Ja, er war es! Aber wie furchtbar verwandelt, wie entstellt, wie abgethan all' der freudigen stolzen Herrlichkeit, die einst ihn geschmückt, unsere Freude, unseren Stolz. Denn – hört es, höret es alle! – er, der uns allen das leuchtende Beispiel des Glaubens und der blutigsten Büßung gab – er, der zum Entsetzen herabgemagert, nackt, wie ein Verbrecher bei dem Staupenschlag, vor allem Volk sich selbst zergeißelte – Er war es – mein Herr, euer, unser aller Herr: es war des großen Otto herrlicher Enkel, der Deutschen und der Lombarden König, des römischen Kaisers Majestät, der Herr der Welt – Herr Otto war's der Dritte!«
Da ging ein Stöhnen, ein dumpfer Schrei des tiefsten Wehs über den Jammer aller irdischen Größe und doch auch einer gewissen grausigen Wonne durch die vielen Hunderte hin.
»Und nun,« fuhr der Mönch, sich hoch aufrichtend, fort: »Nun geschah mir das Ärgste. Ich wankte, meiner Sinne nicht mehr mächtig, dem blutüberströmten nackten Jüngling entgegen, ich streckte meine beiden Hände gegen ihn aus: – da – da traf sein Auge auf das meine, er erkannte mich und in wildem Schrecken schrie er: ›Wehe, weh! Ich kenne dich! Du bist Arn, der wilde, arge Arn, der Genosse so vieler meiner Sünden in Krieg und Jagd und Gelag. Ach, du heiliger Mann Gottes! Das ist derselbe – man hat ihn erkannt, wie er davonjagte aus dem Thore von Florenz und hat es mir gemeldet – der auf dem Marktplatz dort, auf Antrieb und in der Larve des Teufels, unter die Büßenden sprengte. Er trägt einen Dämon im Leib. Er ist besessen. Heiliger Mann Gottes, treibe den Teufel aus seiner Seele.‹
Und ohnmächtig sank der junge Kaiser zusammen.
Nun aber – wehe! wie geschah mir! Alle, alle um mich her schrieen: ›Er hat einen Dämon! Er hat einen Dämon!‹ Und der fürchterliche, der hagere Heilige schritt gerade gegen mich heran und streckte die beiden knöchernen Arme gegen mich aus und bohrte mir die brennenden Augen in meine glanzgeblendeten, schmerzenden Augen und sprach in schauerlichem Grabeston: ›Ja, ich sehe es, mein Sohn: aber nicht Einen Dämon, vier Dämonen trägst du in dir von Jugend auf: den Saufdämon, den Wollustdämon, den Kampfdämon, den Spottdämon. Ich aber – ich bin vom Herrn berufen sie von dir auszutreiben und deshalb hat dich der Herr hierher gesandt zu dieser Stunde. Auf, ihr Gerechten und Geheiligten, greift ihn, bindet ihn und geißelt ihn bis aufs Blut.‹
Ich schrie auf!
Aber nicht aus Furcht vor den Schlägen, die nun von zwanzig Geißeln auf mich niederhagelten: nein, wahrlich nein! Sondern ich schrie auf vor Entsetzen über mich selbst, vor Grauen über mein vergangenes Leben, aus Furcht vor den Teufeln in mir. Ich schrie, weil ich's fühlte, weil ich's denken mußte in meinem brennenden Hirn: ›Er hat Recht! Weissagend hat der Heilige, der mich nie gesehen, mein Inneres, und den Inhalt meines Lebens aus meinen Augen gelesen.‹ Und ich spürte, wie die Dämonen in mir sich bäumten und wanden, wie aufsteigende Schlangen. Und ich schrie mit letzter Kraft: ›Ja, ja, ihr Frommen! Der Heilige sprach wahr. Ein Wunder! Ein Wunder! Er hat sie erkannt, – die Dämonen, von denen ich besessen bin dreißig Jahre. O treibt sie aus! O rettet meine Seele.‹
Das war das letzte, was ich hörte und wußte auf lange, lange Zeit.
Als ich meiner Sinne wieder mächtig war, lag ich in dem Krankensaal des Klosters des heiligen Michael und stak in der Kutte der schwarzen Brüder von Garganus.
Und an meinem Pfühle saßen der Herr Kaiser zur Linken und der Herr Papst zur Rechten, zu meinen Häupten aber stand der Heilige, und sprach: ›Sehet, es ist geschehen, wie ich gebetet, wie ich geweissagt. Er sollte ja sterben müssen, sprach euer griechischer Arzt, Herr Kaiser, an »sideratio« wie er's nannte: – Sonnenstich, das sollte das ganze Wunder sein! Ich aber fragte den gelehrten Spötter: Ei, hat die Sonne auch seine Seele gestochen? Warum ist er geworden aus einem Saulus ein Paulus? Wahrlich, wahrlich ich sage euch: ich kleide diesen geretteten Sünder in das Gewand meiner schwarzen Brüder und er wird nicht sterben. Oder, wenn er stirbt, wird er nach dreien Tagen wieder auferstehen von den Toten. So sprach ich. Wohlan: es ist der dritte Tag – er schlägt die Augen auf – er ist genesen. Ausgefahren aber von ihm auf immerdar sind seine vier Dämonen.‹ –