Drunten, beim Stelzer eine wirr drängende Auffahrt. Fiaker, Equipagen, Automobile, Kutschierwagen. Beinahe wie vor dem Lusthaus im Prater oder vor dem Pavillon d'Armenonville im Bois de Boulogne. Dies ist nichts als ein altes Wirtshaus. Eine ländliche Diele, im Stil der Kaiser-Franz-Zeit wienerisch; ein paar behagliche altmodische Stuben, allerlei neuer Zubau an Veranden und Terrassen. Ein Garten, der den Hügel erklettert, daran das Haus sich lehnt. Dreißig Wirtschaften gibt es im Wienerwald, die schöner und lieblicher gelegen sind als diese hier. Die Gegend ist reizend, aber sie wird von dreißig anderen hier herum an Reiz übertroffen. Hier ist auch kein Ausgangspunkt, hier führt kein Weg zu populären Landpartien. Man kommt eben nur heraus, um beim Stelzer zu sein. Der ganze Garten schwirrt von eleganten Menschen. Alle sitzen da unter den blühenden Kastanienbäumen und trinken Kaffee, sitzen dann im oberen Garten und soupieren.

Kleine Buben in Uniform, von Vater und Mutter, von Schwestern und Tanten umgeben und umzärtelt, verschlingen gierig ihre Eisschokolade, ihre Erdbeercreme und Kuchen. Zehnjährige, zwölfjährige Buberln, fünfzehnjährige, sechszehnjährige Burschen. Sie sind ungefähr wie die Theresianisten angezogen. Österreichischer Offiziersrock, silberne Litzen am Kragen, österreichische Offizierskappen. Brave, saubere Gesichter, die manchmal die Züge bekannter Familien tragen. Der Kleine da mag ein Liechtenstein, der andere hier ein Auersperg sein, der hübsche Pagenkopf dort ein Taxis. Diese kleinen Buben werden nebenan in der Jesuitenschule erzogen. Fünfzig Schritte vom Stelzer liegt das Kalksburger Kloster, darin diese Kinder aufwachsen, die jetzt schon so offiziell und so österreichisch aussehen.

Kalksburg … in dieser Küche wird der österreichische Geist zubereitet, wird gemischt und gewürzt, gedämpft und abgebrüht. In die Jesuitenschule gehen alle, die geboren sind, dieses Land zu regieren. Katholische Verhaltenheit, Kunst des Lavierens, innerliches Gebundensein, Technik der kleinen Lüge und der feingesponnenen Intrigen, Demut und Beschränktheit, Stolz und Gehorsam, Andacht, Aberglaube, Snobismus, Weisheit und Mißtrauen, Liebe zu allem Hergebrachten, Widerstand und Tücke gegen alles Neue, und noch viele andere Dinge werden hier in die Menschen gepflanzt, Dinge, die man bei uns sogleich begreift und erkennt, wenn man nur »Kalksburg« sagt. Hier wuchsen die Gegner Josefs des Zweiten auf, hier wurden die Minister des Kaisers Franz, die Diplomaten des Kaisers Ferdinand, die Ratgeber, Botschafter und Statthalter Franz Josefs erzogen. Von hier aus nahmen sie ihren Weg.

Und ihr erster Weg war immer zum Stelzer. Hier ward, in der Kalksburger Jesuitenschule, der staatsmännische Geist gebildet, der die Habsburger Monarchie vom Deutschen Reich löste, der nach Achtundvierzig die Reaktion verhängte, der auf den lombardischen Schlachtfeldern unser Blut vergoß, der gegen das protestantische Preußen trieb und uns zu Königgrätz brachte. Hier wird das pfaffenbeherrschte, christlich-soziale Österreich jetzt machtvoll wieder aufgerichtet. In dieser Waffenschmiede der Jesuiten wird unser Adel für Rom und seine Kirche gerüstet.

Aber wenn sie noch kleine Buben sind, und ihre Eltern herausgefahren kommen, um sie zu besuchen, dann werden sie zum Stelzer geführt. Es ist ihr erster Weg. Dann sitzen sie hier im Garten und essen Gefrorenes und haben liebe, saubere, brave Gesichter. Die Väter sitzen wohlwollend dabei, schauen zu, wie es den Kindern schmeckt, und denken der eigenen Jugend: Kalksburg, die Jesuitenschule, die Uniform und die Jause beim Stelzer. Diese kleinen Buben werden aufwachsen, werden dann zur Universität oder auf die Orientalische Akademie gehen, oder sie werden bei den Windischgrätz-Dragonern dienen. Dann werden sie mit ihrer ersten Geliebten, mit einem hübschen Ballettmädel, oder mit einer herzigen Choristin, oder mit einer französischen Varieteedame im Fiaker fahren. Über die Mariahilferstraße, am Schönbrunner Schloß vorbei, durch Hietzing und Mauer nach Rodaun, zum Stelzer. Sie werden irgendeiner Botschaft attachiert sein, in Buenos Aires oder in Peking, sie werden in die Statthalterei eintreten, bei irgendeiner Bezirkshauptmannschaft in der Provinz, oder sie werden in einem Ministerium arbeiten; und wenn sie dann im Frühling auf Urlaub nach Wien kommen, werden sie wieder im Fiaker zum Stelzer fahren. Sie werden irgendeine Prinzeß oder eine Komtesse heiraten und sich im Wonnemond, vor dem Derby jedenfalls, mit ihrer Frau beim Stelzer sehen lassen. Dann kriegen sie Kinder, die wieder nach Kalksburg zu den Jesuiten in die Schule müssen, und die kleinen Buben führt man dann wieder in den Gasthausgarten her, damit sie Gefrorenes essen zu ihrer Erholung vom Studium. Sie werden Hofräte und Sektionschefs und Generale und Leibgardekapitäns, und wenn man an linden Frühsommerabenden unter freiem Himmel »nachtmahlen« will, oder zum Kaffee ins Grüne fahren, dann ist es wieder zum Stelzer. Denn man ist konservativ und treu. Seinem Gott, seinem Kaiser, seinen Jesuiten, seinem gewohnten Weg und seinem Wirtshaus. Sie werden Minister und Exzellenzen und Statthalter und Gouverneure, halten die Schnüre der großen Politik in der Hand, haben feine und delikate Geschäfte auszuführen, mit fremden Diplomaten, mit irgendeinem Parlamentarier oder mit einem Börsenbaron; Angelegenheiten, die man vorerst ganz vertraulich, ganz privat behandeln muß und ganz gemütlich. Da gibt man solch einer Konferenz, in der manchmal das Schicksal Österreichs ein bißchen entschieden wird, den harmlosen Charakter eines Soupergespräches, den Anschein zufälliger Begegnung, und man plaudert beim Stelzer draußen in einem Gartenzelt, wenn's Sommer ist, oder in einer der behaglichen Altwiener Stuben, wenn ringsum der Schnee auf den Bergen liegt.

In diesen Stuben sind die Wände bedeckt mit Photographien. Prinzen und Prinzessinnen, ungarische Magnaten, polnische Schlachzizen, wienerische Geldfürsten, Theaterköniginnen, berühmte Tenoristen, populäre Komiker. Eine Galerie, die verschollenen Ruhm und versunkene Macht wieder ins Gedächtnis bringt, und Gesichter zeigt, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vorigen Säkulums lebendig und bekannt gewesen; Gesichter, die heute lebendig und bekannt sind. Auf jedem Bild Unterschrift und Widmung an den Wirt. In diesen Stuben sind Geheimnisse der Monarchie besprochen worden, diese Wände haben den Klatsch der großen Gesellschaft gehört und das Flüstern galanter, vornehmer Abenteuer.

Der schmale Weg vom Kloster her hat die Leute zuerst zum Stelzer gebracht. Kloster und Wirtshaus, Kirche und Lustbarkeit, das ist eine uralte katholische Nachbarschaft. Mit den Adeligen sind die Kokotten gekommen, mit den Kokotten die reichen Bürgersöhne, die Sprößlinge der großen Bankhäuser; es kamen die Fabrikantenfamilien vom Grund, es kam die prunkvolle Finanzwelt, die Künstler kamen, das Theater, einfach alle.

In diesem Garten, der von Menschen schwirrt, ist ganz Österreich beisammen. Österreichs Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Männer, die das Land regiert haben, die es regieren und die es einst regieren werden. Alle zusammen sind sie Schulkameraden von Kalksburg her. Das sitzt hier beieinander, jetzt, wie in den Tagen des Kronprinzen Rudolf, wie in den Tagen des Sechsundsechzigerkrieges, wie in den Jahren Radetzkys, wie im Vormärz, als Kaiser Ferdinand noch regierte. Das plaudert wie einst, sieht aus wie damals und denkt nicht viel anders, als man immer schon gedacht hat. Kennt sich untereinander, ist wie eine große Familie; und der Frühling duftet wie einst.

Wir fahren heim. In den Gärten singen die Amseln, über die jungen Saaten zuckt der Schwalbenflug dahin. Oben auf der Anhöhe liegt das kaiserliche Wien vor den berauschten Blicken. Dunst und Staub schwebt über der Stadt wie ein feiner hellgrauer Schleier, aus dem die Turmspitzen in der Abendsonne funkeln. Unübersehbar und mächtig ruht die Stadt in der Ebene, verschwindet am fernen Horizont, als breite sie sich über das ganze Land hin. Wir schauen zurück in das Tal, das wir verlassen, sehen die weiße Front des Klosters aus den Baumwipfeln des alten Parks schimmern, sehen Rodaun sich an den Fuß der Berge schmiegen. Dort unten haben wir den Extrakt dieser Heimatswelt geschaut, haben ihr Inhaltsverzeichnis gelesen, die Überschrift aller Kapitel ihrer Geschichte und ihrer Romane.

Und die Pferde traben.