Und er beugte sich über mich und sah mir in den Grund der Seele mit diesen überirdischen Augen und forschte feierlich: ›Ich frage dich im Namen des Herrn, mein Sohn: nicht wahr, du bereuest, du büßest und du glaubst an das Nahen des Gerichts?‹ Und bei dem Klange dieser Stimme kam mir zurück die Erinnerung an alles, was ich in der Höhle gehört, gesehen und erlebt, und erschauernd sprach ich: ›Ja, du Heiliger des Herrn, ich bereue, ich büße und ich glaube an das Nahen des Gerichts.‹ Da warfen sich der Herr Papst und der Herr Kaiser zu des Heiligen Füßen und umfingen seine Kniee und küßten sie und der Herr Papst rief: ›Heil mir, nun hab ich, was ich immer gewünscht zur Verscheuchung meiner Zweifel: nun hab ich eines deiner Wunder mit Augen gesehen!‹
Der junge Kaiser aber schluchzte unter Thränen: ›Wohl mir, daß ich nie an dir gezweifelt, du Heiliger des Herrn.‹ Und ich beichtete dem Propheten. Und als Buße – ach wie geringe Buße! – legte er mir auf, von Stund an nie mehr im Leben Fleisch zu essen und überhaupt nur jeden dritten Tags Speise zu nehmen und nie mehr Wein. Und sprach zuletzt: ›Du ziehest aus als des heiligen Vaters Sendbote und als der meine. Weil du verspottet hast das Nahen des Gerichts, sollst du das Nahen des Gerichts verkünden unter den Menschen deiner Heimat, in dem Land Italien aber nur auf dem Marktplatz zu Florenz: wo der Dämon des Hohnes aus dir sprach, soll der heilige Geist der Wahrheit aus dir sprechen. Und wenn dir in deiner Heimat die Weltlinge nicht glauben und dich verhöhnen, so wird das die gerechte Strafe sein deines Hohnes. Wenn sie dir aber glauben, wirst du noch vor dem Nahen des Gerichts erretten die Seelen Vieler und dadurch auch die eigene: denn jener Errettung wird dir der ewige Richter anrechnen als ein gutes Werk.‹
Und bald darauf erhielt ich des Herrn Papstes Brief und Siegel und diese schwarze Fahne und vom Herrn Kaiser diesen stattlichen Wagen und die vier Rappen und zog aus auf meine heilige Sendung. Und der Herr hat sie gesegnet von Florentia an, – wo sie mein Carroccio ausspannten und den bekehrten Sünder im Triumph auf ihren Schultern über den Marktplatz in die Kirche trugen, – bis hierher: ihr sehet diese Hunderte von Geretteten.
Ihr aber, o Bischof und ihr Priester von Würzburg und ihr Bischofsmannen und Bürger und Bauern – o thuet desgleichen wie diese. Verstocket nicht eure Herzen! Ihr seht das Wunder vor Augen: das große, das der Heilige gethan hat an Arn, dem argen Sünder. So befolgt denn des Herrn Papstes, des Herrn Kaisers, des heiligen Nilus Gebot. Büßet, büßet und glaubet, das Gericht ist nah: um Mitternacht dieser Sommersonnwend – noch wenige Wochen sind's – geht die Welt in Flammen auf und der jüngste Tag bricht an.«
Da stürzte der Mönch bewußtlos zusammen: Schaum trat ihm vor die Lippen: seine Kraft war erschöpft: er sank mitsamt seiner riesigen schwarzen Fahne in die Arme eines seiner Genossen: die drei andern aber setzten wieder die Posaunen an den Mund und bliesen und schmetterten, als erschallten schon jetzt die Posaunen des Gerichts: sie hieben auf die schwarzen Rosse ein: diese zogen an – vorwärts rollte langsam der schwere hohe Wagen und ihm folgte singend und schreiend und heulend alles Volk, die Hunderte von Ankömmlingen, und die Tausende von Bürgern und Bauern – alles wälzte sich unaufhaltsam gegen die Stadt zu: der Bischof und sein Gefolge vermochten weder seitwärts auszuweichen noch den gewaltigen Strom der wild Erregten, der Verzweifelnden aufzuhalten: willenlos wurden sie mit fortgetragen von dem wogenden Gewühl.
Viertes Buch.
I.
Jetzt gab es Arbeit für den Bischof von Würzburg, geistliche und weltliche! –