So endete der erste Tag meines Hurenlebens. Ich war nun käuflich, war ein Ding für jedermann.

Ich ging nun täglich in den ersten Nachmittagsstunden mit Zenzi oder auch allein in die Stadt. Und das Geld, das ich verdiente, lieferte ich prompt meinem Vater ab, der jetzt gar nicht mehr daran dachte, sich eine Arbeit zu suchen, sondern es vorzog, auf meine Kosten zu leben und meinen Verdienst zu vertrinken. Meine Brüder sah ich gar nicht mehr. Franz war in Simmering, weit draußen, am entgegengesetzten Ende der Stadt in der Lehre, und Lorenz, der die Wirtschaft, die bei uns war, von Anfang an durchschaute, und der auch Rudolf nicht leiden mochte, ließ sich gar nicht mehr blicken.

Von dem Geld, das ich mir behielt, kaufte ich mir heimlich hie und da ein Stück zum anziehen oder auch zum putzen. Aber Rudolf erlaubte es weder Zenzi noch mir, mit den guten Sachen angekleidet auf den Strich zu gehen. Er meinte, wenn wir aufgeputzt dahergingen, werde die Polizei aufmerksam auf uns werden und außerdem werden die Herren, die uns nachliefen, wegbleiben, weil sie uns für konzessionierte Huren halten würden, und weil nur die Heimlichkeit unseres Gewerbes reize.

Ich wußte nun alles, war in allen Schlichen und Pfiffen meines Metiers bewandert, verstand mich darauf, den Wachmännern auszuweichen und sie zu täuschen, und verstand mich auch darauf, den Leuten, mit denen ich mich abgab, so viel Geld als möglich abzuluchsen.

Auch vor der Franzosenkrankheit war ich gewarnt und völlig darüber aufgeklärt, wie man sie erkenne. Ich unterzog jeden Menschen, dem ich mich hingab, einer genauen Visitation und bin heute noch froh darüber. Denn wenn ich auch manche Erkrankung nicht ganz vermeiden konnte, so bin ich auch davor bewahrt geblieben, die Syphilis zu erleiden. Eigentlich wie durch ein Wunder bewahrt geblieben, wenn ich's recht bedenke, denn ich kam schließlich in Situationen, in denen mir meine ganze Vorsicht nichts geholfen hätte, und in denen ich hundertfach angesteckt hätte werden können.

Rudolf habe ich in diesen Dingen viel zu danken gehabt. Er hat mich gelehrt, auf die Männer achtzugeben, daß sie mir mit keiner Waffe nahen, mich nicht am Halse würgen, oder mir den Mund zuhalten. Er war es, der mir einschärfte, wenn ich mit jemandem ins Hotel oder in die Wohnung gehe, das Geld vorher zu verlangen, und er war es, der mich davor warnte, jemals eine Kaserne zu betreten, es sei denn zu einem Offizier.

Ich kann nicht alles aufschreiben, was ich in diesen Jahren, was ich als Hure überhaupt erlebt habe. Meine Kindheitserinnerungen, so wechselvoll und bewegt sie sein mögen, sie sind mir haften geblieben, und ich habe von ihnen berichtet. Schließlich sind es Kindheitserinnerungen, wenn auch freilich sehr geschlechtlich und sehr wenig kindlich. Aber sie bleiben auf alle Fälle viel tiefer und dauernder in unser Gedächtnis eingegraben wie alles, was wir später erleben.

Wenn man bedenkt, daß das Jahr 365 Tage hat, und wenn man nur, gering gerechnet, den Tag mit drei Männern einschätzt, so macht das an elfhundert Männer im Jahr, macht in drei Jahrzehnten wohl dreiunddreißigtausend Männer. Es ist eine Armee. Und man wird es weder anraten noch wünschen, daß ich von jedem dieser dreiunddreißigtausend Schweife, die mich im Laufe der Zeit bewedelt haben, einzeln Rechenschaft ablege.

Es ist auch gar nicht notwendig, daß ich es tu! Weder für mich, die ich diese Blätter nur aufschreibe, um mein Leben in seinen Hauptzügen an mir vorbeigleiten zu lassen, noch für diejenigen, die in diesen Aufzeichnungen vielleicht nach meinem Tode blättern werden. Denn im Ganzen ist die Liebe unsinnig. Das Weib gleicht so einer alten Rohrpfeife, die auch nur ein paar Löcher hat und auf der man eben auch nur ein paar Töne spielen kann. Die Männer tun alle dasselbe. Sie liegen oben, wir liegen unten. Sie stoßen und wir werden gestoßen. Das ist der ganze Unterschied.