Und ich sah mir gegenüber den Heiligen!

O meine Lieben, das war kein Mensch mehr! Eine hohe hagere Gestalt, nackt bis zum Gürtel. Das gewaltige Haupt umflattert von wirrem weißem Haar: aus tiefen Höhlen sprühten die kohlschwarzen verzückten Augen Feuer: man sah ihnen an, die schauten Himmel und Hölle offen. Und neben ihm kniete, in einem härenen Gewand, Asche auf dem Haupte – gar wohl kannte ich ihn aus unserem letzten Kriegszuge gegen die empörten Römer, – der Herr Papst, der gelehrte Sylvester, und er, der Stolz der Wissenschaft, küßte demütig die halbnackten Füße und umschlang seine Kniee und rief: ›Ich büße! ich bereue! Ich bereue meinen hochfärtigen Unglauben! Denn wahrlich, wahrlich ich sage euch: diesem Ungelehrten hat der Herr sich offenbart. Und das Gericht des Herrn ist nahe.‹

Wohl schlug mir das Herz vor Grauen an die Rippen, daß ich meinte, es müsse mir zerspringen. Aber es war ein gar trotzig Herz und wollte nicht nachgeben. ›Ach was,‹ sagte zu mir dies sündhafte Herz: ›Pfaff ist Pfaff: auch der Herr Papst ist Pfaff: – leicht glaubt er dem andern Pfaffen.‹ Aber da – o meine Geliebten …!«

Und überwältigt von der Erinnerung knickte die hünenhafte Gestalt zusammen; der Mönch brach in lautes Schluchzen aus, der Kopf schlug ihm mit der Stirn auf dem Gerüst auf.

Das wirkte noch mehr als alle seine Worte. Ein Murmeln des Grauens lief durch die Menge. Die Männer zitterten vor Erregung, viele Weiber ergriff krampfhaftes Weinen: selbst Herr Heinrich preßte die Linke auf das tapfere Herz.


VI.

Aber schon erhob Monitor wieder das Haupt und fuhr fort: »Da ersah ich zur Linken des Heiligen einen andern knieen! Wohl kannt' ich auch den – und doch! – ich erkannte ihn kaum wieder. Eine herrliche blühende Jünglingsgestalt – von goldenem Gelock das Haupt umwallt – schön wie die marmornen nackten Götter, die man zu Rom aus dem Schutte der Heidentempel gräbt. Nackt war auch der Jüngling, bis auf einen Lendenschurz von schwarzer Schafwolle: – und in Bächen, in Strömen rieselte ihm das rote Blut von Rücken, Brust, Seiten und Beinen. Denn unablässig, grimmig, mit aller Kraft seines Armes geißelte sich vor allem Volk der Jüngling mit einer siebensträngigen Geißel, ein Eisenstachel am Ende jedes Stranges, und unablässig schrie und keuchte er mit schon versagender Stimme: ›Ich büße, ich bereue. Ich bereue jeden Gedanken, den ich jemals der Welt und ihrer nichtigen Herrlichkeit zugewendet und dem Reiche des Herrn entzogen habe. Denn – schon seh' ich es vor Augen! – es nahet das Gericht des Herrn!‹ Und nun – denn ich meinte, die Stimme zu erkennen – nun schärfte ich meine Augen, auch das Antlitz des schönen Jünglings in der Weihrauchwolke genau zu sehen …

– O Heiland der Welt! – – –