Der Kakadu ist noch derselbe Schwindler und foppt die Leute, so oft es ihm gefällt. Dem Löwen aber hat man, wie es scheint, seine Herrenlaunen abgewöhnt. Geduckt sind alle diese Tiere durch ihre lange Gefangenschaft. Ihnen allen ist die Menschenfurcht von den Mienen zu lesen. Aber verändert sind sie in ihrem Wesen nicht. Manchmal revoltieren sie, und solche Augenblicke, in denen ihre wirkliche Natur hervorbricht, sind von einer wunderbaren Gewalt.
An sommerstillen Abenden, wenn die Löwen unruhig in ihrem Käfig umherlaufen oder stehen bleiben, das Haupt tief herabgesenkt, aufmerksam witternd; wenn der Königstiger sich erhebt und die ungenützte Kraft in seinen Flanken zittert; und wenn sie dann alle ihr Gebrüll beginnen, das wie ein schmerzliches Stöhnen und Blasen sich anhört, dann fallen die anderen Tiere ein, und dann ist es ein mächtiger Chor der Gefangenen. Und es ist von einem sonderbaren Reiz, die Stimmen aller Länder und Zonen hier auf einem einzigen Platz zu vernehmen. Die Löwen der afrikanischen Wüste, die Tiger aus den Dschungeln Indiens, den Schrei der Pardelkatzen aus Brasilien, das Brummen der nordamerikanischen Bären, die wilden Trompetenstöße der Elefanten, tropisches und arktisches Getier, als ob sie aus allen Weltteilen ihre erbitterten Klagen erheben wollten gegen eine drückende, ungerechte und quälende Herrschaft.
Versöhnlicher hört sich das in der großen Volière an, in diesem hellen, belebten Saal, in dem die Vogelstimmen aus allen Wäldern der Erde ineinanderklingen. Von einer beständigen, fröhlichen Musik ist das freundliche Gelaß erfüllt. Tausendfache Melodien tausendfach ineinander verschlungen, Töne von einer märchenhaften Reinheit, ein Gesang von so schallendem Jubel, daß man sich von linder, tröstlicher Heiterkeit unwiderstehlich ergriffen fühlt. Staunend betrachtet man hier die wundersamsten Launen der schaffenden Natur. Winzige Vögel, die in der Farbenglut ihres Gefieders aussehen wie lebendiges Geschmeide. Prunkvolle, majestätische Tiere wieder mit richtigen Kronen auf dem stolzen Haupt; Tiere von heraldischer Würde, und dann wieder tolle, groteske Einfälle, Karikaturen, beschämte Existenzen, äußerste Plumpheit und himmliche Anmut; märchenhaft holde Gebilde und höhnische Verzerrungen, und beinahe mit frommen Gedanken findet man sich einer Kraft gegenüber, die mit sorglosem Gleichmut solch höchste Vollendung der Schönheit und so erbärmlich mißlungene Versuche nebeneinander bietet. Merkwürdige Vögel lernt man hier kennen, mit lyrisch-zärtlichen Namen wie die Diamant-Amandine; mit Namen aus Tausendundeiner Nacht, wie den Vogel Bülbül, von dem manche Leute glauben, daß er gar nicht existiert. Hier hüpft er gar zierlich in seinem Bauer umher und ist der Nachbar des echten Pirol. Gegenüber jedoch wohnt einer, der wie eine kleine gelbe Krähe aussieht. Gelb mit schwarzen Kopfflecken, schwarzen Schwingenfedern. Er hat ein scheues, schweigsames Wesen und heißt: Der schwefelgelbe Tyrann.
In der Volière wird der Zwang, den die gefangenen Tiere erleiden, am wenigsten kenntlich. Aber draußen, die Adler und Geier, die in ihren Käfigen sitzen und mit kummervollen Augen ins Weite schauen, die ihre Schwingen breiten und sie wieder langsam, gleich als ob sie seufzen würden, zusammenfalten, die sehen wirklich aus wie gefesselte Helden, und sie können einen manchmal arg verstimmen. Ein Kind sagte neulich: »Ich weiß jetzt, Vater, wie die Adler aussehen, und du kannst sie schon wieder fliegen lassen.« Wir wissen auch, wie Löwen und Tiger aussehen, und lassen sie doch nicht laufen. Aber das ist, abgesehen vom Schaden, den sie stiften würden, eher zu begreifen. Denn die Menschen empfinden es als einen Reiz, gebändigte Wildheit zu beschauen, gefesselte Riesen anzugaffen und an wehrlos gemachter Kraft sich zu weiden. Jeder hat schon bei sich, vor dem Zwinger, erwogen, »was der Löwe tun würde«, wenn man ihn plötzlich freiließe. Ich hab' mich niemals dazu vermocht, ihm was Schlimmes zuzutrauen, ob ich gleich all die blutigen Dinge, die ihm nachgesagt werden, nicht im mindesten bezweifle. So oft ich ihn aber sehe, erscheint er mir sanft, anmutig, harmlos und besser als sein Ruf. Selbst wenn er brüllt, sieht er nicht wild aus, sondern eher, als sei ihm bedenklich übel. Und im übrigen ist der Löwe in unserem Bewußtsein schon mehr ein Klischee geworden als ein lebendiges Wesen, eine Art dekoratives Gebilde, das ein jeder von allen möglichen Wappen her kennt, von Brücken und Denkmälern, so daß man glauben möchte, er werde in den Menagerien nur gehalten, damit er seine Existenz beweise. Sicherlich denken die Leute in Afrika anders darüber … Nur im Königstiger läßt sich der Feind erkennen. Doch wenn er in seiner engen Zelle die prachtvollen Glieder zum Sprung reckt, wenn er die verlangenden Körperkräfte an den Eisenwänden verrast, dann fühlt man Mitleid mit ihm und wünschte, diese Tiere, in denen der Trieb nach Freiheit nimmer schläft, möchten wenigstens in ein größeres Gehege gebracht werden. Es ist eine alte und, wie ich glaube, falsche Menagerietradition, die Raubtiere so eng als möglich zu halten und den Rindern, den Schafen und anderem gutmütigen, an den Stall gewöhnten Zeug weiten Spielraum zu lassen. Würde man Löwen, Tiger, Leoparden, Bären und Füchse in große Gehäuse bringen, wir könnten ihren Anblick zehnfach genießen und ein Schauspiel der herrlichsten Bewegungen würde sich entfalten.
Der gleiche Brauch bewährt sich ja im Affenhaus, vor dem die großen und die kleinen Kinder sich amüsieren. Im Grunde aber ist es doch ein recht melancholischer Spaß, den man mit diesen kränklichen, boshaften und lächerlich menschengleichen Geschöpfen hat. Wie gehässige, misanthropisch ausgesonnene Karikaturen, wie gespenstische Zerrbilder und böse Träume wirken sie auf die Dauer. Es ist, wenn man einen Affen betrachtet, als habe ein Mensch durch Krankheit oder durch verruchten Zauber den Gebrauch seiner Gaben verloren, als falle er in den tierischen Urstand zurück. Und während alle Schamlosigkeiten des Körpers die Übermacht gewinnen, quält er sich ab, diesem Jammer zu entwischen, bleibt mit menschlichen Mienen und tierischen Gebärden an der fürchterlichen Grenze zwischen Mensch und Vieh. Diese Versuche, die ihn uns wieder nähern sollen, wirken wie fast alle Vergeblichkeiten aufs erste freilich komisch. Die Leute möchten vor Lachen rasend werden, wenn so ein kleiner Mandrill einen Spiegel in die Hand kriegt und sich über das Wunder nicht zu fassen weiß. Und das Amüsement kennt keine Schranken, wenn ein Affe all das nachzuahmen sucht, was ihm einer aus dem Publikum vorzeigt. Da wirkt der tiefe Ernst solcher Bemühungen und ihre Fruchtlosigkeit lächerlich. Aber wer einmal nur einen kranken Affen gesehen, wer diesen flehenden, kummervollen Menschenblick geschaut hat, diese dunkeln, klugen Augen, die in Tränen schwimmen, diese vergrämten, greisenhaften und so verzweifelt kinderähnlichen Züge, der wird ein atavistisches Grauen bei ihnen nicht mehr los. In Wirklichkeit possierlich sind nur jene Tiere, die man ohne Befangenheit betrachten kann. Tiere, von denen uns weite Distanzen und Zwischenstufen trennen. Ein Drahtgitter aber ist noch keine ausreichende Scheidewand. Und es dient beim Affenhaus nur dazu, gelegentliche Verwechslungen und Irrtümer hintanzuhalten.
MAUERBACH
Am Laudonpark vorbei führt die schöne, sanft ansteigende Waldstaße nach Mauerbach. Gleich an ihrem Anfang steht das alte Laudonschloß mitten in einem stillen dunkeln Weiher. Man soll hier nicht vorbei, ohne diesen ruhevollen Herrensitz zu betrachten. Ein wenig neidisch wird man freilich, wenn man da so um die Mauern streicht und zu den hohen Fenstern emporblickt und dabei sich ausmalt, wie ganz wunderbar es sein muß, so mit allem Luxus und behaglicher Vornehmheit eingebettet sein inmitten des Waldes, umbuscht und umgrünt von einem Getümmel blühenden Strauchwerks und himmelragender Bäume. Auf dem stillen Weiher ziehen lichte Schwäne ihre Bahn, hellgrün belaubte Weiden lassen ihre Zweige in das Wasser niedersinken, und die Quadern des Schlosses spiegeln sich darin. Es ist ein Bau im Stil der Maria Theresienzeit. Anmutig und feierlich, und mit einem Zug ins Heroische. Daß man erst über eine steinerne Brücke gehen muß, um an das Tor zu gelangen, gibt dem Schloß das Aussehen einer Veste. So bauten die großen Soldaten vergangener Epochen. Immer, auch wenn sie sich zur Ruhe setzen, tun sie, als ob sie sich verschanzen wollten.