In die tobende Musik, in den Bierdunst, in das Gläserklirren, Kreischen, Lachen und Lärmen eines Nachtcafés tritt er ein, geht mit seinen sanften Schritten und mit seinem sanften Lächeln durch den Tumult, und der Reihe nach grüßen ihn zehn, zwölf, zwanzig Mädchen. »Servus Altenberg! … O, Peter – wie geht's dir? …« Sie grüßen ihn nicht wie einen Habitué, nicht wie eine geschätzte Kundschaft, sondern wie einen Freund, oder richtiger, wie man in einem Verein etwa ein Ehrenmitglied begrüßt. Vertraulich und hochachtungsvoll. Vertraulich, weil er ja dazugehört, und hochachtungsvoll, weil es ein Ehrenmitglied ist.

Man steht mit ihm an einer Straßenecke. Graben oder Kärntnerstraße. Spät nachts. Er disputiert, regt sich auf, schreit. Die Kutscher vom Standplatz hören zu, treten näher heran, bilden einen Kreis, lächeln. Dann sagt einer von ihnen mit tiefem Baß: »Hab' die Ehre, Herr von Altenberg …« Um sich vor uns damit auszuzeichnen, daß er ihn kennt. Die anderen wiederholen es, intim und respektvoll. Es ist beinahe eine Ovation. Der Schutzmann kommt herbei, weil er glaubt, es gäbe einen Auflauf. Seine Mienen sagen: ach soo … Er lächelt, salutiert: »Hab' die Ehre, Herr von Altenberg.«

Drei Uhr früh am Hof, wo die Marktweiber sitzen, Gemüse und Blumen verkaufen. Er geht mitten in dem Gewühl umher, atmet den Duft von Erdbeeren, Reseda, Levkoien, von Spinatblättern, Artischocken, Zuckererbsen; den Geruch des aufgehenden Tages und des frischbesprengten Straßenstaubes; sucht mit den Augen, liebkost mit den Augen die taufeuchten Blumen, die aufgetürmten grünen Gemüseberge und die hübschen Töchter der Marktweiber, die vierzehn- und fünfzehnjährigen. Die Mütter und die Töchter nicken ihm zu: »Grüaß' Ihna God, Herr von Altenberg …«

Peter Altenberg erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen an Terrain gewinne. Er hat das selbst einmal geschrieben, und es drückt sein Wesen vortrefflich aus. Er wird jetzt fünfzig Jahre alt. Das ist ein Abschnitt, um manches zu überdenken und sich mancher Dinge zu besinnen, und ich lese seine Bücher.

Ich lese, was ihm eine von den Spanierinnen einmal gesagt hat; eine Sängerin oder Tänzerin, vielleicht auch nur eine, die durch die American Bars und Chantant-Promenoirs von Europa zigeunert, jedenfalls eine von den vielen, denen er seine Seele hingegeben hat: »Votre lettre … je comprends, que vous me comprenez … c'est tout ce qu'il nous faut … c'est plus!«

Ich lese, wie er zusammen mit dem Pudel der Geliebten im Kaffeehaus die Geliebte erwartet, die aus dem Theater kommen soll: »Der Pudel setzte sich so, daß er die Eingangstür im Auge behalten konnte, und ich hielt es für sehr zweckmäßig, wenn auch ein wenig übertrieben, denn, bitte, es war halb acht Uhr, und wir hatten bis viertel zwölf Uhr zu warten. Wir saßen da und warteten. Jeder vorüberrauschende Wagen erweckte in ihm Hoffnungen, und ich sagte jedesmal zu ihm: ›Es ist nicht möglich, sie kann es noch nicht sein, bedenke doch, es ist nicht möglich!‹ Er war direkt krank vor Sehnsucht, wandte den Kopf nach mir um: ›Kommt sie oder kommt sie nicht?!‹ – ›Sie kommt, sie kommt …‹ erwiderte ich. Einmal gab er den Posten auf, kam zu mir heran, legte die Pfoten auf meine Knie, und ich küßte ihn. Wie wenn er zu mir sagte: ›Sage mir doch die Wahrheit, ich kann alles hören!‹ Um zehn Uhr begann er zu jammern. Da sagte ich zu ihm: ›Ja, glaubst du, mein Lieber, daß mir nicht bange ist?! Man muß sich beherrschen!‹ Er hielt nichts auf Beherrschung und jammerte …!«

Ich lese das Hotelzimmer: »Um drei Uhr morgens begannen die Vögel leise zu piepsen, andeutungsweise. Meine Sorgen wuchsen und wuchsen. Es begann im Gehirn wie mit einem rollenden Steinchen, riß alle Hoffnungsfreudigkeit mit, die Lebensleichtigkeiten, wurde zur zerstörenden Lawine, begrub die Fähigkeit, dem Tag zu genügen, und der unerbittlichen gebieterischen Stunde! Ein lauer Sturm brauste in den Baumwipfeln vor meinem Fenster …!« Und dann der Schluß: »Das Singen der Vögel in den Baumkronen wird deutlicher, Ansätze zu Melodien sind vorhanden. Laue Stürme bringen Wiesengeruch. Es wäre die schicklichste Stunde, sich am Fensterkreuze aufzuhängen …«

Ich lese die kleine Dichtung von den Märschen: »Es gibt drei Märsche, die in Musik umgewandelte Todeskühnheit und Blutdunst sind: Lorrainemarsch, Sternenbannermarsch, Einzug der Gladiatoren. Sie müssen mit einer kurzen und schrecklichen Entschlossenheit gespielt werden! – – Die Instrumente mögen direkt in den Tod gehen! Besonders kleine Trommel und Klarinette seien Helden! Sterben fürs Vaterland! Ex! Man muß die Bataillone gleichsam sehen, die den Selbsterhaltungstrieb hinter sich zurücklassen! Vor, vor, vor! Eine schreckliche Krankheit hat das Gehirn, das Nervensystem ergriffen: ›Du oder ich, Hund!‹ Sonst nichts!«

Dann aus dem Tagebuch eines Großvaters: »Also Arterienverkalkung höchsten Grades – –. Die junge Frau wird leben, leben, die zu mir gesagt hat: ›Ich glaube nicht, daß mein Erscheinen jemanden so glücklich gemacht hat wie Sie!‹ – – Die Bergwiesen in R. werden duften und leuchten, besonders nach Regen am Abend. Niemals ist jemand so begeistert vor ihnen gestanden wie ich. – – Enkelin, süße, bescheidene, allzu zarte, verlegene, in dich gekehrte, immer spürtest du es: ›Mein Großpapa versteht mich besser als alle –.‹ Ich möchte dich anflehen aus dem Grabe: ›Warte auf einen, der dich so, so verstünde wie dein verstorbener Großvater! Aber du wirst ihn nicht erwarten können.‹ – – – Amen – – Arterienverkalkung höchsten Grades – – Lebet wohl!«