Der Feldmarschall Laudon ist in Weidlingau noch sehr populär. Seine Nachkommen leben in dem schönen Schloß, das er ihnen hinterließ. Er selbst aber liegt draußen im Walde begraben. Neulich habe ich ihn sogar mitten durch die Hauptstraße reiten sehen, umgeben von seinem Stabe, im weißen Waffenrock, das Goldene Vließ auf der Brust und hinterher ein Schwarm türkischer Gefangener. Voran kamen zwei Herolde in altdeutscher Tracht. Und auf seinem Zuge ließ sich der Generalfeldmarschall photographieren. Das Ganze war ein Sängerfest, und der Mummenschanz nahm sich auf sonniger Straße hübsch genug aus. Namentlich der Feldmarschall Laudon, von einem schlanken jungen Mann mit Würde dargestellt, erschien hier wie ein alter Bekannter. Er glich aufs Haar dem Laudon auf dem Wirtshausschild, was für beide, für den gemalten wie für den kostümierten Generalissimus, als ein voller Beweis ihrer historischen Echtheit gelten darf.
An diesem festlichen Tage fuhr ich, dem etwas langwierigen und lauten Männergesang zu entwischen, wieder einmal die Straße nach Mauerbach. Dort draußen kann man ja auch Sonntags im Freien sich ergehen, der frischen Luft genießen, ohne allzuvielen Menschen zu begegnen. Der große Schwarm hält sich eben dicht an der Bahnstrecke, und in dieses friedliche Seitental kommen nur wenige.
Ein schmaler weißer Streifen, zieht die Waldstraße durch die schöne grüne Welt. Berge ringsumher, sanfte, freundliche Berge, einer zärtlich immer an den anderen gelehnt. Und breite, fröhliche Wiesenflächen, auf denen einsame Erlen ihre Äste breiten. Hier und da eine alleinstehende Eiche, die aussieht, als sei sie mit den anderen Bäumen verfeindet und halte sich nun trotzig abseits von ihnen. Oder ein paar zarte junge Birken mitten auf einer Wiese, als sei es ihnen im Walde zu langweilig geworden, und als wollten sie nur eben ein bißchen spazierengehen. Und der weiße Wegstreifen vor dir läuft immerzu ins Grüne hinein, bergauf, bergab, wie unsere Sehnsucht, die sommerlich ins Freie strebt.
Man blickt zurück und findet sich völlig eingeschlossen von der Lieblichkeit der Wienerwald-Landschaft, in der so viel Eichendorffsche Stimmung ruht. O Täler weit, o Höhen! Wie nah ist man hier doch der Stadt, oder wie fern von ihr? Man weiß es nicht. Es können viele, viele Meilen sein, so still ist es da, und so unberührt ist die Flur. Nicht einmal der Wind trägt das lärmende Wanderlied der Eisenbahnzüge bis hierher. Nur Amselrufe, Finkenschlag und Lerchengesang, und das helle Zirpen der Grillen, das von den Wiesen aufsteigt wie der tönend gewordene Atem der blühenden Erde. Lange wird dieser Frieden nicht mehr dauern. Dann kommt die Bahn. Die »Wienerwald«-Bahn, wie man sie heute schon nennt, die von Hütteldorf über Judenau nach Tulln-Herzogenburg führen soll. Dann wird auch das jungfräuliche, wenig besiedelte Mauerbachtal, das jetzt so hübsch außer der Welt liegt, von Lärm und Unrast und Neugier erfüllt sein. Schlag' noch einmal die Bogen um mich, du grünes Zelt!
Dann freilich wird auch das kleine Mauerbach für die sogenannten weitesten Kreise entdeckt werden. Und man wird finden, daß es ein seltsamer und sehenswerter Ort ist. Maler werden hierher kommen und das alte Karthäuserkloster malen, und die Pfründner, die jetzt darinnen wohnen, wird man auf Bildern sehen, die den Armenhausbildern von Gotthard Kuehl gleichen werden. Und man wird bemerken, daß Mauerbach geradeso schön ist, wie die vielgerühmte Beguinage in Brügge, und ebenso vom Zauber einer wunderbaren, wehmütig lieblichen Stimmung übergossen, wie die stillen Stätten verrastender Greise in Holland.
Schon der abschüssige Dorfplatz in Mauerbach ist von einer merkwürdigen Schönheit. Die große uralte Linde, die in seiner Mitte steht, und das tief gelegene, farbige Portal, das den Eingang zur Karthause bildet. Verwachsene Fresken zieren den kühnen Steinbogen dieses Durchlasses, der eine Vedute auf den weiten Vorhof eröffnet. Es ist wie der Eingang zu einer Burg. Hinter dem vergitterten Fenster, das wie ein einziges Auge aus dem verwitterten Gemäuer blickt, mag einmal der Torwart ausgespäht haben. Jetzt sitzen die alten Frauen und Männer hier in der Sonne, oder rings um die Linde, oder sie kauern am Zaun der kleinen Vorgärten und schauen die Straße hinunter, die aus dem Gewühl des Lebens hierher zu ihrer Einsamkeit führt.
Über den weiten Vorhof, in dem die Hühner und Gänse ihre Prozessionen halten, kommt man zum Kloster. Ein Wassergraben, durch den der Mauerbach rinnt, wehrt den Zugang und erinnert wieder an eine Festung. Weiter unten steht auch ein runder, spitzbedachter verwitterter Turm mit kleinen Schießscharten. Die Karthäuser mögen sich gegen alle Zufälle vorgesehen haben. Denn es war eben doch nicht ganz gemütlich hier, mitten im Wald, vor vier- oder fünfhundert Jahren, und die »Wienerwaldbahn« ruhte damals noch tiefer im Zeitenschoße als jetzt. Die Pfründner natürlich haben dem Bollwerk eine andere Bestimmung anphantasiert. Sie nennen ihn den Hungerturm und behaupten, man habe sündige Mönche da hineingesperrt und sie elend darin versterben lassen, und natürlich gibt es einige, die wissen wollen, daß es in dem alten Turm spuke.
Durch schöne breite Gänge spaziert man in dem Kloster umher. Kreuzgänge, in denen es angenehm kühl ist, in denen die Schritte auf den Steinfliesen hallen, und wo das geschnitzte Holzwerk an den Türrahmen nachgedunkelt und tiefbraun geworden ist. Schlafsaal – Krankensaal – liest man jetzt, wo früher Refektorium oder Bibliothek gewesen. Dann die Kirche. Sie ist klein, aber hoch, und hat einen prunkvollen Altar mit einem mächtigen Bild darüber; rechts und links zwei überlebensgroße, in Gold und reichen Farben prangende Holzstatuen. Hier ist auch das Grabmal Friedrichs des Schönen, der die Karthause einst gegründet hat. Draußen im Garten wird die Stelle gezeigt, an der Friedrich im Walde sich verirrte und das Gelöbnis tat, wenn Gott ihn aus der Wildnis führe, hier ein Kloster zu erbauen. Und Gott rettete den schönen jungen Herzog. Und der »bonus dux« wie die Grabschrift ihn nennt, hielt seinem Schöpfer, was er versprochen. Lange hat er in dieser Kirche geschlafen, hinter diesem roten Marmorstein, der heute noch sein Lob kündet. Als dann Josef II. das Kloster aufhob und zu einem Armenhaus verwandelte, wurde auch der Stifter von den Mönchen hinweggenommen und anderswo gebettet. Ich glaube, zu St. Stephan in Wien, oder im Stift zu Heiligenkreuz.