»He, Junker Blandinus! Bei Euerem Sankt Markus! Schon wieder einmal beim Kinderquälen und im Köterkampf?« rief Fulko. »Könnt Ihr denn nicht warten bis diese Kirsche reif? Noch ist sie zu sauer – wenigstens für Euch. Ja so! Warten! – In vierzehn Tagen …! Gleichviel, laßt mir das dicke Kind zufrieden oder …« »Tod und Teufel! Ich liebe das holde Geschöpf und würde sie zur Dogaressa machen, ging nicht – leider! – vorher – zufällig die Welt unter!« rief der Venetianer, blitzschnell sich wendend und die schmale Stoßklinge herausreißend. »Was geht's Euch an, Provençale! Seid Ihr des Mädchens Muntwalt oder der meine? Zieht! Was habt Ihr mich zu stören? Zieht, sag ich.« Aber Herr Fulko hatte schon gezogen und wehrte ruhig, jedoch nachdrücklich die hitzigen Stöße ab, mit welchen der Erbitterte auf ihn eindrang. »Brav, brav,« lachte der Sänger. »Das war sogar recht hübsch, dieser Doppelstoß. Aber nun ist's doch genug.« Des Venetianers Klinge flog in die Luft, Fulko haschte sie behend vom Boden auf und reichte ihm mit anmutiger Verbeugung den reichvergoldeten Griff hin; beschämt steckte sie der Entwaffnete ein.
»Seht,« fuhr der Sieger gutmütig fort, »so gut wie jetzt habt Ihr mir in Eurem ganzen Leben noch nicht gefallen. Das war doch ein Anflug von Mannheit, wenigstens ein Flackerzorn, und ein ganz leidlich Fechten. Hätte Euch dabei das hübsche Kind gesehen, – ich glaube, Ihr hättet stark bei ihr gewonnen. Glaubt mir, ich mein' es gut mit Euch, junger Löwe von San Marko. Es steckt was in Euch, Ihr seid gar nicht so übel. Nur laßt – für die paar noch übrigen Tage – die verfluchte Geckerei und Ziererei! – Erst werdet ein Mann, eh' Ihr Weiber gewinnen wollt. Bei Sankt Amor, ich schelte Euch nicht drum, daß Ihr verliebt seid im Angesicht des jüngsten Tages. Es wäre recht sündhaft von mir! Aber alles hübsch nach der Reihe. Nur der Starke ist des Schönen wert! Glaubt mir, merken die Mädchen, an Eurem Auftreten gegen die Männer, Ihr seid ein Mann, dann werden sie Euch nicht mehr auslachen, tretet Ihr auch gegen sie auf mit dem Begehr, weil mit dem Recht des Mannes. Hätt' ich nur mehr Zeit, zu predigen, und Ihr, mir zu folgen. Folgt mir doch noch diese Spanne Zeit. Und nun gerade erst recht in diesen Tagen. Wenn Ihr nun in Bälde steht vor Sankt Georg, dem Erzengel, der uns Ritter unter sich hat, und er Euch fragt: ›Junker Blandinus aus Venetia, was habt Ihr beschafft auf Erden? Womit habt Ihr die zwanzig Jahre, seit Ihr Hosen tragt, ausgefüllt?‹ Ihr müßtet ja doch vor Scham in die Erde sinken (wenn sie noch da wäre!), könntet Ihr nur sagen: ›Den Mädchen bin ich nachgelaufen – und noch dazu oft sonder Erfolg!‹«
»Ihr … Ihr habt nicht Unrecht, glaub ich,« sprach zögernd Blandinus, mit niedergeschlagenen Augen, – »ich will's befolgen.« – »Wollt Ihr? Das ist recht! Morgen zieht einmal mit mir aus wider die tollen Bauern. Ich stehe Euch dafür: der Mann findet ganz gehörig zu reiten, zu fechten und zu trinken, der auf Kampf und Abenteuer zieht mit Fulko von Yvonne.«
IV.
In der diesem Abend folgenden Nacht sprengte auf der Heerstraße von dem Südthor flußaufwärts ein ungeduldiger Reiter; immer wieder trieb er den ohnehin wacker ausgreifenden Braunen zu rascherem Lauf an. –
Die Höhen gegen Randersacker hin, auf denen heute ein edler Trank gewonnen wird, überzog damals noch dichtes Gehölz: im Unterschied von dem »Königswald« auf dem linken Ufer hieß es der »Grafenwald«: denn es gehörte zu dem Amtslehen des Grafen des Waldsassengaues. Etwa eine Stunde oberhalb der Allmänndewiese bog von der breiten Heerstraße ein schmaler Reitweg links nach Osten ab und schlängelte sich durch das buschige Gelände bis zu der Höhenkrone mit ihrem finstern Urwald hinan. Diesen engen Pfad schlug der nächtliche Reiter ein.
Er mußte der Örtlichkeit genau kundig sein: denn nicht eben leicht war durch Weißdorn- und Hartriegelgesträuch der schmale Streif des Weges zu verfolgen. Freilich warf der Mond, bereits über den Höhenzug emporgestiegen, von Osten her sein phantastisches Licht auf die Abhänge gen Westen, auf die Heerstraße und den silbern glitzernden, ruhig ziehenden Fluß.
Allein der Wind trieb unablässig ziehend Gewölk über die noch nicht gefüllte Scheibe, so daß das wechselvolle Licht, geraume Zeit völlig versagend, dann wieder plötzlich auf kurze Weile grell und blendend vorbrechend aus den schwarzgrauen Wolkenflügen, vielfach mehr störte als förderte. Alsbald sah sich der Reiter, wie der Pfad steiler anstieg, genötigt, abzuspringen und das Roß am Zügel langsam bergan zu führen: trotzdem stolperte es zuweilen über die Knorrwurzeln, welche, wie dunkle Schlangen, quer über den Waldweg liefen. »Gemach, Falk! hübsch bedächtig,« mahnte er das erschrockene Tier. »Sieh, bei Tage trägst du mich! bei Nacht, im Dunkel, wie billig, führ ich dich! Treue um Treue. Erschrick nicht! Das war nur ein Glühwurm! Aber freilich, es hauset mancherlei im nächtlichen Tanne, was mit eisigem Grausen auch an die Brust des Weidmanns rühren mag. Schon mancher zog zu Walde zur Nacht – kam nicht mit heilen Sinnen wieder daraus hervor. – Ruhig, Brauner! Das war eine fauchende Eule – und was da rot leuchtet an dem alten Baumstumpf, das ist Morschholz. Vorwärts und scheue nicht! Wir sind nicht auf schlimmem Gang!« Nach einer scharfen Rechtsbiegung des Pfades ward oben auf der Höhe in einiger Entfernung ein schwach glimmendes Licht sichtbar. Dahin zog nun der Weg. –