Die Kirche aber ward zu groß befunden für die Armenhäusler, und so führte man in der Mitte eine Mauer auf, ließ das vordere Hauptschiff als Kapelle bestehen und teilte die rückwärtige Hälfte in mehrere Stockwerke, so daß jetzt zwei Schlafsäle übereinander den Raum einnehmen, den früher das Orgelemporium hatte. In dem obersten Saale sind alte Frauen. Da ist es denn für sie beinahe wie im Himmel selbst, denn sie sehen durch die Fenster geradeaus in die Kirche herunter, können von ihrem Bette aus den Hochaltar erblicken, die Messe hören, und der sanft schütternde Klang der Orgel dringt bis herauf in ihre Stube. Wenn sie aber morgens die Augen aufschlagen, dann haben sie gleich eine ganze Engelsschar über ihrem Haupt. Weil nämlich die prächtige Kirchendecke mit ihren Gemälden und ihren Stuckverzierungen hier unversehrt geblieben, genießen sie diesen Luxus, der ja in Armenstuben selten und sonderbar genug ist. Wo aber die Wand an die Kirchendecke stößt, schneidet sie freilich recht unbekümmert die ganze Herrlichkeit entzwei. Und da fährt nun ein Engel zum Zimmer herein, der halben Leibes noch in der Kirche drüben steckt. Ein anderer wieder ist noch mit den Beinen hier innen, während er mit Kopf und Armen voran in die Kirche strebt, und nimmt sich aus, als sei er hier gefangen und eben mit allen Kräften bemüht, zu entschlüpfen.
Es ist ein merkwürdiger Raum, dieser Schlafsaal armer, alter Frauen, dessen Dielen Weichholz sind und dessen Plafond an fürstliche Prachtgemächer erinnert. Welch eine ergreifende Atmosphäre! Wie nah am Tode und am Ende aller Dinge fühlt man sich hier! Wie viel verbrauchtes Leben, vollendetes Schicksal, überstandene Sorge, wie viel Hoffnungslosigkeit und Trauer, müdgeweinte Enttäuschung, wie viel endgültiges, demütigendes Verzichten, wie viel Abschiedsschmerz atmet hier, wo die Menschen nichts mehr zu tun haben, als auf ihr Stündlein zu warten!
Da sitzen die alten Frauen vor den Fenstern und schauen in die Kirche hinunter, mit stillen, erloschenen Blicken, die so bewegungslos und so undurchdringlich sind. Oder sie hocken auf ihren Betten und verstricken den Sommertag, oder wirtschaften mit einem enormen Aufgebot selbsttäuschender Wichtigkeit in allerlei Kleinkram.
Wie das Alter ertragen wird, kann man hier merken auf Schritt und Tritt. Wie die einen gelassen sind und beschwichtigt, die anderen in beständiger Aufregung, andere verzweifelt, andere beschämt und verschüchtert, andere wieder fröhlich. Sie alle zusammen aber recht egoistisch und zur Verträglichkeit wenig geneigt. Dort geht ein Greis über den Hof, trägt stolz seine Medaillen und raucht lächelnd sein Pfeifchen. Zwei andere aber stoßen sich an, blicken ihm spöttisch nach und beschwatzen ihn. Oder eine alte Frau verläßt eine Gruppe. Sofort finden sich die übrigen zusammen, ziehen über sie los, so ungeniert, daß die Davongelaufene es noch hören muß. Aber sie ist es gewohnt, kümmert sich nicht darum und macht es offenbar, wenn es die Gelegenheit gibt, auch nicht anders.
Beruhigt sind die Menschen auch hier noch nicht. Das kommt doch wohl erst, wenn jeder für sich im Schrein liegt, wo niemand ihn sieht, und wo er niemanden mehr beobachten, beneiden und bereden kann. »Was man da alles hört …« sagt eine kleine alte Frau zu einem Greis, der ihr aufmerksam lauscht. »Gestern hat die Huber mit der Berger g'stritten, weil der Meyer ihr zurückg'sagt hat …« Und ihr vergilbtes, kraftloses Gesicht leuchtet vor Vergnügen, so interessante Neuigkeiten zu berichten. Erstaunt betrachte ich sie, wie sie auf dem Platz unter der Linde stehen, alle beide ganz versunken in ihrem Gespräch. Ein paar Schritte weiter hinauf, und man überblickt die Karthause, wie sie eingebettet, im tiefen Wald, mitten in den Bergen hier einsam liegt. Da glaubt man, hier ist die Ruhe, und hier steht alles Leben und alles Geschehen stille. Und auf einmal sagt jemand: »Was man da alles hört!« In Mauerbach …
DAS WIRTSHAUS VON ÖSTERREICH
Wir fahren zum Stelzer nach Rodaun. Durch den lang hingestreckten Lärm der Mariahilferstraße; durch diese Stromschnellen des Mittelstandes, der hier in hunderttausend Alltäglichkeiten uns umschäumt. Draußen bei den letzten Häusern ist es dann, als ob eine Türe plötzlich aufginge. Da öffnet sich das Land, da wird der Himmel weit; von ferne schimmern die Höhen des Wienerwaldes und durch die Luft weht der Atem des Mai. Seitab der Straße, jenseits der Wiesensenkung lächelt Schönbrunn zu uns herauf. Über das Schloß hinaus prangt die feierliche Anmut der Gloriette am Firmament. Wir fahren durch das stille, noble Hietzing. Blühende Gärten, Sommerpaläste aus den Tagen der Maria Theresia, Biedermeierhäuschen und blühende Gärten. Weiter hinaus durch Lainz und Speising, alte Bauerhütten und neue Cottagevillen. Wir fahren am Rosenhügel vorüber, dann hinunter in die kleine Ortschaft Mauer, dann noch eine enge gewundene Straße bergan, zwischen Gärten, in denen der Flieder duftet. Auf der Graskuppe droben rasten die Pferde ein wenig. Nun sind wir den Bergen nahe. Der Wind trägt den Laubgeruch der Wälder zu uns her. Vor uns in der Tiefe, an die ersten Hügel geschmiegt, weißblinkend das Dorf Rodaun.