Norden.

Karte der Marsoberfläche.
(Gezeichnet von Ed. Antoniadi, – Sternwarte zu Juvissy bei Paris.)

Wir können im Teleskope außerdem noch eine Reihe dunkler Flächen erkennen, wie auf den Hörnerspitzen der Venus und auf der lichten Scheibe des Vollmondes. Diese dunklen Gebiete auf der roten Marsscheibe nennen wir »Meere«, und wir erkennen bei näherem Zusehen, daß unser Nachbar im Weltenraume viel weniger Wasser besitzt, als der Erdball. Er hat keine offenen Ozeane mehr, sondern nur Binnenmeere, Seen und Sümpfe. Solche Marsmeere sind das mare Cimmerium (das cimmerische Meer) und das mare Erythraeum (das erythräische Meer). Ein Meerbusen ist der sinus Sabaeus (der sabäische Meerbusen). Durch ihn geht der Nullmeridian des Mars!

Bei näherer Betrachtung des Planeten finden wir weiter, daß auf ihm die Verteilung des Landes gleichfalls eine ganz andere ist, als bei uns. Auf Erden läuft alles Land nach dem Südpole zu in Spitzen aus; beim Mars aber dacht es sich sowohl nach dem Nord-, als auch nach dem Südpole zu rückenartig ab. Alles Marsland zieht sich ferner, wie ein schmaler Gürtel, um den Äquator der Marskugel herum, und es ist auf ihm mehr Land vorhanden, wie auf Erden.

Ein Unterschied ist hier aber doch vorhanden, der nämlich, daß eine allgemeine Ebnung des Geländes bereits eingetreten ist. Er ist ja auch um vieles älter, als die Erde! Kordilleren, Anden und einen Himalaja gibt es auf diesem Gestirne nicht, sondern nur Hügelland, denn die Gebirge sind dort im Laufe der Jahrtausende abgebröckelt und kleiner geworden. Auf Erden findet dieses Abbröckeln der Gebirge gleichfalls statt, und unsere Alpen haben im Laufe vieler Jahrtausende bereits die Hälfte ihrer einstigen Höhe eingebüßt.

Wir dürfen indes dem Mars einzelne hohe Berge nicht absprechen. Er besitzt sicherlich solche, die Gletscher tragen, so z. B. die »Schneeinsel« im Kepler-Ozean. –

Darauf deuten auch einzelne, im Lichte der Sonne grell aufblitzende Punkte auf dem Marsfestlande hin, die man im Marsfrühlinge und -sommer erkennen konnte.

Das Interessanteste aber, was uns heute dieses Marsfestland bietet, das ist jenes rätselhafte Geäder, das allgemein die »Marskanäle« genannt wird.

Der bereits erwähnte Astronom Giovanni Schiaparelli sah im Jahre 1877 auf der Sternwarte zu Mailand mit einem vorzüglichen Fernrohre und in der klaren Luft Oberitaliens wie von dunklen Flecken, die wir Meere, Seen und Sümpfe genannt haben, dunkle Linien ausgingen. Sie verbanden Wasserfläche mit Wasserfläche schnurgerade. Niemals endigte eine solche dunkle Linie mitten auf dem Festlande. Das ist das Seltsamste an diesem ganzen »Kanalnetze«. Schiaparelli hat diesem Geäder den Namen canale, – d. h. Rinne, – gegeben. »Kanäle« haben es später erst die Phantasten genannt! –

Im Jahre 1882 erklärte derselbe Forscher, daß er bald nach der Schneeschmelze am Marssüdpole gesehen habe, wie sich alle diese Linien verdoppelten. Das ganze Marsland sah aus, als hätte man es nach allen Richtungen hin mit Eisenbahnschienen belegt. Diese Verdoppelungen traten stets sofort und in ihrer ganzen Länge auf. Man hat gefunden, daß diese »Kanäle« bis zu 5000 Kilometern lang und bis zu 1000 Kilometern breit sein können. Der Zwischenraum zwischen einer solchen »Kanalverdoppelung« beträgt 500 bis 1000 Kilometer. Es sind also gewaltig große Wasserstraßen, wenn wir in diesem Netzwerke wirklich ein »Kanalsystem« vor uns haben! –