noch ein paar Wochen bis Sunnwend' und Weltend'! Sagt, schlauer Supfo, wie findet Ihr Euch ab gegenüber den Schrecken des Gerichts und Eurem Gewissen?« »Ich?« lachte der Dicke und schob ein mächtig Stück Rehbraten in den Mund. »Ich habe das beste Gewissen, das mir je bei einem Menschen vorgekommen ist.« – »Wieso?« – »Es ist so gut. So weinfromm. Besser als Euer Rapphengst, Herr Fulko, der beißt zuweilen: und mein Gewissen, – das beißt mich nie. Ich kann ihm viel bieten, bis es nur, warnend, schnappt. Aber beißen? Nie! – Und das andre …?« – Er hob den Becher an die Nase. (»Köstlich der Ruch, dieses weißen Leisten! –) – das andre: der Weltuntergang? – Das ist dummes Zeug!« – »Aber Supfo!« Sogar Hellmuth fuhr hier aus seiner trübsinnigen Träumerei auf und warf dem Dicken einen fragenden Blick zu. Jedoch der rümpfte unverzagt die rötliche Nase, verzog den Mund wie bei einer Weinprobe und sprach bedächtig: »da hab' ich von unserem Herrgott eine viel bessere Meinung denn ihr alle.« »Wenn's aber der Herr Papst selber sagt?« forschte Hellmuth. – »Hat er's schon gesagt? Nein! Und wenn er's sagt, –« »Nun, dann aber?« meinte Fulko. »Dann ist's doch bewiesen.« »Daß er's glaubt!« schloß Supfo und stellte den Becher nieder, daß er klirrte. »Mehr nicht. Ich glaub's mal nicht vom braven Himmelsherrn. Man glaubt auch sonst gar viel, was nie geschah und nie geschieht. Diese seine Welt sollte er selbst zerstören? Wer weiß, ob er eine neue so schön wieder zusammenbrächte! Und nun gerade heuer, da wir des Trunks der Steinrebe froh werden wollen! Heuer, da in meiner Neupflanzung auf dem Harfenhügel schon jetzt – vor Johannis – alles so wundervoll abgeblüht hat. Habt ihr alle zwei den Duft nicht verspürt vor lauter Verliebtheit? – Übrigens –« er sog und schlürfte nun langsam, verständnisinnig einen Schluck durch die gespitzten Lippen (– »ah, ist das ein Weinlein! Viel zu gut für euch unmerksame Knaben! –) übrigens hab' ich eine prächtige Wetterprobe für Gewitter, Erdbeben und all' dergleichen Erfreulichkeiten. Eine Prophetissa – sagt man in Welschland –, der glaub' ich mehr als sieben Päpsten.« »Ihr redet recht lästerlich, Supfo,« sprach Hellmuth verweisend. »Für Erdbeben – Ihr?« zweifelte Fulko. »Jawohl, Herr Sänger! – Meint Ihr, nur Ihr mit Eurer Laute seid in der Welt umhergekommen. Oho! Wir waren auch schon draußen! Sind mit Kaiser Ott dem Roten unter dem Rothenburger Fähnlein in Welschland auf Heldenschaft gefahren. Lagen wir da vor Napoli, der schönen Stadt. Sehr schön. Aber heiß! Und dreckig! Wir lagen vor den Thoren, als Beschirmer nämlich gegen die Saracenen. Nicht in Zelten oder Holzhütten, sondern in den Häusern der Bauern lagen wir: – sind alle von Stein vom Grund bis unters Dach. Da drüben rauchte ganz behaglich und gemütlich der Feuerberg, der Mons Vesuvius: – wir waren schon so daran gewöhnt in all' den Wochen, wie daß man den Atem sieht im Winter. Mein Hauswirt – Gaudenzio hieß der Wackere – hatte eine Katze, die liebte er mehr, beteuerte er oft, als seine gelbhäutige, schnurrbärtige Ehefrau. ›Denn warum?‹ sagte er. ›Meine Lucia kratzt nur, fängt aber keine Mäuse und verkürzt mir das Leben, während Mucia zwar gelegentlich kratzt – aber nicht mich, nur Lucia (woran sie recht thut), Mäuse fängt und mein Leben verlängert, meine schwarze Prophetissa!‹« »Wieso?« fragte Fulko. »Ja, wieso? genau meine Worte von damals! (woran man erkennen kann, was Ihr für ein kluger Knab' seid!) ›Ja,‹ sagte Gaudenzio und streichelte die Katze, die gleich schnurrte. ›Nämlich wir haben hier gar oft die landesüblichen Erdbeben. Ist weiter gar kein Vergnügen nicht, sag' ich Euch, Supfone, wenn Ihr gar nicht getrunken habt und doch wackeln müßt mit den Beinen, weil nämlich das Land unter ihnen wackelt, als habe das Land einen Rausch. Und wenn Euch das eigne Haus auf den Kopf fällt, so genau und platt, wie der Deckel auf einer Schildkröte liegt – nur, daß Ihr nicht damit davonkrabbeln könnt, sondern gar keinen Leichenstein mehr zu bestellen braucht! Nun also, kurz bevor Santo Vesuvio da drüben – Santo Januario, bitt' für uns bei ihm! – ein wenig rappelig wird über die Sünden seiner lieben Napolitaner, an die er nun doch schon seit mehr als einem Jahrtausend gewöhnt sein könnte, – aber er ist ein unberechenbarer Heiliger! – also bevor der liebe gute alte Vater da drüben – mit dem dürfen wir's noch weniger verderben als mit der heiligen Jungfrau! – auch nur ein kleines rappelig wird, wird Mucia – schon ziemlich lange vorher! – ganz rappelig, miaut, wie wenn sie ihr Fleisch durch Gesang verdienen müßte, springt bald gegen mich, bald gegen die verschlossene Hausthür und ruht nicht, bis sie im Freien ist: – sie und ich auch. Nach Lucia schaut sie gar nicht um.‹ Ich begreife Eure Liebe zu dem Tier, sprach ich verständnisvoll. Nun gut: – ein paar Nächte nach dieser Unterredung weckt mich mein Gaudenzio aus dem tiefsten Schnarchschlaf: – denn der schwarzrote Amalfitaner ist gut, aber schwer! – reißt mich aus dem Strohlager und stößt mich zur Thüre hinaus ins Freie. Ich wollte ihn gerade niederschlagen, da schrie er: ›Die Katze! die Katze! Mucia hat gewarnt.‹ Und kaum senk' ich den erhobenen Arm, – da taumel' ich und wanke, als hätt' ich den Amalfitaner nicht ganz verschlafen – war aber hecht-nüchtern – und auf einmal – pardauz! – lag sein ganzes Steinhaus platt auf dem Bauch, wie ein Frosch, drüber ein Lastwagen fuhr. Die Ungewarnte lag leider darunter. Am andern Morgen zog unsere Heerschar ab. Zum Abschied schenkte mir mein Wirt seine Katze. ›Denn warum?‹ sagte er treuherzig unter Thränen. ›Brauch' sie nicht mehr. Baue kein Steinhaus mehr. Und nehme – ganz gewiß! – keine Frau mehr. Denn warum? Lucia war doch so böse, wie ich keine mehr fände. Und jetzt thut es mir gleichwohl leid um sie. Nun denket erst, wie leid mir eine sanftere thäte! Also wozu Katze?‹ So nahm ich Mucia mit. Auf meinem Rucksack quer durch ganz Welschland über den Brenner trug ich sie bis in die Heimat. Sie verläßt mich nie. Hört ihr sie draußen miaun? Ich komme, Schätzlein, ich komme. – Nun seht: merkte Mucia das bißchen Erbrechen von dem lumpigen Vesuvio da drunten und jedes Erdbeblein, das dort zu Lande so häufig wie bei uns das Nießen im Schnupfen, und zeigt sie – wie sie immer thut – hier jedes Gewitter an, lange bevor es vom Königswald heraufzieht! – da wird's die Prophetissa doch wohl auch merken, wenn alsbald die ganze Welt zerkrachen soll. – Ich komme schon, Liebelein! – Ich nehme sie, – an dem Vorabend – mit in einen Ort, wo – nun, wo man dem Kern der Erde näher ist als anderwärts. Bleibt sie ruhig, bleib' ich auch ruhig. Die Zeit soll uns dabei schon nicht lang werden: denn an jenem heimlichen Orte giebt's für Mucia viele Mäuse und für mich – nun, für mich giebt's da auch was. Wir sehen uns dann schon wieder, Jungherrn. Entweder in der ewigen Seligkeit oder – was ich eine Zeitlang noch vorziehe – hier in diesem Jammerthal. Aber dann, Herr Fulko, dann singen wir erst recht das Lied, das mir von all' Euren Schelmenweisen zumeist gefallen hat!« – »Welches? Sind ja viele so nichtsnutzig, daß sie Euch gefallen können.« – »Ich meine das: