Thuet Buße! Streuet Asche,
Asche auf das sündge Haupt,
Daß euch Satan nicht erhasche,
Der im Höllen-Abgrund schnaubt.
Euch verkündet Papst Sylvester,
Dem's der heilge Geist enthüllt,
Nicht ein Wort des Herrn steht fester:
Was er weissagt, wird erfüllt:
Hört's, ihr Kleinen, hört's, ihr Großen:
Euer Ende bricht herein:
Wer noch zweifelt, ist verstoßen
Aus der Kirche Heilverein.
Wann die Sommersonne wendet,
Mit dem Schlag der Mitternacht, –
Unter geht die Welt und endet: –
Habt auf eure Seelen acht!«
III.
Die Wirkung des Liedes, des ganzen Aufzuges auf die wirre Menge war eine furchtbare.
Nur wenige zwar verstanden genau die Worte des Gesanges: aber von den dem Wagen nächsten aus verbreitete sich mit Windeseile bis in die hintersten Reihen der Herandrängenden das kurze, vernichtende Wort: »Es ist so. Die Welt geht unter. Der Papst hat's selbst gesagt. Er hat befohlen, es zu glauben.« Was monatelang nur wie ein fernher drohendes Gewölk über den Gedanken der Menschen geschwebt hatte – die allermeisten der leichtlebigen Franken hatten gehofft, es werde sich zerstreuen – das hatte sich nun plötzlich zu einer furchtbaren schwarzen Wetterwolke über ihren Häuptern geballt und donnernd zu entladen begonnen. Keiner von den Tausenden zweifelte mehr. Heulend und schreiend liefen sie durcheinander, Männer wie Weiber, zerrissen die Kleider, rauften sich das Haar; einzelne rannten in wahnsinniger Angst gegen den Fluß zu, sich zu ertränken. Die meisten strömten in wilder Flucht nach der Stadt zurück – manch' alt' Weiblein ward dabei umgeworfen und überrannt – die zurückgelassenen Ihrigen zu benachrichtigen, zu warnen oder in den Kirchen an den Altären, bei den Überbleibseln der Heiligen zu beten. Die paar Hunderte aber, die wahrgenommen hatten, daß der lang erwartete Bischof bereits vor dem schrecklichen Aufzug eingetroffen war auf der Wiese, drängten alle, wie eine Herde Schafe, die der Wolf bedroht, auf ihren Hirten, so auf ihren Bischof zu um Hilfe, Rat, Trost, Auskunft, Rettung. »Helft, helft, helft, Herr Bischof! Herr Heinrich, was sollen wir thun?« riefen Hunderte von Stimmen. Und der Herr Heinrich that seine Hirtenpflicht.
Seine Ritter hatten ihm alsbald Bahn gebrochen durch die wogende Menge, so daß er ziemlich in die Nähe des schauerlichen Wagens gelangte und den Sinn des Liedes genau verstehen konnte. Seine Junker und er selbst, mächtig den Fliehenden sich entgegenstemmend, die beiden Mädchen hinter sich deckend, hielten auch nun, nachdem der Gesang zu Ende, in dem Gedränge stand. Endlich legte sich der Lärm, es entstand um den Wagen her eine todesbange Stille: Herr Heinrich drang durch die letzten Reihen des Volkes, die ihn noch von dem schwarzen Gespann trennten: scharf spähten seine Augen auf die Gesichter und Gestalten der fünf Mönche: er kannte keinen. »Wer ist es,« rief er mit starker Stimme, weithin vernehmbar allem Volk, »der solche Schrecken zu erregen wagt? Wer will hier das Wort führen im Namen Sylvesters, des heiligen Vaters?«
Da schlug der riesenhafte Mönch in der Mitte des Wagens die Kapuze zurück und sprach: »Ich!«