V.

»Ich erforschte, der Papst weilte zur Zeit nicht in der ewigen Stadt. Er war mit dem Herrn Kaiser und mit großem Gefolge von Geistlichen und Laien – und viele Tausende von Römern und Welschen aus der Campagna hatten sich alsbald dem Zug angeschlossen – gepilgert nach dem Kloster des heiligen Michael auf dem Berge Garganus zu Nilus, dem greisen Einsiedler, der in einer Höhle jenes Berges hauste. Viele, viele Wunder hatte der Herr durch ihn bereits gethan, der auch zuerst schon seit Monaten die große Botschaft von dem nahenden Gericht verkündet hatte. Der Herr Papst hatte sich heftig wider jene Verkündung gesträubt: er beschloß, mit allen seinen gelehrtesten Priestern und Scholarchen und mit einem ganzen Lastwagen voll heiliger Schriften – den Beweismitteln für seinen Unglauben! – selbst hinzuziehen zu dem Manne Gottes: denn der hatte sich geweigert, auf den Ruf des Herrn Papstes nach Rom zu diesem zu kommen: Sankt Petrus hatte ihm im Traumgesicht verboten, die enge Felsenhöhle zu verlassen, bevor die Engel des Gerichts ihn selbst daraus abholen würden. Und wollte der Herr Papst durch seine fast zauberhafte Gelehrsamkeit den schlichten Einsiedler widerlegen, und ihm – bei Strafe der Ausstoßung aus der kirchlichen Gemeinschaft – verbieten, – ganz wie vorhin jener Bischof mir! – solche Schrecknisse zu verbreiten unter dem Volke. Der Herr Kaiser begleitete ihn: seine schwärmerisch glühende Jünglingsseele vertraute viel mehr als der gelehrte Papst dem Worte des großen Büßers: denn der Greis hatte ihm schon manches geweissagt von Plänen seiner Feinde in Rom, und alles war eingetroffen Ich aber – als sie mir das erzählten – ich Frevler lachte laut und spottete – der Heilige hat es mir in der Beichte vergeben! –: ›ei, hat der alte Schlaukopf so gute Späher in Rom?‹ Und also, lachenden, höhnenden Mundes all den Weg über, eilte ich tagelang von Rom gen Süden bis zum Berge Garganus durch das Volk hin, das zu vielen, vielen Tausenden zu Fuß, oft auf den Knieen rutschend, schwere Eisenketten schleppend, die nackten Rücken geißelnd bis aufs Blut, unablässig Psalmen singend und betend alle Wege, die von Nord nach Süd zu dem Weissager führten, wimmelnd bedeckten wie wandernde Ämsen. Und als ich endlich an dem Fuße des steilen Berges vom Gaule sprang, rief ich meinem Roßknecht zu: ›Jetzt paß auf! Denn jedenfalls erlebst du heut' ein Wunder. Ich steige jetzt da hinauf zu dem Alten. Steige ich ungläubig herunter – ist's ein großes Wunder für all' die Tausende, die da herum kriechen und knieen und klettern. Steig' ich aber gläubig herunter, mein Sohn, dann ist's ein noch viel größer Wunder – für mich.‹

Aber ich stieg gar nicht mehr herunter! Ein Weltling stieg hinauf: – einen Mönch trugen sie herab. Denn … ah meine Freunde! Wie soll ich's euch schildern! Als ich endlich durch das Gedränge der Hunderte und Tausende die Höhe erstiegen hatte, da ergriff mich, den schwindelfreien Gemsenschütz, alsbald ein seltsam kreiselnd Schwirren im Kopfe. Furchtbar heiß brannte die kalabrische Mittagssonne gerade senkrecht auf die nackten Schieferfelsen: nirgends ein Baum, ein Strauch, nirgends ein Streifen Schattens! – Und stundenlang mußte ich so harren, an dem Platz, an dem mich, nachdem ich die Hochplatte erstiegen, ein Priester eingereiht hatte hinter vielen hundert andern Pilgern, die vor mir eingetroffen waren und nun alle harren mußten, bis sie nachrücken konnten in die enge Höhle. Viele Stunden stand ich so!

Die Welschen sind's gewöhnt, barhaupt in der ärgsten Sonnenglut auszuhalten: und ich – ich – mußte es nun auch. Denn meinen breitrandigen Reisehut, den ich allein trotzig auf dem Kopf behalten hatte, als ich in die Reihe trat, den hatten sie mir flugs abgerissen und den Felshang hinuntergeworfen: – raufen konnt' ich nicht: konnt' ich doch die Arme nicht heben, so eng war ich eingekeilt. Und mir war, als finge unter der stechenden Mittagssonne mein Gehirn an zu sieden, nein, zu braten: ich konnte kaum mehr denken: in meinen Ohren sang es wie das Gesumms von ganzen Heerscharen von Mücken!

Endlich – traf uns die Reihe.

Kaum trugen mich die Füße noch die paar Schritte bis an den Eingang der Höhle: meine Schläfe pochten. Da empfing mich in dem Eingang ein solch furchtbares Geschmetter von Posaunen und Drommeten, daß ich glaubte, der Kopf platze mir auseinander.

Und ein Weihrauchduft, wie ich ihn so süß, aber auch so betäubend stark nie geschmeckt, quoll und qualmte mir entgegen: mit Mühe rang ich nach Luft! Und aus dem Hintergrund der schmalen, aber sehr langen Grotte strahlte mir in dem ganz dunkeln Eingang entgegen ein Meer von Licht, von tausend und aber tausend Kerzen: geblendet, schloß ich die Augen: sie zuckten mir vor Schmerz. Aber gleich that ich sie wieder auf, erschrocken, erschüttert bis in den Grund der Seele.

Denn eine Mark durchbohrende Stimme, die aus dem Grabe, – nein doch! aus der andern Welt! – zu dringen schien, schlug an mein Ohr: »Bereue! Büße! Das Gericht ist nah.«