In dem Bischofshause sammelten sich, nachdem die weltliche Arbeit des Tages erledigt und der schuldige Dank dem Himmelsherrn dargebracht war, die nächsten Zugehörigen des wunden Mannes. Es waltete nicht nur in der Bücherei, auch in den andern Räumen des Hauses jene bange, atemverhaltende Stille, welche die Sorge um das Leben eines geliebten Kranken verbreitet; wer einmal ihren beengenden Druck lasten gefühlt auf der Seele, vergißt sein nie mehr.
In einem Vorsaale der Bücherei saßen Hand in Hand die beiden Liebespaare: sie sprachen in bangem, leisem Flüsterton.
»Wie traurig!« klagte Fulko. »Wir andern alle dürfen uns der geschenkten Welt erfreuen. Ist es doch, als habe Gott der Herr die Erde zum zweitenmal für uns geschaffen! und nur Er – der Beste von uns allen! – soll sich nicht mit uns des gesicherten Daseins erlaben.« »Ja, aber, Liebster,« koste Minnegard, verschämt das Köpflein an seiner Schulter versteckend. »Nun steht die Welt immer noch! Und die Welt und alle Leute werden schelten: – – – es ist schreckbar, wie sie alle schelten werden! Und wenn sie erst alles wüßten, wie der liebe Gott es weiß, dann würden sie gar nie mehr aufhören!«
Fest sah Edel dem Geliebten in die Augen: »Ich sage der Welt und dem Herrn Bischof, bevor er stirbt, alles. Und fürchte mich nicht.« Er drückte schweigend ihre Hand.
»Ja, das ist keine Kunst, streng Schwesterlein,« lächelte die Braune. »Erstens hat der Herr Bischof dich nie zur Nonne bestimmt: – was will er Besseres für dich als einen Eheherrn wie dieser junge Ritter Georg? Und zweitens« – sie stockte, sie errötete, und schmiegte das Haupt wieder an die Brust des Geliebten. »Nun, was, mein Liebling?« – »Kann's nicht sagen.« – »Nur mir ins Ohr – ins Herz vielmehr.« – »Die andre hat wohl nicht soviel zu gestehen: – oder doch im stillen zu bereuen: nein,« brach sie leidenschaftlich aus, »nicht soviel zu bereuen, nein, selig zu bejubeln!« Und sie küßte ihn heiß auf den Mund und umschlang seinen Nacken mit beiden Armen.
IV.
Schon fielen sie seitlich ein, die Strahlen der sinkenden Sonne des langen, langen Sommertages durch die Öffnung des Bogenfensters: – der dunkelgelbe Vorhang war zurückgeschlagen –: ein goldiger Streif spielte auf dem dunkelfarbigen Kopfpolster und berührte das bleiche Antlitz des stillen, blassen Mannes: – da holte der auf einmal tief und voll Atem und schlug die Augen weit auf.
»Wo bin ich?« fragte er matt. »Nicht im Sarg! Nein. Es ist hell. Nicht im Jenseits – nein – das ist – was da hängt – o Gott! es ist mein Schwert! – Ringsum die Wände – meine Bücherei. Ja, ja! Die Welt steht! Mitternacht war ja auch schon vorbei. Gott – ich danke, daß du die Heiden von der Stadt gewehrt – ich sah sie fliehen! – nun will ich gern sterben.« »Nein, Herr Bischof, nicht sterben. Leben sollt – leben werdet Ihr jetzt,« sprach da eine wunderliebliche Stimme und über ihn neigte sich ein sanftes bleiches Antlitz und zwei Thränen fielen auf seine Wangen. »Heilfriede! Nein, das war diesmal kein Traum. Und wir sind nicht gestorben – beide?« Sie schwebte leise an die Thüre des Vorsaals und winkte den dort Harrenden, einzutreten. »Gestorben? Nein. Gerettet seid Ihr, Herr Bischof!« jubelte Fulko und küßte seine Hand. »Gerettet durch diese Frau!« rief Edel. »Das ist gar keine Frau,« besserte Minnegard, »das ist eine Heilige.« »Ein Engel auf Erden,« schloß Hellmuth. »Und es war auch kein Traum,« lächelte die stille Frau, die nun zu seiner Linken kniete und ihm einen Heiltrunk reichte, »daß Ihr mich schon vor Stunden gesehen.« »Wir zagten, wir verzweifelten ob Eurer Wunde –« begann Fulko. »Wir fürchteten das Gift, und wußten – auch der Klosterarzt nicht – Hilfe,« klagte Edel. »Aber Frau Heilfriede!« fuhr Minnegardis freudig fort. »Weiß Gott, wie sie auf einmal, – schon im Thorbogen – da war,« rief Fulko. »Sie beugte sich sofort über Euch,« ergänzte Hellmuth. »Und obwohl der Klosterarzt verbot, das Messer zu entfernen, zog sie es sanft heraus. Viel Blut floß nach! Und dann … Ja dann! Obwohl der Arzt sie warnte, es gebe Gift, das nicht nur im Blut, auch im Magen den Tod bringe –« »Kein Wort sprach sie,« rief Fulko, »ihren Mund preßte sie auf Euren Hals und sog die Wunde aus in tiefen Zügen.«