»Die schönsten meiner Lilien wand ich um ihre Stirn. Diese hier bring ich dem guten Herrn Bischof – ach! für seinen Dom waren sie bestimmt: – nun werden sie wohl seine Totenbahre schmücken.« »Und was ist mit Eurem Bruder?« fragte Gericho. »Der Knecht erzählte – ist es wahr? … er ist nicht gefunden worden unter der Rabenesche?« »Es ist so,« nickte Wartold. »Weder er noch Giero, sein Hund! Ihr wißt, der Baum steht nahe dem Fluß: – es schien auch eine Blutspur über die Wiese an das Ufer zu führen. Aber vergeblich suchte ich mit dem Knecht und den Nachbarn das ganze Ufer ab, vergeblich mit den Mainschiffern – die kennen gut die Wirbel und die Löcher im Bette – auch den Fluß. Ich wollte doch so gern die Leiche in geweihter Erde bestatten, aber wir fanden nicht Mann, nicht Hund. Und schon – gleich nachdem das fruchtlose Suchen vorüber war« – – er erschauerte und bekreuzte sich. »Nun? was geschah?« forschte Röschen in bangem und doch süßem Gruseln. – »Nichts geschah, liebes Kind. Aber die Nachbarn, die Schiffer, alle, die davon hören, raunen – – –«
»Nun was raunen sie denn? Sagt's doch geschwind!« – »Ihr wisset, der Rabenbaum ist der Sitz – ist geweiht dem … –« »Den man nicht nennen darf!« warnte das Mädchen und schlug rasch wieder ihr Kreuz. – »Nun, eben dem soll – sagen sie – mein armer Bruder längst seine Seele geweiht haben. Und der – sagen sie – habe ihn geholt, samt seinem Hund, ewig mit ihm zu jagen. Ja, ein Schiffer, der sich im Mainschilf vor den Wenden verborgen hatte, will gesehen haben, wie noch vor vollem Sonnenaufgang zwei Raben –« »O weh!« schrie das Mädchen. »Das sind seine Begleiter.« – »Vom Feuerschein der brennenden Dächer grell beleuchtet über das tosende Schlachtfeld hin geflogen sind und auf der Esche aufgebäumt haben. So betet manchmal, liebe Nachbarn, betet für meines armen Bruders Seele.«
III.
In Vertretung des Bischofs hatten Hellmuth und Fulko alle erforderlichen Maßregeln getroffen.
Die Toten vor dem Südthor wurden bestattet, die Spuren und Schäden des Kampfes nach Möglichkeit getilgt. Hellmuth ritt als Herold, einen Drommetenbläser voran, durch die Straßen, verkündete den in der Stadt Verbliebenen, zu welchen doch nur wirre, abgerissene Kunde der Ereignisse dieser Nacht gelangt war, feierlich das Geschehene und forderte alle Burgensen auf, mit Weibern, Kindern, Knechten und Mägden in den Dom und in die übrigen Kirchen und Kapellen der Stadt zusammenzuströmen, wo überall Dankgottesdienst gehalten werden sollte. Sie sollten beten für die Erhaltung ihres tapfern Bischofs, der, ein echter Hirte, sein Blut gelassen in Verteidigung seiner Herde, – und den nur ein Wunder Gottes noch vom Tode retten könne.
Es war allbekannt, die kurzen Wurfmesser der Wenden waren vergiftet. Und als der Wunde schon während er, von Blut überströmt, auf einem breiten und langen Standschilde von sechs seiner Reisigen behutsam in die Stadt zurückgetragen wurde, das Bewußtsein verlor, da gaben seine Getreuen ihn verloren. Und man wagte doch nicht die tödliche Klinge aus der Wunde zu ziehen: man fürchtete, alsdann werde der Bischof, der schon sehr viel Blut verloren, sich rettungslos verbluten. Man hatte das Lager des bleichen Mannes in dem geräumigsten luftigsten Gelasse des Dombaues, der Bücherei, aufgeschlagen: man wußte, sie war – nach dem Waffensaal, aus dessen Vorräten die Bürger waren ausgerüstet worden – der Lieblingsaufenthalt Herrn Heinrichs gewesen. Wie viele Nachtstunden hatte er hier durchwacht, den schweigenden Gang der Sterne verfolgend, ein stiller, einsamer Mann, »wachend und betend« und doch gar oft »in Anfechtung fallend«!
Der Wunde fand die volle Besinnung nicht wieder: auch nicht, als er sanft von dem Schild herab auf ein Pfühl in der Bücherei gelegt wurde; wohl war es ihm einmal, gleich beim Eintritt in die Stadt – noch unter dem Thorbogen – gewesen, als beuge sich ein bleiches, schönes Frauenantlitz auf ihn herab, als fühle er eine leise Berührung ihres Mundes: – dann hatte er eine große, große Erleichterung des Atmens verspürt – aber er sagte sich gleich selbst, das sei ein Gebilde seiner Träume, des Wundfiebers.
Lange, lange Zeit lag er so. –