In ihren sonstigen Bräuchen und Sitten weichen sie nicht sehr von den Tagalen ab. Ihre Todten begruben sie in den Zeiten ihrer Unabhängigkeit, ähnlich wie die Igorroten, in Höhlen, das hat natürlich unter dem Christenthum aufhören müssen. Wie die Tagalen feiern auch die Visayer ein neuntägiges Todtenfest, das am letzten Tage in einer eigenthümlichen Weise seinen Abschluss findet. Der beste Theil des Hauses wird schwarz ausgeschlagen und eine Art Thronhimmel in demselben errichtet, auf dessen Hintergrund 10 bis 12 Todtenköpfe gemalt oder solche aus Papier ausgeschnittene befestigt werden. Dann wird unter diesem Thronhimmel ein Katafalk aufgerichtet, der mit allen Heiligenbildern, die die Verwandtschaft der verstorbenen Personen auftreiben kann, beklebt wird. Um 8 Uhr Abends halten dann die Hinterbliebenen das letzte Gebet für den Verstorbenen ab, was eine halbe Stunde in Anspruch nimmt, worauf das Haus für alle Eintretenden geöffnet wird. Speisen und Getränke stehen Jedem in reichlicher Fülle zur Verfügung. Ist der Magen der Anwesenden befriedigt, so werden von den Anwesenden improvisirte Coplas gesungen, deren Inhalt mit dem Todesfalle in gar keinem Zusammenhange steht, sondern sich meist um Schlachten oder fröhliche Dinge dreht. Diese Coplas werden nach einer durch eigenthümliche Regeln geordneten Weise, ähnlich wie bei dem deutschen Pfänderspiel „zusammengesetzte Hauptwörter”, von Burschen und Mädchen gesungen, welche als Theilnehmer dieses Spieles bellacos und bellacas[26] heissen, der Anführer des Chors heisst: Dueño de Jato[27] und das Spiel selbst Duplo[28] (Cañamaque, Fil. 180–185).
Ihre Industrie beschränkt sich hauptsächlich auf Herstellung von groben Sinamay- und Nipis-Zeugen (Diaz Arenas 291). Einen besonderen Ruf geniessen die wunderbar feinen Piña-Gewebe, bei deren Herstellung Fenster und Thüren fest verschlossen bleiben müssen, da der geringste Luftzug hinreicht, die zarten Fäden zu zerreissen (Buzeta I, 211). Die Ausfuhr von Geweben aus Ananasfasern wird denn auch in dem einzigen Hafen Ilo-ilo allein auf 1 000 000 Dollar geschätzt (Jagor 241). Die beste und feinste Piña wird in Antique gearbeitet (Scheidnagel 127). Durch Gährung wird aus den Cocosnüssen ein stinkendes Öl mit Namen aceite de caracoas oder mabajon lañgis bereitet (Buzeta I, 31), welches in grossen Massen ausgeführt wird. Bei der Ölgewinnung geht man sehr nachlässig vor (Jagor, Reisen 214). Sonst sind noch als Exportartikel der Visayer-Industrie Stöcke und Messergriffe aus Horn erwähnenswerth (Scheidnagel 128).
Das Innere aller der von Visayern bewohnten Inseln ist von „wilden” Visayern, „Infieles, Montesinos, Cimarrones” der Spanier bewohnt. Diese stammen sämmtlich von Flüchtlingen ab, welche vor dem Christenthum und der spanischen Herrschaft in die Wälder flohen. Sie sind meist gutmüthiger Natur und beginnen allmählich, ihren Nacken unter das spanische Joch zu beugen, obwohl trotzdem noch Jahrzehnte verfliessen werden, ehe die Spanier Herren der Binnenlandschaften der Inseln werden, deren Küstensaum sie beherrschen.
b) Calamianen. Die Calamianen bewohnen den gleichnamigen Archipel und den nördlichen Theil von Palawan oder Paragua, die von ihnen fast gar nicht verschiedenen Coyuvos die kleine Inselgruppe von Cuyo. Die sogenannten Agutainos bilden die nördliche Hälfte der Coyuvos. Die Calamianen sind dunkler gefärbt als die übrigen Visayer und haben etwas krauses Haar (Waitz V, 98; nach Mallat I, 335 und Crawfurd), was auf eine Beimischung von Negritoblut hindeuten würde. Ihre Gesichtszüge sollen einen wilden Ausdruck besitzen (Bastian V, 274). Sie bauen Reis, Cacao, Kaffee, Baumwolle und Pfeffer, aber Alles in so geringen Quantitäten, dass nicht einmal der heimische Bedarf damit gedeckt wird (Buzeta I, 452). Desto eifriger wird Fischfang getrieben (Cavada II, 21; Scheidnagel 45), besonders aber die Balate- oder Trepangfischerei; die Calamianen sind auch die eifrigsten und gewandtesten Sucher der essbaren Schwalbennester, weshalb ihre Länder als der Hauptsitz des Schwalbennesterhandels anzusehen sind (Buzeta I, 41; Cavada II, 21). Der Handel mit dem von den Wilden aus dem Gebirge eingetauschten Wachs und Honig wird eifrig betrieben. Sie werden als abergläubisch, indolent und faul geschildert, das „Remontarse” ist unter ihnen besonders häufig (Cavada, l. c.). Industrie existirt kaum dem Namen nach und beschränkt sich nur auf weibliche Webearbeiten.
c) Caragas. Die Caragas bewohnen die Ostküste von Mindanao vom Cap Surigao bis zum Cap S. Augustin. Sie gehören zu dem kriegerischsten Stamme der Visayer, ihre wilde Tapferkeit machten sich die Spanier in jenen grossen Kriegen zu nutze, welche sie im XVII. Jahrhundert gegen die Holländer und die Sultane von Buhayan, Mindanao und Sulu führten. Von ihrem kriegerischen Wesen zeugt die noch zu Ende des XVII. Jahrhunderts übliche Sitte, dass wer von ihnen sieben Menschen getödtet hatte, das Recht erhielt, einen rothen Turban zu tragen. Dieser Turban führte den Namen Bajacho. Natürlich hat diese Sitte seit lange bereits aufgehört. Die heutigen Caragas, seit drei Jahrhunderten Christen, unterscheiden sich jetzt wenig von den übrigen Visayern. Ihr Hauptnahrungszweig ist die Fischerei, dann erst der Reisbau; Industrie gering.
38. Manobos.
Die Manobos sind ein in fast allen Theilen der Insel Mindanao wohnhafter heidnischer Stamm. Ihre Wohnsitze sind die Bergwildnisse südlich von Dapitan (Cavada II, 197), dann durch christliche Visayer-Niederlassungen vom Meere getrennt in den Bergen südlich von Iligan, Cagayán (de Mindanao), Butuan und in den Thälern, welche die bei den letztgenannten Städtchen mündenden Flüsse in ihrem Laufe bilden (Semper, Skizzen a. v. St.; Cavada a. v. St.). Im Süden reichen sie bis zu dem Meerbusen von Davao (Cavada II, 221, 222), wo sie hauptsächlich am östlichen Gestade wohnen, während am linken sich nur einzelne Niederlassungen finden. Sie reichen im Westen bis in die Nähe von Cotta bató (Jagor 44; Cañamaque 43). Doch muss man bei diesen Angaben, soweit sie nicht, wie von Semper als Augenzeugen, sichergestellt sind, sich sehr reservirt verhalten, denn Manobos (Varianten: Manabos, Manobas) ist in Mindanao zu einem Collectivnamen für heidnische Bergstämme geworden[29]) (Waitz V, 56; D. Claudio Montero y Gay, in dem Bol. de la Sociedad geográfica de Madrid I, n. 4, p. 322).
Die Manobos erinnern in ihrem äusseren Habitus etwas an Chinesen (Semper, Skizzen 59). Sie leben in ganz kleinen Horden, welche gewöhnlich nur aus dem Häuptling — Bagani genannt — und den Brüdern seiner Frauen sich zusammensetzen (l. c. 60). Ihre Hütten stehen auf hohen Pfählen (l. c.), ebenso die Scheunen und Vorrathshäuser, welche mitten in den Feldern stehen (l. c. 61). Die Manobos im Norden treiben Ackerbau, und zwar sind Gegenstände desselben Tabak, Mais, Camote und insbesondere Reis, welch’ letzteren sie in solcher Fülle ernten, dass sie im Stande sind, ganze Bootsladungen an die christliche Küstenbevölkerung zu verkaufen (l. c. 60). Ausserdem obliegen sie dem Dalag-Fischfang mittelst Fischreusen und Netzen (l. c. 47). Die Manobos, welche am Meerbusen von Davao wohnen, scheinen keinen Ackerbau zu treiben, sondern sich nur vom Fischfange und Wurzeln, ja im Nothfalle selbst von ekelhaften Reptilien zu nähren (Cavada II, 223). Die ackerbauenden Manobos sind deshalb nicht sesshaft; sobald ihr nie gedüngter Ackerboden erschöpft ist, verlassen sie ihre Niederlassung und gründen sich an einer anderen günstigen Stelle ein neues Heim (Semper, Skizzen 62). Sie leben in Polygamie, doch gilt nur eine Frau als die legitime, der die anderen zu gehorchen haben (l. c. 60). Jede Frau hat eine Hütte für sich, in welcher sie mit ihren Kindern und den ihr zugewiesenen Sclaven lebt (l. c.). Da die Feldarbeit nur auf den Schultern der Frauen, Kinder und Sclaven ruht, so besteht in der grösseren Zahl derselben auch der grössere Reichthum des Mannes (l. c.). Ihre Waffen sind Lanzen, Schilde, Dolche und Schwerter (Semper, Skizzen 62), die Manobos von Davao wissen auch meisterhaft Bogen und Pfeil zu gebrauchen (Cavada II, 223). Ihre Religion und die Sucht, Sclaven zu erwerben, reizt sie zu beständigen Kriegen und Fehden. Sie haben einen ähnlichen Ahnencultus wie die übrigen Malaien Luzons und der Philippinen (Semper 61), überdiess kennen sie noch andere Götter. „So halten sie den Donner für die Sprache des Blitzes, den sie in der Gestalt eines abenteuerlichen Thieres verehren; wenn der Blitz auf die Erde niederfährt und in die Bäume einschlägt, so soll das Thier, nach ihrer Meinung, mitunter einen seiner Zähne darin stecken lassen” (Semper, Skizzen 61). Der Caiman wird von ihnen heilig gehalten (l. c.), welche Verehrung dieses Thier einst auch von den heidnischen Tagalen genoss (Mas, hist. I, 15). Bezeichnend ist der Name Diuata (Semper, Skizzen 62), der einem ihrer Götter zukommt, es ist dieses Wort gleichlautend mit der Ahnen-Benennung der Visayer. Der Diuata ist der Gott der Erntefeste, man erinnere sich an die religiösen Festlichkeiten, welche die Igorroten zur Erntezeit den Anitos darbringen. Dem Diuata werden Schweine geopfert und, wie bei den Igorroten, an das Opfer eine grosse Schmauserei geknüpft (Mas, pobl. 29). Hochverehrt wird auch der Kriegsgott Tagbusau (Semper 62). Nach beendigter Ernte ziehen die Manobos, wenn die eingeholten Auspicien glückverheissend sind, auf den Kriegspfad. Der Bagani, der als Priester des Tagbusau auch „dessen Talisman” mitträgt, sucht mit seinen Leuten den Feind im Morgenschlummer zu überrumpeln oder hinterrücks im Walde zu überfallen. Alle Erwachsenen werden niedergemetzelt, die Weiber und Kinder aber in die Sclaverei abgeführt (l. c. u. Cavada II, 223). Ihre Bestialität äussert sich sogar in einer Art von Cannibalismus: „Ist der Feind glücklich niedergeworfen und getödtet, so zieht er (der Bagani) ein heiliges, nur diesem Dienste geweihtes Schwert, öffnet der Leiche die Brust und taucht die Talismane des Gottes, die ihm um den Hals hängen, in das rauchende Blut ein. Dann reisst er das Herz oder die Leber heraus, und verzehrt ein Stück davon als Zeichen, dass er nun seine Rache an dem Feinde befriedigt habe. Dem gemeinen Volk wird es nie gestattet, Menschenfleisch zu kosten; es ist das Vorrecht aber auch die Pflicht des fürstlichen Priesters” (Semper, Skizzen 62). Die Schädel der erschlagenen Feinde werden nach Hause mitgenommen, aber nicht nach der bei den Kopfjägern Luzons üblichen Sitte aufbewahrt (Semper, l. c.). Einen der Gefangenen pflegen sie nach glücklich erfolgter Heimkehr gleichsam als Dankopfer dem Tagbusau auf grausame Weise abzuschlachten (Mas, pobl. 40, Semper, l. c.). Wie bei den Negritos wird auch hier jeder Todesfall durch einen Mord eines armen arglosen Wanderers, dem sie im Walde auflauern, wettgemacht (Mas, pobl. 39). Die Manobos der Provinz Surigao scheinen nicht mehr so blutdürstiger Natur zu sein (Cavada II, 206). Ihre Kopfzahl bei Butuan wird auf 10 000 Seelen geschätzt (Jagor, Reisen 322). Mas (pobl. 14) betrachtet sie als Seitenzweig der Igorroten, wohl nur mit Bezugnahme auf ihre Kriegslust und Fressgelage.