Und noch ein Kapitel: Wie er jetzt weißhaarig, matt, erblindet und zitternd, von zwei Nonnen geführt, einherwankt, mit Orden bedeckt, … Exzellenz … auf dem Gipfel … und niedergebrochen. Den letzten Rest der im Kampfe aufgebrauchten Gesundheit im Rausch der Siegesfeste vergeudet. Vorzeitig zu Boden geschleudert, unfähig die Ernte zu genießen. Neidisch auf alle, denen er emporgeholfen und die nun in der Fülle der Macht schwelgen. Wie er langsam zum ewig greinenden, mißlaunigen, scheltenden Alten sich wandelt, dem die Treuesten nur noch aus Pietät lauschen. Wie er fühlt, daß sie von ihm abrücken, heimlich schon über ihn lächeln, die Achseln zucken; und wie er dann manchmal zeigen möchte, daß er noch derselbe ist, wie er längst abgenützte Künste wieder spielen läßt, wie er mit gebrochener Stimme wieder schmettern und donnern möchte, und wie ihn dann die Weihrauchdämpfe mitleidiger Schmeichler benebeln und beschwichtigen. Das letzte Kapitel: wie diese Flamme eines Wiener Temperamentes im blassen Schimmer der Ordensterne, im kindischen Glanz von Auszeichnungen und Titeln verlöscht.

Dieser Roman wäre zu schreiben. Die Gestalt eines Menschen zu zeichnen, in dem sich der Wille einer Epoche erfüllt hat. Jetzt freilich muß man noch warten. Bis es sichtbar wird, was nach ihm kommt, bis die Jahre, die seinem Dasein folgen, die richtige Distanz und die richtige Perspektive geben. Dann mag es geschehen, daß irgend jemand nach diesem Manne greift und den Roman seines Lebens, den man schnell vergessen wird, wenn er zu Ende ist, zu einem unvergeßlichen Kunstwerk formt.


GIRARDI-KAINZ

Sie betonen es, daß gerade diese beiden vortrefflichen Schauspieler dem wienerischen Theater unentbehrlich sein müßten, weil sie unter den wenigen bedeutenden Persönlichkeiten, die sich hier etwa vorfinden, die stärksten Österreicher seien. Ich würde hinzufügen: die letzten, wenn es nicht übertrieben wäre, dergleichen von irgendeinem Menschenexemplar zu behaupten. Aber für uns sind sie bei alledem die letzten; wir werden schwerlich noch andere sehen und wir vermissen sie sehr.

Sie weisen mich darauf hin, daß diese beiden Schauspieler einander verwandt, ja oft frappierend ähnlich sind. Dies sei Ihnen vorher nie so deutlich geworden als eben jetzt, da Kainz und Girardi gleichzeitig in Berlin wirken. Bei uns ist es, wie natürlich, oft bemerkt und besprochen worden. Manches ist ihnen gemeinsam. Wie Männer, die gewohnt sind zu befehlen, fast überall diesen unbeirrten ruhigen Ausdruck des Blickes, diese geborgene, schwere Sicherheit des Tones in der Stimme haben, so haben diese beiden in ihren Gebärden, in ihrem Gehen über die Bühne, in der unbedingten Freiheit ihrer Schultern das Glück früher und beinahe müheloser Erfolge. Sie waren gleich von Anfang an berühmt, sind es schon von Jugend auf. Sie stehen jahrzehntelang unter der erfrischenden Dusche des Beifalls. Dann ist da noch in beiden auf dem Grunde ihres Wesens ein beständig mitschwingendes Jauchzen, und das ist ihre Verwandtschaft. Sie sind beide so sehr voneinander verschieden, ganze Welten liegen zwischen ihnen; allein wie Brüder oft voneinander verschieden und durch Weltenfernen in ihrem Charakter voneinander getrennt sein können, und dennoch mit einem Lächeln, mit einem Zucken der Lippen sich als Geschwister offenbaren, so offenbaren sich diese beiden mit ihrem Jauchzen als Brüder. Denn es ist ein österreichisches Jauchzen; es stammt aus demselben Klima, es ist von derselben Sonne und von demselben Dialekt gebräunt. Auch ist ihr Zugreifen dasselbe. Sie wissen ja, was ich damit meine: ihre Art eine Sache anzugehen, einer Empfindung, einem Konflikt gegenüber zu treten, sich einer Aufgabe zu bemächtigen, kurz, es ist derselbe Handgriff.

Man hat Ihnen gesagt, daß Girardi der typische Ausdruck des Wienertums sei, die leibhaftige Verkörperung der wienerischen Art, der wienerischen Echtheit. Es ist so oft gesagt worden, hat so oft in den Zeitungen gestanden, daß es vielleicht wahr ist. Trotzdem vermochte ich niemals den Gedanken abzuweisen, warum man einen glänzenden Orientmaler dann nicht auch einen typischen Orientalen nennt. Oder weshalb wir dann zum Beispiel Lafcadio Hearn nicht als einen vollendeten Japaner erklären. Hat doch der eine alle Farben und feinsten Lufttöne des Morgenlandes gegeben, der andere die seelische Verstecktheit Japans erhellt. Nur weil der Maler so sichtbar von seinem Werk zu trennen ist? Und weil wir zu genau wissen, daß Hearn ein Anglo-Amerikaner war?

Auch Ihnen erscheint Girardi als der echte Wiener. Aber Sie haben gewiß schon bemerkt, wie sonderbar und wie irreführend das national und landschaftlich Echte auf fremder Erde wirkt. Eine spanische Tänzerin scheint uns absolut ganz Spanien auszudrücken; ein tartarischer Sänger absolut die Welt des Kaukasus. Unsere Vorstellung von Spanien findet sich in irgendeinem Hüftenrhythmus der Tänzerin plötzlich bestätigt, unser Phantasiebild vom Kaukasus glüht bei irgendeinem Kehllaut des Sängers unversehens auf, und wir rufen: echt! Wir rufen es mit Entzücken und verfehlen dabei – fast regelmäßig – gerade diejenigen Dinge, die ein Spanier oder ein Tartar mit vertrauten Instinkten als echt empfinden würde.