Und ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die Leute. Schauen auf diese aus aller Herren Ländern zusammengemischte Lustbarkeit. Lassen sich von der unaufhörlich schmetternden Musik aufrütteln, von spanischen, französischen, englischen, russischen, amerikanischen und wienerischen Melodien aufrütteln. Von spanischen, englischen und wienerischen Mädchen aufrütteln. Möchten die eigene Schwere, die eigene Bürgerlichkeit für eine Nacht wenigstens los sein und haben dennoch kein Talent zum Vergnügen, haben keinen rechten Glauben daran. Sie sitzen da und zweifeln, und überlegen, und machen mißtrauische Gesichter, ängstliche Augen, als fürchteten sie, es könne ihnen unversehens ihre Würde gestohlen werden, ihre soziale Stellung, oder als könne ihnen auf eins zwei ihre Selbstachtung abhanden kommen. Unsicher sind sie, ihrer selbst, und dieser Freuden da. Unsicher und lüstern zugleich und zugleich bereit, sich irgend etwas vorzulügen, sich einer auf den anderen auszureden. Frauen sitzen hier mit ihren Ehemännern, und machen neugierige Augen, und vergehen vor Begierde, einen Blick in den »Sündenpfuhl« zu tun, das »Laster« kennen zu lernen. Und dann haben sie, wenn sie irgendwo eine scharmante Gebärde, eine allzu deutliche Zärtlichkeit belauern, solch eine infame Milde in ihrem Lächeln, solch eine taktlose, selbstgefällige Nachsicht, daß man merkt, sie sind nur hergekommen, um sich aufzuspielen, um sich auf Kosten dieser Mädchen da überlegen zu fühlen. Wenn aber eine von den Tänzerinnen einmal zu solch einer Frau hingehen und ihr sagen würde: »Ich laß mich von Ihnen nicht ausnützen …,« man müßte es verstehen. Eine jedoch war da, und die wirkte rührend. Es war keine legitime Frau, aber offenbar schon jahrelang mit dem Manne, der neben ihr saß, beisammen. Eine Frau so zwischen dreißig und vierzig. Vielleicht früher einmal Choristin, jetzt aber an ein ruhiges Leben in behaglichen Verhältnissen gewöhnt. Noch immer schick gekleidet, mit jener Sorgfalt, die eine Frau anwendet, wenn sie abhängig ist und ihrem Freund immer wieder gefallen muß. Der Mann neben ihr an die Fünfzig, elegant, gepflegt, im Smoking. Und sie sah nun zu, wie er alle diese Tänzerinnen mit den Blicken verschlang. Eine nach der anderen. Sie sah zu, wie er diese jungen, tanzenden Mädchen musterte, prüfte, begehrte. Ein paarmal legte sie ganz leise ihre Hand auf die seinige. Er merkte es gar nicht; schien sie völlig vergessen zu haben. Um ihre Lippen bebte ein schwaches, beschämtes Lächeln. Sie spähte umher, ob niemand sie beobachtet habe. Von da an sah sie zu, wie der Mann neben ihr sie betrog, wie ihr seine Wünsche untreu wurden, vor ihren Augen. Sie sah aufmerksam diese jungen, sprühenden, in ihrer Frische entblößten Mädchen an, und ihr hübsches, verblühtes Gesicht wurde mutlos. Ihr Blick verhängte sich. Sie sah jetzt nichts mehr. Und sie saß da wie beraubt, verlassen und gänzlich entwaffnet.

Ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die Leute, und es sind unsichtbare Schranken zwischen ihnen, zwischen ihrer Welt und dieser tanzenden Welt da. Manchmal aber läßt sich einer von den ernsten Männern vom Augenblick wegraffen, springt über diese Schranke und reißt so ein Mädchen an sich, um mit ihr zu tanzen. Gewöhnlich ist es ein älterer Herr, und gewöhnlich zeigt er durch irgend einen Ruck, den er sich gibt, durch eine unsäglich düstere Miene, daß er nun den Entschluß gefaßt habe, fröhlich zu sein. Es sind immer nur zwei Spielarten, von Männern. Der eine, der es einfach aus Sinnlichkeit tut, der sich mit dem bloßen Schauen nicht mehr begnügt. Er ist immer der ernsteste von allen. Seine Brauen runzeln sich, seine Stirn legt sich in Falten, sein Mund ist fest geschlossen. Also beginnt er, das Mädchen im Arme, zu tanzen. Zornig beinahe, dreht er sie im Kreis, preßt sie an sich und wirbelt mit ihr, und scheint entsetzlich wütend. Es ist schon kein Walzer mehr, sondern eher eine symbolische Handlung, die er vollzieht, eine vorläufige Besitzergreifung etwa. Dann geht er gesenkten Hauptes an seinen Platz zurück, setzt sich nieder und schaut sich erbittert um. Der Andere ist eitel, erinnert sich plötzlich, daß er schön tanzen kann, daß man ihm in seiner Jugend wegen seines leichten Sechsschrittes Komplimente gemacht hat. Und nun tanzt er mit so einem Mädchen, aber nicht, als ob er ihr sein Wohlgefallen, sondern als ob er ihr seine Anerkennung bezeigen wollte. In seinem Gesicht ist die Hoffnung, man werde ihn bewundern. Er hält das Kreuz hohl, dreht nach links, macht zierlich ausgemessene Schrittchen, setzt die Fußspitzen preziös nach auswärts, schwingt die Waden in affektierten Zirkeln, wechselt die Gangart, das Tempo, vollführt allerlei kleine Bravourstückchen, und hört dann plötzlich auf, weil er schwindlig wird. Kreidebleich setzt er sich nieder, trinkt in kleinen Schlucken, damit keiner bemerken soll, daß er keucht und ihm der Atem ausgegangen ist.

Nachtvergnügen. Draußen in den schlafend stillen Straßen, in der kalten Winterluft zerstiebt dies alles spurlos. Eine Weile noch rauscht die Musik ins Ohr, dann wird das letzte Echo davon verblasen. Eine Weile noch schimmert ein Frauenlächeln, dann verlischt es.

Das ist aber keineswegs eine Betrachtung, an die eine Schlußmoral geknüpft werden soll.


PETER ALTENBERG

Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags dahinwandelt, an den äußeren Rändern des bürgerlichen Lebens? Dirnenlokale, Freudenhäuser, Boheme-Spelunken, Varietees, Kabaretts. Bei Menschen, die der brutalen Neugierde, der stumpfen Lustbarkeit, dem gedankenlosen Vergnügen der Satten dienen. Bei Menschen, die aufgebraucht, genossen, verachtet werden und die er anbetet. Dort schwelgt er in subtilen Wonnen, vergeht in Anfällen feiner und zärtlicher Verzweiflung. Dort waren die moskowitischen Sänger von der Newsky-Russotine-Truppe, denen er seine Seele hingab, dort war die spanische Tänzerin Carmen Aguileras, der er gleichfalls seine Seele hingab, das Aschanti-Mädchen Nah Bâdúh, an das er ebenfalls seine Seele hingab, dann die Schwestern Nagel, welche wienerische Lieder singen, dann die Leopoldine, die Gusti, die Anna, die Helene, die Gabriele, denen er immer wieder und wieder seine Seele hingegeben hat.