»Da schaut!« rief Rosbertha. »Wer fährt dort davon – gegen das Ostthor hin – in dem Wagen, – dem leinwandüberzogenen?« »Das ist Isaak, der Jude,« antwortete Bezzo. »Aber Vater, er ist ja getauft,« mahnte Rosbertha. – »Bah, scheint nicht geholfen zu haben auf die Dauer.« »Wieso?« fragte Gericho. »Er fehlte nie in der Dommesse.« – »Wohl! Aber jetzt – wißt ihr's noch nicht!« »Nein! Was denn?« fragten viele Stimmen zugleich. »Heute früh,« erzählte Bezzo, »kam seine Mutter zu meinem Röschen da –« »Die wackre Frau!« rief das Mädchen. »Hat mir oft die frühverstorbene Mutter ersetzt.« – »Und teilte ihr mit, sie und ihr Sohn verließen für immer die Stadt, ja sogar das Reich. Sie gingen nach Jerusalem. Ihr Sohn … –« »Er war oft recht wenig freundlich gegen sie!« schalt Röschen. – »Ja, aber jetzt sei er ganz lammfromm und so voll Ehrfurcht und Gehorsam gegen seine alte Mutter! Und die Alte übergab meiner Tochter eine Schrift: für den Herrn Bischof – es kann ja niemand zu dem Sterbenden! – darin verschenkt Renatus seinen Hof in der Stadt und alles, was drin steht und liegt: aber an wen? Nicht an die Heiligen, nicht an seine Glaubensgenossen, die Christen! Nein! Der Herr Bischof soll alles verkaufen und der Erlös soll eine Stiftung werden zur Unterstützung armer – Juden in Stadt und Bistum. Da grüßt die Alte nochmal mit der Hand aus dem Wagen! Nun, gute Fahrt nach Jerusalem!«
»Ob der Herr Bischof das wohl so ausführt?«
»Gewiß! Wenn er mit dem Leben davon käme. Aber …« – »Man sagt, es steht sehr, sehr schlecht!« – »Ja! Das Messer, das seinen Hals traf, soll vergiftet gewesen sein. Er muß sterben!«
»O der arme, brave Herr!« klagte Rosbertha. »Der herrliche Held!« rief Gericho. – »Seine beiden Junker pflegen ihn.« – »Und Herr Blandinus.« – »Nein. Der liegt selber wund danieder.« – »Wo? Im Bischofshause?« – »Nein! Bei Wartold draußen. Er eilte, sowie der Bischof zurückgebracht war, dorthin. Der Knecht Wartolds erzählte es mir, der in die Stadt lief, einen Arzt zu erbitten von den grauen Mönchen.« »Ja, ja,« lächelte Röschen. »Der Junker strich immer hinter der runden Runel drein.« »Blandinus kam eilends, um zu sehen, was aus ihr geworden,« fuhr Gericho fort. »Als er sie heil und unversehrt fand, atmete er tief auf und brach zusammen. Er hat sich in dem Strauß – hätt's ihm nicht zugetraut! – manchen Hieb und Stoß geholt. Nun liegt er draußen in dem Gärtnerhaus und die schlimme Runel pflegt ihn und weint dabei, daß ihr die hellen Thränen über die dicken Backen laufen und Schnufilo – sonst eben nicht sein Freund! – leckt ihm die Hände. So erzählte der Knecht, selbst voll Staunen. Ja, ja! es hat sich gar manches gewendet mit der Sonne in dieser Sonnwendnacht.«
»Aber sagt,« fragte Bezzo, »wie konnte es nur geschehen, daß die Leute in dem Gärtnerhof verschont blieben, während doch die Wenden … –?« »Da kommt der alte Wartold selbst!« rief Gericho. »Mit einem großen, wunderschönen Strauß von Lilien,« sprach das Mädchen. »Kommt, Vater Wartold, Ihr seid müde. Man sieht's an Eurem Schritt. Setzt Euch ein wenig zu uns, hier, auf den Brunnenrand. Wir rücken zusammen. Erzählt uns doch, wie es Euch ergangen. Ihr seid gar seltsam bewegt.«
II.
»Dank euch, danke, gute Leute,« erwiderte der freundliche Greis, mit dem sanften, rosigen Gesicht, vom weißen Haar umwallt. »Bewegt! Ja, liebe Nachbarn! Welch Gemüt soll da nicht bewegt sein, bei so wunderbarer Führung durch den Herrn? Den Bruder hab' ich diese Nacht verloren und die alte Großmutter: und doch hab' ich Gott für reiche Gnade zu danken.« »Erzählt, erzählt!« drängten alle. »Ja, ja,« begann er langsam. »Wunderbar sind die Dinge verlaufen in dem kleinen taubenumflatterten Haus. Es war schon fast dunkel geworden, da sprach ich zur Großmutter: ›Mutter Ute, gebt mir Urlaub, mir und dem Kind Fullrun.‹ ›Wohin, mein Sohn?‹ fragte sie. ›Die Stunde des Gerichtes naht. Wir wollen sie doch miteinander erwarten und erleben.‹ ›Gewiß!‹ tröstete ich. ›Lange vor Mitternacht sind wir zurück. Ich habe noch eine dringende Arbeit.‹ ›Aber Wartold!‹ mahnte die Gute. ›In ein paar Stunden ist alle Menschenarbeit zunichte, und ihre Frucht vergeblich.‹ ›Nicht die meine, Mutter,‹ erwiderte ich. ›Sieh, unsere Lilien hier im Garten sind verblüht und versengt vor der Zeit. Es war gar so heiß in diesen letzten Tagen und so trocken hier oben und staubig neben der großen Straße. Ich gehe hinunter an den Fluß und hole frische aus meinem Neugarten dort. Soll ich die Stirnen der Seligen mit welken Lilien schmücken? Für meine Friedlindis ist nur das Schönste schön genug.‹ In dem weit abgelegenen Neugarten angelangt mit dem Kinde, konnt' ich mich lange nicht trennen von meinen Blumen, geraume Zeit, nachdem ich die schönsten ausgesucht und geschnitten. Auch die ich stehen ließ, sprengte ich – zum Abschied! – noch mit Wasser aus dem Fluß.
Als ich nun mit meiner Arbeit zu Ende war und allmählich an die Rückkehr dachte, da loderte in der Ferne südlich von unserem Höflein eine rote Flamme in den dunkeln Nachthimmel: bald folgte, immer näher rückend, der Heerstraße entlang, eine zweite, dritte: und während wir noch zagend berieten, was das zu bedeuten habe, drangen auch schon von der Stadt her die Waffenrufe der Wächter auf den Walltürmen, ja bald auch von der Straße her verworrener Lärm, Schreien, Waffenklirren an unser Ohr. Erschrocken barg ich mich und vor allem mein holdblühendes Kind in den dichten Gebüschen des Gartens: – denn daß hier Räuber und Feinde drohten, war mir bald klar: ich dachte es seien die schlimmen Bauern! – Hier lauschten wir, bis der Lärm, der unverkennbare, eines scharfen Kampfes vertoset war: jetzt erst wagte ich – immer noch sehr vorsichtig – den Rückweg einzuschlagen. Wir trafen unseren Hof unversehrt: so weit waren die Wenden nur auf ganz kurze Zeit vorgedrungen, wir fanden bloß die Spuren weniger Rosse im Sandweg des Gartens, der alten Frau thaten sie nichts zuleid.« »Aber wehe, trafen sie Fullrun!« rief Gericho. – »Das nächste Haus, etwa dreihundert Schritte weiter südlich, stand in hellen Flammen: wie staunten wir, als wir die blinde Frau auf der Schwelle aufrechtstehend fanden: ihr weißes Haar flog im Nachtwind: sie wies mit der ausgestreckten Rechten auf die rote Flammensäule und rief: ›Seid ihr endlich zurück? Ich erwarte euch schon solange. Sehet ihr, sehet ihr? Alles erfüllt sich wie mein Konrad gesagt. Der Tag des Gerichts, der Tag des Herrn ist angebrochen. Hörtet ihr nicht das Gefecht? Und die Drommeten der Engel des Herrn? Ich hörte sie vorbeirasseln auf ihren Rossen, hörte ihre Waffen klirren: sie haben gekämpft gegen die Unholde des Abgrunds: grell schrillte deren Geschrei – wie einst der Hunnen! – in mein Ohr: sie waren schon ganz nah: – ich meine, ich hörte sie im Garten. Die Teufel sind geworfen und geflohen. – Dort aber – dort – von wo der Rauchqualm herweht – dort – ich seh' es mit den Augen der Seele! – da nahet in flammenden Lohen, im weißen Gewande der Seligen mein Kurt, das Mägdlein trägt er – wie damals – auf dem Arm! Er holt mich! Er winkt! Er ruft mir. Ich komme. Du hast wahr gesprochen: im Sterben seh' ich dich wieder. Ich komme.‹ Und sie sank, ein selig Lächeln um die Lippen, zurück in meine Arme und war tot.« Und er weinte bittre Thränen, der alte Mann.
»Welch schöner Tod!« schluchzte Rosbertha, sich an ihren Schatz schmiegend und die Augen wischend.