Der andere trat näher, langsamen Schrittes. Die starren Züge des langen, hageren, gelbfahlen Gesichtes blieben unbeweglich, die schmalen Lippen öffneten sich kaum, die tiefschwarzen Augen hielt er streng zu Boden gerichtet, als er sanft erwiderte: »ich darf nicht anders. – Euer Vorgänger, der hochselige Herr Bischof Bernwart, hat mir solches Gebahren besonders auferlegt zur Buße für meine hochfärtige Überhebung.«
»Ja, ja,« lächelte Herr Heinrich – und die freundliche Heitre stand dem wohlgebildeten Antlitz, den feinen Zügen herzgewinnend gut, »Mein gestrenger Oheim war ein stolzgemuter Herr« – »Er durfte es sein. – War er doch ein Graf von Rothenburg, – wie Ihr.« Der Bischof zuckte die Achseln: »Edle Geburt ist wertvoll.« »Ha, wirklich?« flüsterte der Priester, aber ganz unhörbar. –
»Doch ist sie kein Verdienst. – Aber er hatte dich im Verdacht, Archidiakon«, – und er hob mit lächelnder Drohung den Finger – »erstens schon bei seinen Lebzeiten Bistum und Bischof beherrschen und zweitens um jeden Preis sein Nachfolger werden zu wollen.« – »Was doch nur abermals ein Rothenburger werden sollte.« Ganz tonlos und unterwürfig kam das aus den kaum geöffneten Lippen. Aber der Bischof schüttelte lebhaft das Haupt und hob, schmerzlich berührt, in Abwehr die Hand: »Da irrst du, Freund. – Mein Oheim konnte nicht ahnen … War ich doch ein Kriegsmann! Ein Mann der Staatskunst …« – »Und was für einer! In keiner Heerfahrt des Kaisers Otto des Roten und des jungen Otto fehltet Ihr auf deutscher, wendischer und zumal auch meiner italischen Heimaterde. Wie oft ginget Ihr als der Frau Kaiserin Theophano Vertrauter in Gesandtschaft nach Rom, ja selbst nach Byzanz!«
»Also!« unterbrach Herr Heinrich, kopfschüttelnd. »Mein Ohm und ich – wir dachten wahrlich nicht daran, daß ich weltlicher, mit viel Schlachtenblut befleckter Mann jemals geistlich, vollends Nachfolger des heiligen Burchhard werden würde. Du – Archidiakon, es ist wahr – hattest das nächste Anrecht auf diesen Stuhl.« – »Kaiser Otto der Junge dachte anders, weiser – als er Euch – noch nicht sehr lange trugt Ihr geistlich Gewand – das Bistum gab.« Der Rothenburger seufzte: »Ja: Er gab es mir.« Beschwichtigend fiel der Archidiakonus ein: »Ihr seid vom Kapitel gewählt.« – »Ja, ja, aber warum? Weil der Kaiser es wünschte.« – »Nachdem er und die Regentin so sehr überrascht waren durch Euern Rücktritt aus der Welt.« »Sieh, Berengar,« fuhr der Bischof fort, »das ist es ja, was mir den Entschluß so schwer macht. Er – der König – setzt mich in dies Würzburg, vertrauend, daß ich sein Recht und seinen Vorteil hier nach Kräften wahre. Und nun soll ich Stadt und Grafschaft ihm entreißen!« Der Archidiakon glitt geräuschlos näher; scharf richtete er auf den Ringenden die dunkeln Augen, die unter kohlschwarzen, streng regelmäßig geschwungenen Brauen hervorblitzten. »Verzeiht,« sprach er ruhig, »Herr Bischof: das ist nicht bischöflich geredet.« – »Mag sein! Aber es ist ehrlich gedacht: – mit Gedanken treuer Lehenschaft.« – »Ihr aber seid vor allem Sankt Peters Vasall! Von ihm, nicht vom deutschen König oder römischen Kaiser, tragt Ihr den Bischofstab zu Lehen. Sankt Peters und Eures großen Vorgängers, Sankt Burchhards, Recht habt Ihr zu wahren, auch gegen des Königs Vorteil. Und nicht im Recht, im Unrecht ist der König! Gedenkt des Briefes Kaiser Karls! – Scharf sah ich es, wie ich eintrat: – er hatte Euch gerade wieder beschäftigt! Diese ehrwürdige Urkunde giebt Euch nicht nur das Recht, – hört es, Herr Bischof! – sie legt Euch die Pflicht auf, in jenen Kampf einzutreten und nicht zu rasten noch zu wanken, bis Ihr Gott erstritten habt, was Gottes ist. Dem Kaiser bleibe, was des Kaisers ist.« – »Dann bleibt ihm wenig genug in Stadt und Gau!« – »Gleichviel! Habt Ihr des Kaisers Sache zu führen oder die der heiligen Kirche? Wollt Ihr, nachdem Ihr das gute, klare Recht des Bistums entdeckt habt, es diesem Bistum vorenthalten – aus Schwäche, aus Menschenfurcht?«
Unwillig fuhr der Bischof auf und griff an die Stelle, wo er einst im Wehrgehäng das Schwert getragen hatte.
»Verzeiht: aus Liebe zu diesem Kaiserjüngling vorenthalten, was der große Karl aus Ehrfurcht vor Sankt Kilian und Sankt Burchhard dem Stuhle zugewandt? Erkennt Ihr nicht den Finger Gottes darin, daß er Euch – gerade Euch! – durch Zufall, – sagen die Weltleute – durch ein Wunder der Heiligen, ziemt uns Geistlichen zu sagen – in der Kämmerei, unter altem wertlosem Gerät und Gerümpel dieses kostbare Pergament auffinden ließ?«
»Ja, es ist erstaunlich,« sprach Herr Heinrich nachdenksam, das Kinn in die linke Hand schmiegend. »Ist wirklich wundersam! Unter Bischof Dietho – vor achtzig Jahren – verbrennen mit dem damals erst seit siebenundzwanzig Jahren vollendeten Dom – hier, an der Stelle des jetzigen, stand auch er – in der Sakristei alle Urkunden des Bistums, aber auch alle! So daß, als Bischof Burchhard der Jüngere, der wackere Henneberger, vor etwa zwei Menschenaltern dies Gotteshaus hier neu erbaute, auch nicht Eine Urkunde, nicht Ein Beweismittel für all unsere Rechte vorhanden war: mußten alle vom König, von den Erben der anderen Schenker und Verleiher neu ausgestellt werden – auf vieles Bitten meiner Vorgänger. Und nun muß ich vor wenigen Monaten in einer alten Truhe der Kämmerei unter abgetragenen, zerschlissenen Meßgewändern und angebrannten Altardecken dieses unschätzbare Kleinod auffinden! Wie kann das aus der Bücherei oder aus dem Archiv dahin geraten sein?«
Berengar zuckte die Achseln: »Wer soll das wissen? Vielleicht gelang einem der Brüder die Rettung dieses wertvollsten Stückes aus dem brennenden Archiv: – er selbst mag darüber umgekommen sein.« »Ja, ja,« bestätigte der Bischof, »es sind mehrere bei dem Brand erstickt, und zwar gerade auch – in der Kanzlei – der Protonotar, der dem ganzen Urkundenwesen vorstand, der pflichtgetreue Bruder Skapelarius.« – »Die Kämmerei lag auch damals im Erdgeschoß – die Urkunde, in die Altardecke gewickelt, kann von dem Kanzleifenster – hier, im ersten Stock – in das offene Fenster der Kämmerei geworfen worden sein, als der Protonotar, der sie retten wollte, erkannte, daß er selbst nicht mehr zu entkommen vermöge.«
»Klingt ganz glaublich! – Aber weshalb lassen die Heiligen die wichtige Urkunde sechzig Jahre verborgen bleiben und sie auffinden gerade durch meine weltliche, schwertgewohnte, vom Schlachtenblut befleckte Hand?« – »Gerade darin erblickt und verehrt die weise Fügung der Vorsehung.« – »Wie meinst du das, Archidiakon?« »Heinrich von Rothenburg,« erwiderte dieser feierlich, wieder leis einen Schritt näher gleitend, »gebt der Wahrheit die Ehre, hier im Kämmerlein vertrauter Zwiesprache: mehr vom Kriegsmann, als vom Geistlichen, mehr vom Staatsmann, denn vom Priester, mehr vom rechts- und waffenkundigen Grafen, als vom Bischof habt Ihr an Euch – immer noch!« »Ja, leider,« seufzte Herr Heinrich demütig, »immer noch!« »Weshalb – vor fünfzehn Jahren etwa – der tapferste Graf über alles deutsche Land, die rechte Hand der schönen Kaiserwitwe und Reichsregentin, Frau Theophano, plötzlich das Schwert ablegte und Priester ward – – kein Mensch weiß es …« Er zögerte: er schien gespannt auf Auskunft zu warten. Allein Herr Heinrich sprach nur leise zu sich selbst: »Aber Gott weiß es« und drückte die schwermütigen Augen zu.
Der Welsche wartete noch eine Weile: da aber der andere beharrlich schwieg, fuhr er fort: »Aus der Haut konntet Ihr eben nicht fahren, wie aus der Brünne, auch nicht, als Ihr, nach kurzer Priesterzeit, hier Bischof wurdet. Nach wie vor weilen Eure Gedanken noch häufiger bei Recht und Gericht und weltlicher Wohlfahrt und weltlicher Gewalt, denn bei Beten und Büßen und bei dem Jenseits.« »Leider!« wiederholte Herr Heinrich betrübt. »Nein, nicht leider: zum Heile dieses Bistums! Seht Ihr denn nicht? Deshalb eben führten die Heiligen Kaiser Karls Verleihungsbrief gerade in Eure starke Hand! Euch, Eurem weltkundigen Sinn vertraute Sankt Burchhard, Eurer weltlichen Klugheit, Eurer frischen Manneskraft seine Rechte an, nicht Euren Vorgängern, meist mönchischen weltflüchtigen Psallierern. Der Bischof, nicht der Graf, muß herrschen über diese Mainstadt und den Waldsassengau, darin sie liegt. Vor allem über die Stadt! So wollte Kaiser Karl! So will es Gott! Seht hier auf diesen Plan der Stadt« – er wies auf eines der Pergamente, die auf dem Tische ausgebreitet lagen – ein langes Jagdmesser war darüber gelegt, es auseinandergespreitet zu halten – »Ihr selbst habt ihn – mit der Hand des kundigen Feldherrn – entworfen: glaubt Ihr, es ist ohne Bedeutung, daß die Stadt ein Fünfeck bildet, genau wie Eure Bischofsmütze, die dort liegt, Herr Heinrich?« »Spiel des Zufalls!« erwiderte dieser. Aber der Einfall behagte ihm. – »Ihr seid der Mann, des Bistums Recht zu wahren, mit scharfem Wort und – muß es sein – mit scharfem Schwert. Sankt Burchhard, Sankt Kilian, Sankt Petrus, ja Gott selber rufen Euch in diesen heiligen Kampf. Heinrich von Rothenburg, der Mann ist ein Felon, der irdischem Lehnsherrn die geschuldete Heerpflicht weigert: Heinrich von Rothenburg, willst du sie dem himmlischen Lehnsherrn weigern?«