Es war ganz still um dieses Paar; hier sang keine Nachtigall. –
Plötzlich schlug an beider Ohr von Süden her ein schriller gellender Hornruf. »Horch! Was war das?« rief Edel, erbleichend und sich hoch aufrichtend. Beide wandten sich nun flußaufwärts nach der Richtung des Schalles. Alles still. Da flammte in der Ferne rote Lohe auf. »Der Weltenbrand!« rief Edel. Aber im selben Augenblick antworteten dem ersten Hornruf zwei, drei lautere dem Paar erheblich näher. »Nein!« rief Hellmuth. »Gut kenne ich den wilden Ton! – Das sind wendische Hörner! Sie blasen den Kriegsruf. Und schau: dort brennt ein zweites – wie rot! – ein drittes Feuer auf – dort liegen die Höfe des Randahar – es sind ihre brennenden Strohdächer. Das sind wendische Plünderer! Sind ja Heiden, glauben nicht an das Weltgericht. Und horch nur! Ich meine …« Er warf sich zu Boden und drückte das Ohr fest auf die harte Heerstraße. Sofort sprang er wieder auf. »Kein Zweifel. Reiter sprengen heran! Viele, sehr viele! Die Erde dröhnt von Hufengestampf. Das sind nicht die himmlischen Heerscharen und nicht die Teufel der Lüfte. Auf, Edel, rasch! In diese Hände darfst du nicht fallen.«
Er hob sie auf das Pferd und schwang sich hinter ihr in den Sattel. »Wohin? Was willst du thun?« fragte sie. »Ich warne die Stadt und Herrn Heinrich.« Und schon jagte der treue Falk sausend zurück nach dem Südthor. Funken stoben unter seinen klirrenden Hufen aus den Kieseln der Straße, weithin flog Edels weißer Schleier nach.
VI.
So war es Hellmuth gewesen, welcher zuerst den Turmwart des Südthors gewarnt und auf die nahenden Feinde merksam gemacht hatte.
Er führte die bleiche schweigende Edel in die nahe Kirche in jener Vorstadt der Heiligen Petrus, Paulus und Stephanus. Hier, dicht bei dem Südthor, fanden sich alsbald viele Frauen und Mädchen der Stadt aus den nächsten Höfen, aus dem Dom und den andern Kirchen zusammen: denn hier war man sicher, zufrühest Nachricht von dem Gefecht zu erhalten, sowie den Bischof und die Seinen bei ihrer Heimkehr zuerst zu begrüßen. Hierher führte auch Fulko die Geliebte, die er schon außerhalb des Nordthors vom Rosse gehoben und gar sittsam durch die von den zusammenlaufenden Bürgern belebten Teile der Stadt geleitet hatte; bereits vorher war hier aus dem Dome mit ihren Frauen der beiden Mädchen mütterliche Freundin, die Gräfin Heilfriede, eingetroffen.
Als der Bischof das Thor hinter sich gelassen hatte und nun auf der Heerstraße ungestüm vorwärts sprengte, – vor ihm mit brennender Fackel Blandinus – da drängten Hellmuth und Fulko von rechts und von links ihre schnaubenden Rosse an seine Seite. »Gut, daß ihr da seid. Willkommen, tapfre Junker, im letzten Gefecht,« rief er ihnen freudig zu. »Herr Heinrich,« erwiderte Hellmuth, »wollen wir nicht warten, bis von den Bürgern einige heran sind?« Höchlich erstaunt, ohne im Vorwärtsjagen einzuhalten, sah der Bischof zu ihm hinüber: »So redet Hellmuth vom hohen Horst? Um eine kleine Rotte schlecht gewaffneter Bauern zu zersprengen …?« – »Herr, es sind nicht Bauern. Und nicht eine kleine Rotte! Da! Hört Ihr das Horn? Wenden sind's.« »Gewiß die Söldner Zwentibolds!« rief Fulko. »Das wolle Gott nicht!« stammelte der Bischof und erbleichte, … aber nicht aus Furcht. »Da vorn – rechts – brennt schon wieder ein Hof!« rief Blandinus mit der Fackel deutend. »Das ist, mein' ich,« riet Fulko, »das Haus des Zeidlers Wulfilo, des Nachbars von Frau Ute. Arme Fullrun, wie mag es dir ergangen sein! Halt, holla! Hier geblieben, Signor Blandinus!« und er fiel dem Venetianer in die Zügel, der bei jenem Namen, laut aufschreiend, den Gaul spornend, nach rechts hin über die Wiesen davonjagen wollte: »Jetzt heißt's, beisammen bleiben! Wollt Ihr allein die Wenden schlagen?« »Das Kind wird Gott beschützen,« pflichtete der Bischof bei, »wir kämen zu spät.« »Da! Da sind sie schon!« rief Hellmuth. »Jawohl,« lachte Fulko, das Schwert ziehend. »Jetzt hat sie der Teufel schon da.« »Weiß Gott, die Wenden!« stöhnte der Bischof dumpf. »Und wie viele!« rief Fulko. »Jetzt, Freund Hellmuth, jetzt heißt's fechten.« »Ja! Gott sei Dank! – Das wollen wir,« antwortete der mit blitzenden Augen. »Wohlan!« sprach der Bischof. »So mögen sie denn zum letztenmal auf Erden schmettern, die deutschen Drommeten. Bald schallen die himmlischen Posaunen darein!«
Noch nicht gleich kam es zum Zusammenstoß: die vorausgeschickten Reiter der Slaven jagten zurück, offenbar, ihrem Führer Meldung zu bringen. Und der Bischof gebot Halt, seine Fußknechte nachkommen zu lassen. Wie er das Ganze übersah, mußte er erkennen, daß sein kleines Häuflein doch in recht schlimmer, aufs höchste gefährdeter Lage war.