Nun woll'n wir erst heben ein Trinken an,
Daß der Herr Gott es nicht kann fassen,
Und spricht: ›wenn der Mensch so viel trinken kann,
Mehr Wein muß ich wachsen lassen!‹

Ich komme, Prophetin des Herrn. Ich bringe dir deinen Prophetenlohn heraus,« und er nahm ein leckres Stück Braten aus der Schüssel. »Traumselige Nacht, ihr Herren. Ihr, Fulko, küsset für mich mit!« Und er humpelte hinaus und verschwand.


XII.

»Ein guter Gesell,« lachte Fulko. – »Aber ach, meine Gesellin! Nun ist es heute abend wieder nichts! Ohne den Bischof läßt uns die Tugendverwalterin und Unschuldbeschließerin und geheime Obervestalin – wie heißt sie doch? aus Schottland stammt sie – richtig: Malwine! – dadrüben gar nicht über die Schwelle am Abend. Und wie heiß hatte ich mich gesehnt, wieder einmal in das süße, klare, holde Gesicht zu schauen! Ist ja wenig genug, weiß die heilige Aphrodite! für mein wildes Begehren. Aber als der Teufel einmal sehr durstig war, trank er Wasser. Sind wir daher doch auf das Zabelspiel gekommen. Kenne keinen Zug! Aber dabei konnten wir uns doch an den Abenden manche gute Weile einander gegenüber setzen, uns – recht nahe! – in die Augen schauen und manchmal stießen unsere Finger durch Zufall aneinander, während wir auf dem Brett die Steine rückten. Denn dergleichen mußten wir schon zuweilen thun. Jüngst trat Herr Heinrich an unsern Marbeltisch im Erker, wo wir schon drei Stunden saßen – die ganze Vesper hatten wir darüber versäumt – und sprach: ›Nun, wie steht das Spiel?‹ Heilige Eulalia von Barcelona! Wir hatten in all' der Zeit ja erst einen Zug gethan. Und das lose Mädchen hatte mir, während ich ihr die Rechte drückte und ihr selig in die Augen sah, ganz verstohlen mit der Linken meinen König vom Brette genommen und in ihrem leer getrunkenen Goldbecher in Gefangenschaft gesetzt! Es war schrecklich. Lächelnd befreite ihn der Gütige, hob ihn heraus, stellte ihn auf seinen Platz und fragte: ›hoffentlich ist dies nicht noch immer das erste Spiel?‹ Er war so freundlich, mir das Lügen zu sparen: er schritt hinweg, ohne meine Antwort abzuwarten. Ein prächtig Herz! War wohl auch einmal jung und heiß. Und noch jünger war Frau Theophano …« »Gieb acht,« warnte Hellmuth. »Man hört da draußen auf dem Gang, was hier so laut gesprochen wird.« »Nun,« lachte Fulko, »das flüstert man vom Danevirke bis Salerno! War sie doch Witwe! Wär' ein schönes Paar geworden! – Aber das Zabelbrett war auch sonst so willig! Konnte meinem holden Schatz stets abends meine den Tag über gedichteten Minnelieder darunter durchschieben. Wie geschickt zog sie mit den wachsweißen langen schmalen Fingerlein die Blätter auf der andern Seite heraus! Und hui! waren sie verschwunden in ihrem lang herunterhängenden Ärmel. Jetzt müssen meine armen Reime wieder Messe hören!« – »Wie das?« – »Nun ja! Morgen früh in der Kirche halte ich sie ihr wieder vor das zierliche Näslein und sie singt daraus die lateinischen Psalmen. Ist aber gefährlich! Neulich stand der fürwitzige Venetianer hinter mir, guckte über meine und ihre Schulter, las ein paar Zeilen und fragte mich lachend, ob ich das hohe Lied Salomonis in das Deutsche übersetzt hätte? Nicht schlecht! Lache doch, Hellmuth! Oder trinke wenigstens! Thu' Bescheid. Unserer Herrinnen Minne.« Aber Hellmuth schob kopfschüttelnd den Becher zur Seite. »Nun, willst du nicht reden, so höre wenigstens. Du hattest immer Freude an meinen Versen.« »Gewiß, Freund. Denn du kannst sagen, was ich nur fühlen und – leiden kann. Zwar schmerzt es, zu hören, welch' Glück erwiderte Minne gewähren mag: aber es ist ein Weh, das wohl thut mitten im Schmerz. Bitte, beginne.« Fulko war ein Dichter: zweimal ließ er sich nicht bitten. Er trank erst herzhaft, griff dann in den Brustlatz, holte ein paar Pergamentblättlein hervor und las:

Du hast gesiegt, du starke Liebe!
Hinweg, Besinnung und Bedacht!
Und ob sie ins Verderben triebe: –
Nimm ganz mich auf in deine Macht!

Die Vorsicht sprach: »das wird nicht frommen,«
Die Sitte sprach: »vernimm mein Wort:« – –
Da ist der Strom der Liebe kommen
Und ohne Wahl riß er mich fort.

So trage mich, du heil'ge Welle,
Und, wenn du dies Verlangen stillst, –
In Todesnacht, in Himmelshelle, –
Ich folge dir wohin du willst.