IX.

Da ergriff es auch ihn mit der ganzen fortreißenden, ansteckenden Gewalt solch wahnwitzigen Thuns!

Er sprang mitten in den tobenden Haufen, unter jedem Arm ein paar vollgestopfte Ledersäcke, gefüllt bis zum Bersten mit goldenen Solidi, silbernen Denaren, kupfernen Pfennigen: er schnitt die Säcke mitten durch und ergoß den klingenden klirrenden Inhalt wie einen metallenen Regen unter die Leute: ja, zuletzt riß er einen kleinen Leinensack, den er sorgfältig verwahrt auf der nackten Brust nachts wie tags getragen hatte jahrzehntelang, von der Schnur ab, öffnete ihn und streute Perlen und Juwelen mit vollen Händen unter die Menge: wie blitzten, wie funkelten die lichten Steine in dem roten Glast der Flamme!

»Nehmt doch,« schrie er dabei mit scharf ergellender Stimme. »Nehmt, ihr Leute! Lest auf! Hier Gold! Da Silber! Hier Smaragden – o schöne Smaragden aus Askalon! kostet mich der große da … ach ich weiß nicht mehr, wie viel! Nicht ins Feuer werf ich's, wie die Närrinnen dort. Wie schlecht verstehen sie sich auf ihren Seelenprofit! Ich – schau her, Jesus von Nazareth, und hör' auf mich! – ich schenk es den Armen, zum Heil meiner Seele! Siehst du's auch wohl genau, Galiläer, in all dem Qualm? Diamanten sind sogar dabei und viele blaue Saphire! Ich bin der Schenker, ich, dein Renatus, du Sohn Gottes! Ich bin wohlthätig gegen die Armen, ganz wie du es hast befohlen, Rabbi. Ihr Leutchen, tretet's doch nicht mit Füßen! Kauft euch Brot, Wein, Fleisch! Siehst du's, Sohn Marias der Jungfrau, wie ich speise die Hungernden? Hier du, Alter, – wie bist du zerlumpt! – nimm diesen Topas und kaufe dir einen Mantel. Schau' her, Stern von Bethlehem und, du heiliger Geist, seht her wie ich kleide die Nackten. Hab' ich früher wohl genommen mehr als sechs oder zwölf! – ach ja! es war manchmal wohl mehr, – vom Hundert, – ich mach' es jetzt gut millionenfach. – Und, Herr Christus, hier – schau hier! – bist ja allgegenwärtig, sagen sie! Hier ist der Auszug aus dem Taufbuch – weißt du? – aus deiner großen Kirche zu Mainz« – er riß ein Pergamentblatt aus dem Brustlatz und hielt es ausgebreitet mit beiden erhobenen Händen gen Himmel: – »hier! hat's doch geschrieben deines Herrn Bischofs – nein, Erzbischofs sogar! – eigene Hand: – wie heißt er doch gleich! Nun, Christus, du mußt es ja wissen! Willigis heißt er! Dein frommer großer Willigis selbst hat mich getauft. Ich bin getauft: ich kann's dir beweisen! Also mußt du's gelten lassen. Und ich glaube auch an dich, o ja! Nicht immer hab' ich geglaubt. Aber heute – jetzt – glaub' ich. Ich zittere, aber ich glaube. Ich möchte lieber nicht glauben, aber ich muß!«

Nun wandte er den Blick vom Himmel wieder auf seine Umgebung: »Was!« schrie er und das dichte, kohlschwarze, struppige Haar sträubte sich ihm. »Was? Sie nehmen es gar nicht! Sie bücken sich nicht nach meinen Saphiren! Sie zertreten – wehe, wehe geschrieen! meine Perlen, meine weißen Edelperlen, meine Zahlperlen aus Damaskus! Wie! Ihr stoßt gegen mich mit den Ellbogen? Ihr Undankbaren! Nehmt doch, gute, edle Herren, schöne Frauen, nehmt: – wenn nicht für euch – aus Barmherzigkeit gegen mich, daß ich kann ausrechnen morgen vor dem Zimmermannssohn, – ach nein, vor dem Sohn Gottes, dem Messias! – gegen kleinen Wucher großmächtige Wohlthätigkeit und abziehen von meinem armen winzigen Betrug zu Frankfurt dieses unsinnig reiche Almosen. Ach wehe! Sie hören gar nicht auf mich! Sie lassen's liegen – im Kot! O Christus, ich kann doch nicht dafür, daß sie nicht wollen? Ich habe gewollt – Gutes thun.« Da brach er ohnmächtig auf das Gesicht nieder, Geifer und Schaum standen ihm vor dem Munde.

Die tobende Menge, die sein kaum geachtet hatte, würde ihn zertreten haben: aber da warf sich, aus dem Hofthor hervoreilend, in den dichtesten Haufen eine hohe Gestalt in dunklem Gewand: furchtlos sprang sie unter die Rasenden, ergriff mit beiden Armen des Bewußtlosen Haupt und zog ihn – ihn aufzuheben vermochte sie nicht – quer über den Platz und durch das Hofthor, das sie sorgfältig hinter ihm verschloß. Sie besprengte seine heißen pochenden Schläfe mit Wasser aus dem nahen Brunnentrog: da schlug er die Augen auf.

»Er lebt!« frohlockte die alte Frau. »Er lebt, mein Isaak, meines Manasse Blut! Gott meiner Väter, ich danke dir: deine Gnade währet ewiglich! – Zwar wie wird er rasen übermorgen, wann er sieht, die Welt, Jehovahs weises Werk, ist nicht untergegangen – denn ich habe nachgelesen in den Rollen und kann es nicht finden darin und kann es nicht glauben! – und er hat geworfen all sein Geld und Gut auf die Straße! Er wird verfluchen sich und Gott und die Welt, und mich wird er schlagen, grausam schlagen! Aber! – nun ist er eingeschlafen! – wie schwer er atmet! – aber verzweifle nicht, mein armer Liebling. Nun ist es doch gut, daß die alte Mutter – wie hast du oft gescholten ihre Dummheit! – dir nie hat aufgedeckt den großmächtigen Schatz, den dein Vater hat vergraben als Notpfennig tief unter dem alten Birnbaum im Wurzgärtlein! Das wird dich trösten in deiner Trübsal und du wirst streichen der alten Mutter Kinn, daß sie dich errettet von dem Bettel. Und wirst erkennen, daß es nichts ist mit dem Glauben der Christen und daß sich geirrt hat der große Bischof in Rom und geirrt hat auch der gute Herr Bischof hier, als er ihm folgte. Und wirst einsehen, daß da ist kein anderer Gott als der Gott deiner Väter, Jehovah ist sein Name, der hat über dich gebracht, wie einst über Hiob, diese Prüfung zu deiner Läuterung. Verloren hast du viel Geld, aber zurückgewinnen wirst du deinen Glauben. Und wirst thun nach dem Rat deiner alten Mutter und abschütteln von deinen Schuhen den Staub dieses Landes, wo wir doch immer, ob wir nun verleugnen unsern Glauben oder ihn bekennen, werden bleiben Fremdlinge und Verachtete, in diesem wilden Volk der Gojim, der Waffengewalt, und wirst nehmen den Wanderstab und wirst mit mir wandern an den Jordan, wo die Palmen rauschen, und wirst begraben mit frommen Händen deine alte Mutter am Jordan unter rauschenden Palmen.«


Als bald darauf Fulko und Blandinus – denn der war in den Waffendienst Herrn Heinrichs getreten – mit einer Schar von bischöflichen Reisigen erschienen, die rasende Menge auseinandertrieben, und das Feuer, das bereits das Holzkreuz ergriffen hatte und den Kornhof schwer bedrohte, löschten, da vernahmen sie aus den geschlossenen Läden des Judenhauses einen leisen eintönigen Gesang. Sie verstanden die hebräischen Worte nicht: allein sie lauschten, tief ergriffen, dieser eigenartigen fremdartigen feierlichen Weise; der Sinn der Worte aber war: