Wandert man jetzt in dem neuen, von der Elektrischen durchsausten Bezirk umher, dann muß man das alte Währing unter all dem frisch Hinzugewachsenen mühsam hervorsuchen. Völlig schüchtern hält es sich verborgen, schweigt, weil es ja doch überschrien wird, und läßt das geschäftig eingedrungene Wesen schalten. Manches wohlbekannte alte Haus findet sich freilich noch. Beinahe jedes aber ist verändert, ist entweder ganz nobel, ganz modern herausgeputzt, hat sich entwickelt, ist jung geblieben, oder es scheint ablehnend in sich zu verharren. Und da fällt es mir auf, wie merkwürdig menschenähnlich manche Häuser altern. Sie werden unfreundlich, da sie einst gastlich und einladend gewesen, erscheinen mürrisch und schlecht gelaunt wie Greise, und man hat Mitleid mit ihnen, wie mit betagten, verbitterten Menschen, denen doch nicht zu helfen ist. Wer die Leute gekannt hat, die vor einem Vierteljahrhundert hier ihr Gewerbe getrieben haben, der kann auf seinem Spaziergang wohl auch merken, wie eine helle, in den morgigen Tag hineinhorchende Klugheit, wie verständiger Fleiß sich belohnt, und wie da der einzelne mit dem Boden, dem er sich anvertraut, gedeiht. Da ist nun mancher, den ich ganz klein hier einziehen und seinen Glückskreuzer an die Ladenschwelle nageln sah, heute ein großer Herr geworden, mancher enge Kramladen hat sich erweitert und prunkt jetzt mit großstädtischer Eleganz. Andere wieder, die hier ein üppiges Leben führten, so recht mit Übermut in ihrem Glück saßen, sind verschwunden, verdorben und verarmt, und drücken sich in kümmerliche Seitengassen. Man darf schon an die Leute von Seldwyla denken, denn die Währinger sind ein gar lustiges, zu allerhand Kurzweil stets bereites Volk.

Ehe ich dann den Weg ins Grüne gehe, den alten Weg der Währinger nach Weinhaus, Gersthof, Pötzleinsdorf, diesen drei Dörfern, die so wie an einer Schnur an der Straße aufgereiht liegen, suche ich den alten Ortsfriedhof heim, der unberührt wie einst mitten unter den Häusern liegt, und dem sie auch die kleine Zufahrtsrampe gelassen haben. Schubert und Beethoven haben hier geruht, und ihre ersten Grabsteine sind noch an der gleichen Stelle. Aus der Erde, in der Beethoven vermodert ist, sprießen Dijonrosen und wollen eben ihre Knospen öffnen. Über eingesunkene Grabhügel schreitet man dahin, an geborstenen Grüften vorüber. Die Inschriften auf den Totensteinen sind verlöscht und verwaschen, sie haben nichts mehr zu melden. Vergessene und Verlassene zumeist schlafen hier. Die Trauer, die einst um diese Stätte gewebt und sich zu Ewigkeitsversprechungen aufschwang, der Schmerz, der über diesen Särgen weinte und der sich in goldenen Lettern unstillbar nannte, all die Klagen, Tränen und all der Jammer schicken sich an, zu verflüchtigen. Von draußen dringt das Brausen der jungen Tage herein und weht die zögernde Erinnerung hinweg. Das Gewesene versinkt hier tiefer, tiefer in den Erdenschoß. Aber ein dunkles, machtvolles Grünen treibt üppig aus der reichgedüngten Scholle. Wie ein wilder, verwunschener Garten liegt der Friedhof da, blühende Hecken und schwellende Gräser überwachsen und decken den Totenzierat, und wunderbare Bäume sind hoch emporgeschossen, seit ich, ein Kind noch, hier gewesen, breiten ihre Wipfel in der Maienluft und trinken mit ihren Wurzeln die Kraft dieser Erde, die einst lebendig war.

Nur ganz draußen in Pötzleinsdorf ist alles beim Alten geblieben. Und der lieblich-schöne Wald umfängt einen wie treue, unwandelbare Freundschaft. Bloß weil das Unterholz so arg in die Höhe gewachsen ist und an manchen Punkten die Aussicht sperrt, wo einst der Blick das stille Tal durchmessen konnte, merkt man, daß ein bißchen Zeit vergangen sein mag. Da steht noch die Bank, einst Ziel und Rast so vieler Spaziergänger.

Ich will mich nach so langer Frist auf diese liebe alte Bank setzen. Und vielleicht wäre jetzt der Augenblick, Betrachtungen anzustellen: wie das Leben hinrollt, wie alles unaufhaltsam wächst und vergeht. Oder: wie man an diesem kleinen Gemeinwesen, das sachte und wie einer tätigen Vernunft folgend sich entfaltet hat, die ungeheure Bewegungsgewalt aller Entwicklung kann begreifen lernen. Aber ich denke nur an das Traumhafte dieses Spazierganges. Daß ich in diesen Lebensbereich, der mir einst so nahe gewesen, zurückgekehrt bin, und daß mir nun zumute ist, als sei ich gestorben gewesen oder all die Jahre her ganz fern von hier, in einem anderen Weltteil. Und habe inzwischen doch nur am Alsergrund gewohnt, gleich nebenan. So leben wir in einer großen Stadt. Leben stets nur auf einem winzigen Fleck, in zwei, drei Gassen. Begnügen uns mit dem Gefühl der Fülle, die uns umbraust. Und haben jeder irgendein Josephinum, bei dem wir Halt machen. Alle Fernen zwingen wir uns herbei in unser Zimmer, haben sie in Papier und Büchern eingefangen auf unserem Tisch. Aber es passiert uns, daß wir das Lebendigste versäumen, auch wenn, um es zu sehen, nicht mehr vonnöten ist als ein Spaziergang von einem Stadtviertel in das andere.


LUEGER

Vielleicht kommt es auch dazu, und es greift einmal jemand nach diesem Mann und stellt ihn mitten in einen Wiener Roman, und rollt sein Leben auf und enthüllt sein Schicksal. Aber das müßte dann freilich einer tun, dem nicht Haß, noch Bewunderung den Blick umschleiert; es müßte jemand sein, der die wundervolle Gabe des Anschauens besitzt und dem in seiner Kunst nichts höher gilt als die Anschaulichkeit. Wie man einen Schlüssel ins Schloß fügt, so müßte derjenige, der es unternimmt, diesen Roman zu schreiben, den Lueger-Charakter in das Herz des Wiener Volkes einfügen und dieses Herz damit aufsperren, daß alle seine Kammern offen stünden. Er müßte die Gestalt Luegers so über die wienerische Art hinfegen lassen wie eine Wolke über eine Wasserfläche streicht, und das Wesen Luegers müßte sich in der Tiefe des wienerischen Wesens spiegeln wie eine Wolke auf dem Grund der Flut sich abzubilden scheint. Er müßte die ganze Stadt rings um diesen Mann herum aufbauen, damit alle ihre Farben und ihre Lichter, in diesem einen gesammelt, blitzen und funkeln. Das wäre die Aufgabe.

Wichtig, interessant und für den Roman sehr wirksam ist es, daß er gleich im Anfang sagte, er wolle Bürgermeister von Wien werden. Bei allen Parteien, denen er sich anbot, hat er diese Bedingung gestellt: Bürgermeister werden! Und er hat sich vielen Parteien angeboten. Er begann als der Schüler eines jüdischen Oppositionskünstlers im Gemeinderat, ging zu den Liberalen, zu den Demokraten, und pries zu Schönerers Füßen die teutonische Heilslehre. Überall lehnte man ihn ab, von seinem stürmischen Ehrgeiz beunruhigt. Überall auch spürte sein Instinkt: diese Mühlen klappern zu wenig, mahlen zu langsam. Sein wienerischer Instinkt spürte: das wurzelt nicht! Liberaler Bildungseifer, demokratische Aufklärung und Unzufriedenheit, alldeutsche Wotansideale … das wurzelt hier nicht, das schlägt nicht ein! Er aber brauchte etwas, das breite Wurzeln fassen konnte, brauchte etwas, das wie der Donner einschlug. Damit er Bürgermeister werden könne. Niemand begriff damals, warum sein heißes Streben nach einem so bescheidenen Ziele ging. Er hat nachher gezeigt, wie es gemeint war.