Dann das Café de l'Opera im Prater: »Jawohl, eine eigentümliche Beziehung ist zwischen diesen Dingen: Herr, Dame; Mandolinengezirpe, Birke, Platane, Esche; weiße Bogenlampe und kühler Auen Nachtduft. Etwas abseits vom Leben ist es. Es schleicht nicht dahin wie Brackwasser. Eine wundervolle Mischung ist es, welche uns heiter macht und leicht. So unbedenklich sitze ich und lausche. Niemanden beneide ich. Eine Rose kaufe ich und schenke sie Signorina Maria. Eine wundervolle Zigarette zünde ich mir an. Wie lieblich die Mandolinen gebaut sind, wie hohle tönende Birnen! Wie die Birkenblätter glitzern! Wie ruhig die Platane steht. Und wie die Esche mit ihren zarten Blätterfingern bebt.«
Ich lese all diese kleinen Werke, diese kleinen Predigten, Ansprachen und Dichtungen. Manche sind wie stählerne Projektile, so fest in sich geschlossen, so vollendet und präzise in ihrer Form; und sie dringen einem wie Projektile in die Brust; man ist getroffen und blutet an ihnen. Manche sind wie Kristalle und Edelsteine, funkelnd in allen farbigen Reflexen des farbigen Lebenslichtes, strahlend von eingefangenen Sonnenstrahlen und blitzend von einem geheimnisvollen inneren Feuer. Manche sind wie reife Früchte, warm vom Hauch des Sommers, schwellend und süß, und voll Duft nach Laub und Gärten. Ich lese alle diese kleinen Werke, und sie sind entzückend in dem Rhythmus ihrer Sprache, in ihrem Tempo, in ihren gleichsam mit einer heftigen Gebärde hingeschleuderten Satzformen, die so viel Plastik haben und so viel malerische Kraft. Diese Sprache ist wunderbar persönlich und erinnert an keine andere. Nur hie und da, ganz leise, mahnt irgendein Klang an den Sprechton von Andersen. Und wenn man es weiß, daß Altenbergs Vater für Victor Hugo geschwärmt und die französische Kultur fanatisch geliebt hat, aber nur wenn man das weiß, merkt man, daß die Jugend dieses Dichters oft den Schwung und das graziöse Pathos französischer Konversationskünste gehört hat, und daß davon ein schwaches Echo in seiner Rhetorik vernehmlich wird. Sonst aber erinnert diese Sprache an nichts. Wenn er sagt: »Sterben fürs Vaterland! Ex!« … wenn er sagt: »So ist es! Schweige, Rekrut des Lebens!« … oder: »Basta! Wozu Ereignisse?« … oder: »Siehe! Diese Herrliche, Jugendliche, in purpurrotem Samt hat ihr Sedan in sich. Sie wird sich verfetten! Helas – –«; wenn er dies sagt, dann ist das wie lauter kleine neue Empfindungen, die er gemacht hat. Es ist, als ob man ihn reden hörte; als sprängen diese Ausrufe, diese verkapselten federnden, abschnappenden, pointierten Schlußwendungen unmittelbar aus der Hast und Aufregung seines Denkens und seines Temperaments. In seiner Form ist etwas Zwingendes; diese scheinbar asthmatische Beredsamkeit, dieses Klopfen aller Pulsadern in seiner Prosa, diese kurze, schnalzende Prägnanz wirkt verführerisch und lockt zur Kopie. Aber er allein nennt diese Echtheit sein eigen. Er hat vor sein erstes Buch das Motto gesetzt: »Mon verre n'est pas grand, mais je bois dans mon verre!« Mit der Zeit trinken freilich auch manche andere aus diesem Glas. Aber das macht nichts.
Er wählte dieses Motto von Alfred de Musset, als er anfing. Damals war er etwa dreißig Jahre alt und reif und fertig. Er ist nicht anders geworden seither, und was man künstlerische Entwicklung nennt, liegt nicht in seinem Wesen. Er wird niemals ein großes Werk schaffen, langsam komponieren und bauen, wird niemals die Fäden irgendeiner Handlung spinnen, knüpfen und lösen, niemals in seiner Phantasie Gestalten und Schicksale erschaffen. Denn er trägt nicht wie andere Künstler einen Teil des Lebens, ein Stück – einen »Fetzen«, würde er sagen – mit sich nach Hause, reißt nicht irgendein Stück aus dem Leben, um es bei sich zu verarbeiten, um es zu verändern, zu erhöhen und sein ganzes Ich darein zu verweben. Er sieht das Leben wie ein einziges, furchtbares und herrliches Schauspiel vor sich abrollen und hat keine Zeit, etwas zu versäumen, indem er sich mit sich selbst und mit einem Werk einschlösse. Er ist von diesem Schauspiel in solchem Maße erschüttert, gefesselt, berauscht, daß er keinen Moment vom Platze weicht. Ihm enthüllt sich die Tiefe der Welt in Worten, die Vorübergehende sprechen, in dem Auflachen oder im Erbleichen einer Dirne. Ihm öffnen sich die schwarzen Abgründe der Tragik im Seufzer eines enttäuschten Jünglings, in dem Blick, den eine gealterte Frau auf eine erblühende richtet. Er sagt: »Goldgelber, wunderbarer Chinatee«, und empfindet unermeßliche Fernen, exotische Landschaften, unermeßliche Möglichkeiten des Daseins. Er wird andächtig und ergriffen von dem rosigen gesunden Körper eines Kindes, erbebt vor den hellen unbeirrten Augen einer Dreizehnjährigen als vor etwas Göttlichem. Es ist seine innerste Notwendigkeit, still dazusitzen und zu schauen und sich schauend am Leben zu erzücken oder zu kränken. Und es ist seine innerste Notwendigkeit, daß er dann diese kurzen Briefe an das Leben richtet. Manchmal Anerkennungsschreiben, die von seinem Entzücken auf eine rührende Weise ganz durchtränkt sind. Manchmal wieder Schmähbriefe, in denen ein erstickender Zorn ins Stammeln gerät. Er wird immer nur diese kleinen Prosastücke schreiben; alle seine Bücher enthalten nur solche kleine Prosastücke, und die folgenden Bücher, die er noch erscheinen lassen mag, werden auch nichts anderes enthalten. Aber unter ihnen sind viele kleine Meisterwerke. In diesen wohnt eine ungemeine Flugkraft, und sie werden ihn über die Jahre hinwegtragen zu Generationen, die erst noch kommen. Denn Altenberg besitzt eine wunderbare Macht. Während andere mit der Gewalt eines langen Atems Werke schreiben, die man morgen schon vergessen hat, kann er mit seinem kurzen Atem Dinge sagen, die einfach unvergeßlich sind.
Er sitzt in den Dirnenlokalen, in den Freudenhäusern, in den Varietees, in den Boheme-Cafés und erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen an Terrain gewinne. Es sind seine eigenen Worte. Freilich ist das der Wunsch so ziemlich aller Dichter, nebenbei auch aller Priester. Die Dichter betonen es nur nicht immer ausdrücklich, streben bloß bewußt oder unbewußt danach, zur Erreichung dieses Zieles etwas beizutragen. Die Priester wieder predigen und verkündigen es unaufhörlich und wissen Rezepte, die unfehlbar dazu verhelfen, daß die Seele an Terrain gewinne. Altenberg tut beides. Er predigt, und er dichtet; er gibt Rezepte, er überredet und schreit das Leben an, kanzelt es ab wie ein Priester und wirft sich ihm dann wieder bedingungslos, fassungslos, überwältigt in die Arme wie ein Künstler.
Er sieht eine Akrobatin, einen Fechter, eine junge Tänzerin voll Verve in jeder Bewegung oder einen Collie von echter Rasse oder ein Tiffany-Glas oder eine frische Wiesenblume und ruft mit geschnürter Stimme, zitternd vor Begeisterung: »Das ist das Höchste! Das Hö-ö-öchste!!« In dieser Sekunde ist es ihm wirklich das Höchste. Als habe das Leben eine neue Überraschung, irgendeine neue Aufmerksamkeit für Altenberg bereitgehalten, habe ihm diese Gabe plötzlich dargereicht, um ihn zu entzücken, und als sei er nun fürstlich beschenkt, als sei er vor allen anderen begnadet. Es ist aber auch, als umfasse er in dieser einen Sekunde wiederum den ganzen Reichtum des Daseins.
Er sieht eine Frau, und in diesem Augenblick ist sie die einzige, an die er seine Seele hingibt. »Ich habe das Antlitz gesehen«, sagt er. Jedes andere Antlitz verlöscht in ihm, versinkt, und es existiert nur dieses eine. Dieses ist ihm für jetzt die Erfüllung seines Traumes von Frauenschönheit; dieses ist ihm für jetzt die höchste Meisterleistung der schaffenden Natur und ist ihm ein Anlaß, wiederum ein lobendes Schreiben, einen enthusiastischen Dankbrief an das Leben zu richten. Er hat seine Seele oft nur für wenige Tage, oft nur für eine halbe Stunde hingegeben; aber er hat sie immer ganz hingegeben, ohne Vorbehalt, und als täte er es zum erstenmal.
Er sitzt bei den jungen Männern, die sich Mädchen kaufen, und sagt ihnen: Glaubt nicht, daß ihr jetzt alle Rechte über dieses Geschöpf habt! Beachtet, wie herrlich schön dieses Mädchen ist. Nehmt sie nicht im brutalen Heißhunger eurer Sinne. Nehmt sie nicht so, daß ihr dabei die freche Gesinnung hegt, ihr werdet durch sie besudelt. Beachtet ihre Traurigkeit und ihre Heiterkeit; beachtet ihr Schicksal. Seid nicht wie Tiere! Die jungen Leute denken bei sich: er ist verrückt! Aber sie schlagen einen andern Ton gegen die Mädchen an. Die Seele des Menschen hat an Terrain gewonnen.
Viele junge Männer drängen sich zu ihm; viele ältere sitzen an seinem Tisch und hören ihm zu. Viele haben sich im Laufe der Jahre nacheinander seiner bemächtigt, haben ihn nicht losgelassen, konnten nicht existieren ohne seinen Zuspruch, ohne seine milden Reden, ohne seine Wutanfälle und tobenden Beschimpfungen. Verwöhnte Frauen, sehnsüchtige Mädchen langen über seine Bücher und über gesellschaftlichen Zwang hinweg nach ihm, begehren seine persönliche Nähe, seine Worte, spüren in ihm eine unbekannte neue Zärtlichkeit, eine wunschlose Anbetung, irgendeine Befreiung, irgendein Labsal oder eine Aufklärung. Die Leute in den Nachtlokalen, die Freudenmädchen, die stumpfsinnigen Trinker und Genießer, die Kellner, die Kutscher, die Schutzmänner, die Wirte, alle sprechen mit ihm. Er sagt ihnen: Hütet eure Verdauung! Habet Ehrfurcht vor eurem Schlaf! Er sagt ihnen: Die einzige Perversität, die es gibt, ist, seine Lebensenergien zu schwächen und zu vermindern! Alle diese Menschen verstehen ihn natürlich nicht, aber sie verstehen, daß er sie irgendwie liebt, daß er Güte für sie hat, und sie lieben ihn auch. Sie lächeln, wenn er seine langen Reden hält, sie blinzeln einander an, sie zucken die Achseln, aber sie lassen nicht ab, ihm zuzuhören, sie kommen nicht los von ihm. Wie das Grubenpferd im Germinal das andere eben von den Wiesen ins Bergwerk hinuntergelassene junge Tier beschnuppert und an seinem frischen Geruch die freie Luft und die Sonne ahnt, so wittern diese Leute, die im Alkoholdampf, im Lärm, in der Nachtmusik, im Rausch und Dunst ihrer Welt eingeschlossen sind, an ihm etwas von der Unschuld, die ihnen verloren ging, wittern an ihm die Poesie, die sie nicht mehr kennen, und freuen sich, wenn er kommt, und grüßen ihn, wenn er geht.
Er ist in dieser Welt etwa wie der Pilger Luka im Nachtasyl oder wie in der Macht der Finsternis der alte Akim. Er ist hier heimisch und kommt doch von wo anders her. Er wurzelt hier, und doch brennt in ihm eine Flamme, die nicht an diesen Lichtern hier unten entzündet worden ist. Er ist unter all den Erwachsenen und Beladenen und vom Dasein Entstellten vollkommen wie ein Kind. Seine Freunde, die ihn begreifen, schauen einander an und lächeln, wenn sie ihn wie ein Kind gegen das Leben eifern und streiten hören; und sie lächeln noch einmal, wenn sie merken, wie vielfältig er doch wieder den Wirklichkeiten dieses Lebens verstrickt ist, und wie naiv er sich seiner bedient. Die breite Menge der Gebildeten ergötzt sich an seiner wunderlichen Erscheinung, verspottet seine kleinen Meisterwerke, hält ihn für verrückt oder für einen, der sich zum Narren hergibt, wohl auch für gemeingefährlich, jedenfalls für sehr verkommen. Im Kabarett Fledermaus erzählt Dr. Egon Friedell Altenberg-Anekdoten. So oft er beginnt: »Es ist mir beschieden, im Leben des Dichters Altenberg dieselbe Rolle zu spielen, die Eckermann im Leben Goethes gespielt hat«, brüllt das Publikum und meint, damit sei nun Altenberg gebührend verhöhnt worden. Es gilt ihnen schon als ein Witz, daß der Dr. Friedell sagt: Der Dichter Altenberg. Denn sie meinen, es sei im Ernst ganz unmöglich, ihn einen Dichter zu nennen. Sie brüllen auch zu den Anekdoten und ahnen nicht, wie glänzend diese erfunden sind. Die stürmische Heiterkeit, welche Dr. Friedell mit seinen Altenberg-Geschichten immer erregt, ist gewissermaßen eine falsche, eine mißverständliche Heiterkeit. Denn die Leute verstehen nicht, wie der ganze Wert dieser ausgezeichneten kleinen Geschichten nur darin besteht, daß aus ihnen die rührende und einzigartige Gestalt Altenbergs lebendig hervortritt, daß durch sie das Wesen Altenbergs mit einem klaren ungemein psychologischen Humor beleuchtet und manchmal verklärt wird. Die Leute sehen ihn von weitem. Sie sehen seine Werke aus der Entfernung ihres bürgerlichen und an vermorschte Wahrheiten geklammerten Standpunktes, genau so wie sie seine Person von weitem sehen, wenn er zufällig auf der Straße an ihnen vorbeigeht, oder wenn er eben im Saale ist, während Dr. Friedell von ihm spricht. Sie meinen dann ja auch, nachdem sie ihn begafft haben, er sähe wüst aus, vernachlässigt und beinahe zerlumpt. Und wissen nicht, mit welcher Sorgfalt diese weiche, den Körper kaum beschwerende Kleidung ausgewählt ist; wissen nicht, was für ein gepflegtes, weißes, durchleuchtetes Antlitz er hat, was für feine beseelte Züge, was für schöne strahlende Augen; sie wissen nicht, daß er die schmalsten vornehmsten Alabasterhände hat, und daß seine Stimme sanft und gesanglich klingt und edel.
Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags dahinwandelt, am äußern Rand des bürgerlichen Lebens, an den Grenzlinien, wo das Wohlgeordnete sich löst, wo viele Dinge, die sonst als unumstößlich gelten, zweifelhaft werden! Er ist jetzt fünfzig Jahre alt, ist in diesem heutigen Wien eine der interessantesten, subtilsten und ergreifendsten Existenzen, ist für alle Wissenden in Europa ein geliebter und bewunderter Dichter, in dem großen geistigen Orchester ein Instrument, dessen besonderer Klang durchdringend und aus tausend Stimmen kenntlich bleibt, … und für das Amüsierpublikum vom Maxim, vom Café Central und vom Kabarett Fledermaus eine Kuriosität, ein ridiküles Schaustück neugierigen Bürgersleuten. Eines Tages aber wird man Altenberg-Erinnerungen schreiben und Altenberg-Biographien. Die dann diese Bücher lesen, werden glauben, ganz Wien habe dieses Original verstanden, verehrt und gefeiert, und sie werden sagen: Schade, daß wir ihn nicht mehr gekannt haben, wir hätten ihn ebenso gefeiert und verehrt. Eines Tages wird jemand beweisen, daß draußen, an den äußern Rändern des Alltags, durch das Wirken Altenbergs die Seele des Menschen an Terrain gewonnen habe. Dieser Beweis wird gelingen, weil es einfach wahr ist. Nur heute würde das niemand glauben wollen.