SPAZIERGANG IN DER VORSTADT
In diesen schönen Frühlingstagen bin ich jetzt oft und gern in Währing gewesen. Weit prächtiger mag es sich ja anhören, wenn einer sagen kann, er sei kürzlich erst in Samarkand spazierengegangen, oder er habe sich in Brasilien umgetan. Währing, das klingt natürlich nach gar nichts. Zwar wüßte ich nur wenig Punkte der Erde, von denen sich heute noch ein großes Rühmens machen ließe. Die Menschen sind überall schon umhergewesen und kommen überall hin. Alle Länder mit all ihren Städten sind uns hundertmal schon beschrieben, derart, daß gar viele unter uns, deren Sinn beständig nach der Ferne steht, im Weiteren besser Bescheid wissen als im Engeren und Nächsten. Mag es also auch nur Währing sein … ist man da aufgewachsen, dann fragt man nicht viel, ob der Name des Ortes hinreichend prächtig sich anhört. Und wenn man nach zwanzig Jahren zum erstenmal wieder heimkehrt, zum erstenmal wieder an diesen bescheidenen Häusern vorbeigeht, und den stillen Gärten; nach zwanzig Jahren wieder den wohlvertrauten Umkreis durchwandert, darin man vorzeiten das Gehen und Sprechen gelernt, das Lesen und Schreiben, wo man die ersten Freuden gehabt hat und frühen Kummer genug, dann mag man sich allhier von der Lebendigkeit des Daseins stärker angerührt fühlen als im fremden Samarkand oder in Brasilien.
Das war damals wirklich so, und man schrieb es auch auf den Postadressen nicht anders, daß Währing »bei« Wien lag. Draußen, vor den festgemauerten Wällen lag es, hinter denen sich die Stadt verschanzte, und begann erst ein gutes Stück hinter dem gewaltigen Holzgatter, mit dem man die »Linie« absperren konnte. Von der Stadtseite her war es nur durch den einzigen Durchschlupf zu erreichen, den eben die Linie freiließ. Deutlich erinnere ich mich noch des Feldweges, der hinter dem Mauttor anfing und heimwärts führte. Felder überall und Wiesen. Und jenseits davon standen die ersten Währinger Häuser, wie gute Bekannte mit freundlichen Gesichtern. Aus den hellen Gassen kam man rasch überall ins Freie. Ein paar Schritte von der Kirche ab, die alte Neugasse hinauf, vorüber an dem halben Dutzend damals noch gern bespöttelter Kottagevillen, und man war auf der Türkenschanze, konnte durch hochstehende Saaten, durch Weingärten und Brachäcker unter Lerchenjubel und Sensenklirren in Feldeinsamkeit dahinwandeln, war einfach auf dem Lande. Und ein kleines, halb ländliches Gemeinwesen war das ganze Währing.
Die Stadt, die begann für uns gleich bei der Linie. Und beim Bürgerversorgungshaus, wo die Pferdebahn klingelnd zum Zögernitz hinausfuhr, glaubten wir uns schon mitten in ihrem stolzesten Gewühl. Hatten wir uns aber einmal gar bis zum Josephinum vorgewagt, dann meinten wir alle Pracht der Residenz erspäht zu haben. Eine alte Tante kam damals aus der Provinz zu uns, um, wie sie sich ausdrückte, die Wienerstadt kennen zu lernen. Und da wir Knaben ihr als Fremdenführer dienten, ist auch sie übers Josephinum nicht hinausgelangt. Sie war genügsam und gab sich damit zufrieden. Sie hat den Rest ihrer Jahre bei uns verbracht, aber während wir Kinder die Wienerstadt, nach der es sie so sehr verlangte, längst schon in allen Bezirken durchstreiften, reichte ihr Begehren gar nicht mehr weiter. Täglich rüstete sie sich mit sehr viel umständlicher Feierlichkeit, um »in die Stadt« zu gehen, rückte voll Anstand und Bedacht bis an das Versorgungshaus, und machte dort pünktlich kehrt. Vom Graben, vom Stephansplatz, vom Praterstern sprach sie zuletzt nicht anders als von Gegenden, in deren exotische Gefahren sich nur ein übertriebener oder ein mutwilliger Mensch begibt.
So saß unsere Jugend da draußen abgeschlossen und hatte, in enger Nachbarschaft mit der großen fremden, eine kleine trauliche Welt ganz für sich. Man war am geruhigen Ufer eines rastlos und brausend hinstürzenden Stromes, der nur manchmal eine Welle ergötzlich und überraschend zu uns heraufwarf. Kam im Frühherbst das Militär anmarschiert, dann lief bei der schmetternden Musik der ganze Ort freudevoll zusammen. Und wenn die Truppen auf den Hügeln der Türkenschanze manövrierten, hatte Währing seine richtige Einquartierung. Da erinnere ich mich noch der milden Septemberabende, an denen Schlag neun vor unseren Fenstern der Zapfenstreich geblasen wurde. In unserem ersten Kindesschlaf vernahmen wir die melancholisch-verwegene Melodie, hörten sie aus dem Dunkel der Straße zu uns heraufklingen und fühlten uns von wundersamen Abenteuern umwittert.
Es gab noch ein paar andere wunderschöne Dinge in Währing, um die es schade ist. Da war das Gasthaus »zum wilden Mann«. Freilich besteht es auch heute noch. Aber sein Charakter ist hin, seine Individualität ausgelöscht. Es ist längst in Reih und Glied der Gewöhnlichkeit getreten, steht mit seiner gleichförmigen Zinshausfront, mit den banalen Spiegelscheiben eingefügt in andere Fronten an der Straße, es gleicht den fünfhundert übrigen Bierhallen in Wien und nimmermehr sich selbst. Damals war es eine kleine, lang hingestreckte Baracke, voll altgeschwärzter, verräucherter, köstlich patinierter Gemütlichkeit, lag angeschmiegt an einen uralten Garten, der wie ein Wald aussah, dessen Baumgipfel, breit ausladend, die enge Hauptstraße überschatteten und in dessen duftender Ruhe vormittags die Kinder spielen durften. Dann war das Gasthaus »zum Biersack« da. Ein ländliches Gebäude mit einer für Heuwagen berechneten Toreinfahrt, von der man in die saalgroße, blendende Küche schauen konnte. Wir haben das oft getan, weil dort ein paar üppige Wirtstöchter, hochmütig, aber anlockend, mit den Schulbuben kokettierten; hübsche, wenn auch allzu feiste Backfische, die trotz ihrer geputzten Kleider famos in die Küche paßten, weil sie sich dort auf dem Nährboden ihrer blanken Fülle zeigten, ihn anschaulich zu erläutern und anzupreisen schienen. Einen Wirtschaftshof gab es da mit Schlachtbank, Taubenkogel und Steirerwagerl unter blühenden Akazien, und hinter dem weißen Zaun, der ihn abgrenzte, sah man den kühldunklen, kastanienlaubüberdeckten Biergarten. Es war ein Bild naiver Behaglichkeit, eine Szenerie für altväterische Genußfreude, wie etwa Schwind sie hätte zeichnen mögen. Und er muß den Biersack ja wohl gekannt haben, denn sein Freund Schubert hat oftmals hier fröhliche Einkehr gehalten, hat sogar, um sein müheloses Schaffen zu erproben, das Ständchen hier komponiert, mitten im Lärm unter Gläserklirren und Kellnerrufen. Dann gab's den Bachusgarten, an den mir nur ein verschleiertes Erinnern geblieben ist, wie an einen prangenden Traum. Uns war der Name schon wie ein Märchen. Den fröhlichen Weingott hatten wir auf Schildern neben Gambrinus oft gemalt erblickt, und angesichts der stattlichen, vollkommenen Bekleidung, die der Bierkönig trug, konnte der nackte, mit Weinlaub bekränzte Jüngling den Eindruck fröhlichster Unbändigkeit wecken. Der Bachusgarten, das schien uns sein eigener, gewissermaßen sein Privatgarten zu sein. Ein Märchen war halb erfüllt, da es den Garten gab, und wenn der Gott auch sichtbarlich darin fehlte, wir suchten ihn darin, und vermuteten seine Gegenwart. Es war eine wundervolle, zügellos grünende und blühende Wildnis, die hinter der mürrischen grauen Mauer sich auftat. Hoch standen die Gräser, undurchdringlich das Strauchwerk, und finstere alte Bäume reckten mit wilden Gebärden ihre Äste zum Sonnenlicht. Heute ist dies alles spurlos verschwunden. Eine gesittete, langweilige Häuserreihe steht nüchtern und vernünftig da. Nur das Staunen, mit dem man die ganze Verwandlung gewahrt, zeigt uns, wie tief einst der Glaube an die Unwandelbarkeit dieser Dinge gewesen.
Aber ich weiß sehr genau, wann dieser Umschwung begonnen hat. Eines Tages kam die Tramway heraufgeklingelt und fuhr mitten durch Währing. Es gab Straßen, die von Schienen durchzogen wurden, es gab Haltestellen. Man war einfach wie in Wien. Diese Tramway, die hin und her klingelte, bis tief in die Nacht hinein, sogar bis zehn Uhr, hat den ganzen Ort aufrebellt. Drei- und vierstockhohe Häuser reckten sich himmelwärts, rückten gegen die Stadt vor und besetzten das wüste Feld, das zwischen Wien und Währing lag. Angesichts dieser steinernen Regimenter sank der Linienwall zusammen, von hüben und drüben schlossen Straßenzüge und Baulichkeiten ineinander. Über die einstige Grenzspur aber ward der eherne Reif der Stadtbahn geschlagen.