»Arn!« rief der Bischof mit Entsetzen. »Du! Arn!«
»Nein! Nicht mehr Arn, Bruder Monitor ist mein Name. Abgelegt für immer, abgeschworen habe ich, was an mein sündhaftes Leben in der Welt erinnert.« Der Bischof entgegnete: »Wohl! – Aber das ist unweise gehandelt und nicht im Sinne der Kirche, diese gewaltige Wirrnis, plötzlich, ohne Vorbereitung, unter den großen Haufen zu werfen. Schau' hin, welch' Unheil du angerichtet hast. Da tragen sie blutende Kinder, ohnmächtige Weiber vorüber!« – »Heil ihnen, nehmen sie Schaden an ihren Leibern und retten ihre Seelen.« – »Warum hast du nicht – in alter Treue – mir, deinem Dienstherrn, deinem Lehnsherrn, zuvor vertraute Kunde geschickt, wie es gutem Boten ziemte?« – »Ich weiß nichts mehr von Treue, Dienst und Lehen! Ich bin Mönch, habe weder Allod noch Lehen und diene nur den Heiligen.« »Nun,« erwiderte Herr Heinrich heftig, »so bin ich doch Euer Bischof geblieben und als Euer Bischof verbiete ich Euch, den Schrecken in solcher Weise weiter unter meine Gemeinde zu werfen und Verzweiflung zu verbreiten. Ich verbiete Euch, weiter in diesem Aufzug durch meinen Sprengel zu fahren. Als mein Bote seid Ihr ausgesendet worden und mir allein habt Ihr genauen Bericht zu erstatten. Ich werde ihn prüfen und werde, was davon für die Gläubigen zu erfahren ersprießlich ist, unter gehöriger bischöflicher Vermahnung und Anleitung mitteilen. Herunter mit Euch von dem Gerüst! Spannt die Pferde von dem Wagen ab!« Und drohend trat Herr Heinrich dicht an das Gespann. Aber der Mönch riß aus seinem Gürtelstrick eine Pergamentrolle, hielt sie ihm entgegen und schrie mit gellender Stimme: »Nichts hast du mir zu befehlen, du allzuweltlicher Bischof von Würzburg! Als dein Bote ritt ich aus, als Bote des Herrn Papstes kehre ich wieder. Schau' her! Kennst du das Siegel? Lies! Mein Orden, der Orden des schwarzen Bundes von Garganus, neu gestiftet unter den furchtbaren Offenbarungen dieser Wochen von Sankt Nil, dem größten Heiligen und Wunderthäter der Christenheit, steht unmittelbar unter dem Papst: nur der Bischof von Rom ist mein Bischof, er hat mir mit eigner Hand diese schwarze Fahne gereichet und mich zu seinem Bandalarius, zum Bannerträger und Herold des drohenden Gerichts bestellt. Und der heilige Vater selbst – lest doch, leset auch ihr, Ritter und edle Fräulein! – hat mir Auftrag und Befehl gegeben, mit vier andern Brüdern aus Deutschland in die Heimat zurückzueilen und hier vom Brennerberg an von Gau zu Gau zu ziehen, rastlos und unhemmbar, bis zur Dänenmark und überall in jedem Dorf, in jeder Stadt zu verkünden: ›das Ende bricht herein. Thuet Buße! Bereitet euch, den fürchterlichen Richter zu empfangen‹. Und Ihr seht, mit welchem Erfolg ich das Wort vom Gericht verkündet habe. All' diese vielen Hunderte hinter mir, zu Roß, zu Fuß, zu Wagen, von meiner Verkündung hingerissen, haben vom Inn bis zum Main Haus und Hof und Habe verlassen und folgen mir nach freiwillig: Männer und Frauen, Jünglinge und Greise, um die schreckende Kunde weiterzutragen und die eignen Seelen zu retten, indem sie andre warnen, aufrütteln und erretten vor dem ewigen Verderben. Und überall will ich laut verkünden vor allem Volk – nicht vor Bischof oder Priester im geheimen! – das große Wunder, das der Herr in Welschland an mir gethan.«
Inzwischen hatte der Bischof das Pergament durchflogen, das ihm der Mönch von dem Wagen herunter gereicht: – er prüfte nun und erkannte als echt das große daran hangende päpstliche Siegel: seufzend gab er das Schreiben dem Mönche zurück und mahnte seine Junker, welche bereits sich anschickten, die schwarz behangenen Pferde auszuspannen, davon abzulassen.
»Kein Zweifel,« sprach er. »Es ist alles, wie er sagt. Ich habe kein Recht, dem Boten des heiligen Vaters das Wort zu verbieten. So redet denn in Gottes und der Heiligen Namen! – Seid Ihr zu Ende, wird der Bischof anordnen, welche geistlichen Vorbereitungen geschehen sollen.«
Er trat nun mit seinem Gefolg ein paar Schritte von dem Wagen zurück: auf einen Wink Monitors stießen die andern Mönche wieder dreimal in die ehernen Posaunen: – weit dröhnten sie über das Blachfeld hin: eine bange, eine ungeheure Stille entstand.
IV.
Der Bischof und die Seinen betrachteten mit Staunen, mit leisem Grauen die Verwandlung, welche die Gestalt des hünenhaften, breitschultrigen Jägermeisters verändert hatte. Er war kaum wieder zu erkennen. Zum Knochengerippe war der einst kraftstrotzende Leib abgemagert, mit Mühe hielt die hagere Gestalt sich auf den Fahnenschaft gestützt aufrecht, die Wangen waren völlig eingefallen und von wachsgelber Leichenfarbe, die Backenknochen ragten spitz hervor, unablässig zuckte es krampfhaft um die glattgeschornen Lippen und aus den tiefen, von schwarzen Schatten umränderten Höhlen schossen die unheimlichen Augen Blicke von fanatischem Wahnsinn. Er zitterte am ganzen Leib: – es war wohl das welsche Fieber: – oft unterbrach das Klappern der Zähne den Fluß seiner Worte.
Und die gewaltige Fahne mit der Linken an seine Brust drückend hob er an mit lauter schriller, markdurchgellender Stimme: »Höret mich! Höre mich, alles Volk der Deutschen! Wer Ohren hat zu hören, der höre! Denn aus meinem, ihres unwürdigsten Knechtes, Mund redet der heilige Geist, redet Sankt Petrus, redet dessen Statthalter auf Erden, der Herr Papst zu Rom, redet der große Wunderthäter Sankt Nil im Land Italia und redet auch der oberste Herr der Weltlichkeit auf Erden – solang sie noch bestehen wird! – der Herr Kaiser Otto. Euch, ihr Ritter, Geistliche und Dienstmannen des Bischofs von Würzburg, bin ich allen wohl bekannt. Aber auch die meisten Bürger dieser Stadt und gar viel Bauern der Dörfer und Höfe kennen mich gut, der ich in der Weltlichkeit Arn hieß, des Helmbrecht Sohn aus Salzburg. Und wisset wohl: ich war der Jägermeister des Bischofs und war aller Weltlinge weltlichster und sündigster. Aus dem Bayerland war ich und allerwegs gerichtet nicht auf das Geistliche und Himmlische, sondern auf das Fleischliche und Irdische: kein Felsgrat in meinen Bergen war mir zu steil vom Wetterstein bis zum hohen Ortler: wohin der schwindelfreie Gemsbock stieg, da stieg ich nach. Des Weines trank ich mehr als drei Männer zusammen und mit drei Männern zumal zu raufen hab' ich mich nie gescheut. Dem Bären ging ich an den Leib, allein, Schwert in Hand. Beim Reigentanz war ich der erste auf dem Platz und der letzte, aber auch beim Waffentanz in Pusterthal und Krain mit Wenden, mit Arabern und Welschen in Calabria. Ach und manche Maid in manchem Land hab' ich zerstört durch meine wilde Minne! Und viel, viel Blut von Erschlagenen – in Krieg und in Frieden! – klebt an meinen Händen. Viel öfter lief ich zu Wald mit Rado, dem argen, argen Heiden – dort steht er und wendet sich finster von mir! – als in den Dom, wann der Bischof die Messe sang. Diese Welt, diese lustige Erde, mit Jagdhornklang und Becherschwang und Speeredrang und Mädchenfang: – sie war mein alles. Und als nun vor vielen Monden zuerst das Wort vom nahenden Gericht auch in unseren Gau drang, da war keiner unter all den Dienstleuten des Bischofs, der weniger daran glaubte, der übermütiger, frevelhafter – verzeihe mir Sankt Petrus! – darüber spottete als ich. Und gerade mich wählte er als seinen Boten nach Rom. Wie lachte mein sündhaft begehrlich Herz bei dem willkommenen Auftrag! Ich freute mich auf ein üppig Feld von Sünden und ich trieb's danach von hier bis Rom. Auch Rom machte mich durchaus nicht besser. Nicht einmal das Grab der Apostelfürsten! Aber bald darauf – da kam über mich die erlösende Zermalmung, die beseligende Zerknirschung, die errettende Verfinsterung des natürlichen Verstandes durch das Übernatürliche, das Wunder, das unsrer sündhaft stolzen Vernunft eitel Thorheit ist.«